Zwischenräume . Auch die Wissenschaften leiteten nicht so sicher ab . Mein Fleiß lenkte endlich die Aufmerksamkeit auf sich , man beförderte mich . Anfangs ging es langsamer , dann schneller . Nach dem Verlaufe von mehreren Jahren war ich in einer der ehrenvolleren Stellungen des Staatsdienstes , welche zu dem Verkehre mit dem gebildeteren Teile der Stadteinwohnerschaft berechtigten , und ich hatte die gegründete Aussicht , noch weiter zu steigen . In solchen Verhältnissen werden gewöhnlich die Ehen mit Mädchen aus ansehnlicheren Häusern geschlossen , welche dann zu glücklichem und ehrenvollem Familienleben führen . Mathilde mußte jetzt einundzwanzig oder zweiundzwanzig Jahre alt sein . Irgend eine Annäherung ihrer Eltern an mich hatte nicht statt gefunden , auch konnte ich nicht die geringsten Merkmale auffinden , wie unermüdlich ich auch suchte , daß sie sich nach mir erkundigt hätten . Ich konnte also unmittelbare Schritte zur Annäherung an sie nicht tun . Ich leitete also solche mittelbar ein , welche sie auf die gewisseste Art von der Unwandelbarkeit meiner Neigung überzeugten . Ich erhielt die unzweideutigen Beweise zurück , daß mich Mathilde verachte . Zu einer Verehelichung , wozu ihres Reichtums und ihrer unbeschreiblichen Schönheit willen sich die glänzendsten Anträge fanden , konnte sie nicht gebracht werden . Mit tiefem , schwerem Ernste breitete ich nun das Bahrtuch der Bestattung über die heiligsten Gefühle meines Lebens . Ich will Euch nicht mit dem behelligen , wie es mir weiter in meiner Staatslaufbahn erging . Es gehört nicht hieher , und ist Euch wohl im wesentlichen bekannt . Die Kriege brachen aus , ich wurde abwechselnd zu verschiedenen Stellen versetzt , große umfassende Arbeiten , Reisen , Berichte , Vorschläge wurden erfordert , ich wurde zu Sendungen verwendet , kam mit den verschiedensten Menschen in Berührung , und der Kaiser wurde , ich kann es wohl sagen , beinahe mein Freund . Als ich in den Freiherrnrang erhoben wurde , kam mein alter Oheim Ferdinand aus der Entfernung zu mir , um , wie er sagte , mir seine Aufwartung zu machen . Obwohl er meine Mutter vernachlässigt hatte , ja nach dem Tode meines Vaters durch seine Zurückhaltung beinahe hart gegen sie gewesen war , so nahm ich ihn doch freundlich auf , weil er in meiner Verlassenheit zuletzt der einzige Verwandte war , den ich noch hatte . Wir blieben seit jener Zeit mit einander in Briefwechsel . Es kamen wohl viele Menschen mit mir in Verbindung , und ich lernte manche Seiten der Gesellschaft kennen ; aber teils waren die Verbindungen Geschäftsverbindungen , teils drängten sich Menschen an mich , die durch mich zu steigen hofften , teils waren die Begegnungen ganz gleichgültig . Wie schwer mir aber meine Geschäfte wurden , wie sehr ich im Grunde zu ihnen nicht geeignet war , davon habe ich Euch schon gesagt . Ich war nach und nach beinahe ein alter Mann geworden . Da ich viel in der Entfernung lebte , wußte ich manche Beziehungen der Hauptstadt nicht . Mathilde hatte sich in etwas vorgerückteren Jahren vermählt . Der Friede wurde dauernd hergestellt , ich blieb wieder beständig in der Hauptstadt , und hier tat ich etwas , das mir ein Vorwurf bis zu meinem Lebensende sein wird , weil es nicht nach den reinen Gesetzen der Natur ist , obwohl es tausend Mal und tausend Mal in der Welt geschieht . Ich heiratete ohne Liebe und Neigung . Es war zwar keine Abneigung vorhanden , aber auch keine Neigung . Die Hochachtung war gegenseitig groß . Man hatte mir viel davon gesagt , daß es meine Pflicht sei , mir einen Familienstand zu gründen , daß ich im Alter von teuern Angehörigen umgeben sein müsse , die mich lieben , pflegen und schützen , und auf die meine Ehren und mein Name übergehen können . Es sei auch Pflicht gegen die Menschheit und den Staat . Auf meine Einwendung , daß ich eine Neigung gegen irgend ein weibliches Wesen nicht habe , sagten sie , Neigungen führen oft zu unglücklichen Verbindungen , Kenntnis der gegenseitigen Beschaffenheit und wechselseitige Hochachtung bauen dauerndes Glück . Trotz meiner gereifteren Jahre hatte ich in diesen Dingen noch immer sehr wenige Kenntnisse . Meine Jugendneigung , die so heftig und beinahe ausschweifend gewesen war , hatte kein Glück gebracht . Ich heiratete also ein Mädchen , welches nicht mehr jung war , eine angenehme Bildung hatte , vom reinsten Wandel war , und gegen mich tiefe Verehrung empfand . Man sagte , ich hätte reich geheiratet , weil mein Hauswesen ein ansehnliches war ; allein die Sache verhielt sich nicht so . Meine Gattin hatte mir eine namhafte Mitgift gebracht , aber ich hätte eine größere Gabe hinzulegen können . Da ich in meinem mäßigen Leben beinahe nichts brauchte , so hatte ich , besonders da ich einmal in höherer Stellung war , bedeutende Ersparungen gemacht . Diese legte ich in den damaligen Staatspapieren nieder , und da dieselben nach Beendigung des Krieges ansehnlich stiegen , so war ich beinahe ein reicher Mann . Wir lebten zwei Jahre in dieser Ehe , und in dieser wußte ich , was ich vor der Schließung derselben nicht gewußt hatte , daß nämlich keine ohne Neigung eingegangen werden soll . Wir lebten in Eintracht , wir lebten in hoher Verehrung der gegenseitigen guten Eigenschaften , wir lebten in wechselweisem Vertrauen und in wechselweiser Aufmerksamkeit , man nannte unsere Ehe musterhaft ; aber wir lebten bloß ohne Unglück . Zu dem Glücke gehört mehr als Verneinendes , es ist der Inbegriff der Holdseligkeit des Wesens eines andern , zu dem alle unsre Kräfte einzig und fröhlich hinziehn . Als Julie nach zwei Jahren gestorben war , betrauerte ich sie redlich ; aber Mathildens Bild war unberührt in meinem Herzen stehen geblieben . Ich war jetzt wieder allein . Zur Schließung einer neuen Ehe war ich nicht mehr zu bewegen . Ich wußte jetzt , was ich vorher nicht gewußt hatte . Liebe und Neigung , dachte ich ,