voraussichtlich auch noch das ganze Flies ' sche Vermögen erbt , hat andere Ansprüche zu machen und kann einen besseren Mann bekommen , als einen Menschen ohne Familie , einen Abenteurer . - Renatus ! rief Hildegard , ihr Erschrecken unter einem erzwungenen Lachen verbergend - Du thust ja wirklich , als ob Davide unter einer Schaar von Edelleuten und Grafen nur zu wählen hätte ! Du vergissest wohl , daß sie eine Jüdin ist ! Durchaus nicht ! Sie würde nicht die erste Jüdin sein , die einen Edelmann geheirathet hat ! entgegnete er ihr . Nun , vielleicht entschließest Du Dich selbst dazu ! sagte Hildegard mit bitterem Spotte , da sie ihre Bewegung nicht mehr bemeistern konnte und zuversichtlich glaubte , es bedürfe eben nur eines solchen Wortes , um Renatus , dem der Gedanke an eine nicht standesmäßige Heirath gar nicht kommen konnte , zur Besinnung zu bringen . Aber sie verfehlte ihren Zweck , denn Renatus , der seit gestern Abend nur darauf gewartet hatte , einen Ableiter für seinen Unmuth zu finden , und der , wie alle in der Kindheit verwöhnten Menschen , selbstsüchtig genug war , auch Andere leiden sehen zu wollen , wenn er selber litt , sagte gleichmüthig : Es wäre vielleicht das Gescheiteste , was ich thun könnte , und Davide ist schön genug dazu . Kaum war das Wort aber von seinen Lippen entflohen , so bereute er es , denn Hildegard brach in Thränen aus und wendete sich von ihm ab . Das konnte er nicht gut ertragen . Sie hatten als Kinder und auch später wohl bisweilen einen Streit mit einander gehabt , indeß Hildegard hatte dann immer mit der Bemerkung , daß sie die Aeltere und Verständigere sei , eingelenkt und nachgegeben . Er dachte , sie solle das auch heute thun , und er war bereit , sie dann um Verzeihung zu bitten und zu versöhnen . Er vergaß nur , daß sie jetzt in einem andern Verhältnisse zu einander standen , daß die einstige Jugendfreundin sich jetzt als seine Erwählte betrachtete und daß die Liebe oft weniger nachsichtig als die Freundschaft ist . Er wartete eine Weile , er rief Hildegard bittend bei ihrem Namen , sie achtete aber nicht darauf . Sie wollte ihn gründlich fühlen lassen , was er ihr gethan hatte , sie wollte sich auch satt weinen , denn sie mußte sich eingestehen , daß er sie absichtlich quäle und verwunde . Renatus seinerseits stand am Fenster , trommelte mit den Fingern leise auf dem Fensterbrette und überlegte , wie lange er warten solle . Das dauerte eine kleine Zeit , sie dünkte ihn jedoch lange , und als er sich eben anschicken wollte , fort zu gehen , weil er Hildegard nicht daran gewöhnen mochte , mit ihm die Unversöhnliche zu spielen und zu schmollen , trat sie an ihn heran und legte ihre Hand auf seine Schulter . Er wendete sich um und blieb betroffen stehen - Hildegard sah häßlich aus , wenn sie weinte . Sie war überhaupt nicht regelmäßig schön , sie hatte nur schöne Farben und den Jugendreiz , der blonden Mädchen eigen ist . Aber wie bei allen Blondinen vertrugen ihre Züge das Weinen nicht . Ihre feine Haut erschien fleckig , ihre Augenlider geröthet und ihre Gesichtszüge zeigten sich durch die Betrübniß so erschlafft , daß Renatus sich nicht darein finden konnte . Es that ihm leid , daß sie sich entstellte , er sagte ihr , daß sie Unrecht habe , so empfindlich zu sein und einen Scherz so übel aufzunehmen , aber er konnte sich nicht entschließen , sie mit einem Kusse , wie er wohl sonst gethan hatte , zu versöhnen . Sie kam ihm alt vor , und sie war ja auch älter , als er . Weil sie ihn sonst stets nachgiebig und weich gesehen hatte , hielt sie sich jetzt zurück ; sie glaubte sich dies schuldig zu sein . Renatus aber fand sich durch diese geflissentliche Zurückhaltung in seiner Unzufriedenheit mit der Geliebten nur bestärkt . Er blickte sie noch einmal an - ihr schmollender Mund mißfiel ihm mehr und mehr ; er begriff nicht , wie er sie jemals hübsch gefunden haben könne , nicht , was er bisher neben ihr gefühlt hatte . Er war sich räthselhaft . Das peinigte ihn . Er wendete sich ab , nahm Hut und Säbel und sagte , daß er gehen müsse . Sie hielt ihn nicht zurück . Er reichte ihr kühl die Hand , sagte ihr kühl ein Lebewohl und war verschwunden , ehe sie noch recht wußte , was geschehen sei . Sie wollte ihm nacheilen , als er das Zimmer verlassen hatte ; er erwartete das auch , sah sich nach ihr um und war doch froh , als er sie nicht erblickte . Sie ging an ' s Fenster ; aber heute wählte er nicht die entgegengesetzte Seite der Straße , wie er sonst zu thun pflegte , um von ihr noch einen Gruß , noch einen Blick zu erhalten . Sie sah hinaus , es kam ihr alles so leer vor und es lag ihr alles , was geschehen war , so fern , so weit ab von gestern , so weit ab von diesem Augenblicke ! Auch ihr war es , als sei sie viel älter geworden , als habe sie viel erlebt , viel erfahren , als sei Renatus schon sehr lange fort ! Sie seufzte , faltete die Hände und erschrak , als der Ausruf : Er ist ein Mann , und Dulden ist des Weibes Loos ! über ihre Lippen glitt . Wie kam sie zu diesem Ausrufe , zu diesem Gedanken ? - Sie weinte bitterlich . Renatus hingegen war froh , als er sich auf der Straße fand . Hildegard ' s Gefühlsweichheit und ihre Thränen hatten ihm Angst gemacht . Er wünschte nicht , dergleichen öfter zu erleben , er freute sich , daß