ihre Seele . Die Mühe ! Von dem ersten Liebesdienst einer Schwester , gewidmet der Sorge und Pflege ihrer jüngeren Brüder und Schwestern , von dem ersten Pflegamte bei einem kranken Vater , einer leidenden Mutter ... welche Stufenleiter edler Mühewaltung und schmerzverklärter Frauenwürde ! Mühe ! Diese Freudigkeit des Gebens , des Entsagens , des Opferns ! Dies volle , nicht überströmende , nicht darbende , sondern gerade richtige Maß der erfüllten Herzenspflicht ! Wo umstrahlt ein edles Weib die reinste Glorie ihrer Bestimmung , als in der engen Klause , wo ein Mutterherz die ersten Pflichten seiner göttlichen Sendung an ihrem Kind erfüllt ? Hülflos liegt der Säugling in ihrem Arm ; die stille Nacht hallt von dem Schmerzensschrei des seit wenig Wochen erst geborenen Kindes ; die Ungeduld der Umgebungen , selbst die schnell ermüdete Liebe des Vaters weiß nicht zu helfen ... Die Mutter aber harrt aus , vergißt den Schlaf , versucht alle Beschwichtigungen der Schmerzen des noch mit seinem Pflanzenleben ringenden kleinen Wurmes ; der Mutter ist dieser Wurm ein Hälmchen , das mit dem Sonnenschein der Liebe aufwachsen wird zum Allgemeinen und Ganzen ; sie sieht schon Bewußtsein in dieser kleinen unreifen Bildung , sie hört schon eine Sprache in diesen Wehklagen , sie gibt diesem glimmenden Fünkchen den ganzen Hauch ihres eignen nach Freude doch so begierigen , aber nun entsagenden jungen Lebens , um ihn anzufachen zu einem flackernden starken Lichte ... Und wenn es erlischt ! Diese Prüfung traf Tausende und an keinem Weibe ging in dieser oder anderer Form ganz die Mahnung ihres Berufes vorüber ... aber die verklärende Abendsonne des Schmerzes blieb doch nur bei Wenigen im vollen Glanze abgedrückt ! Wie bald erkennst du Die heraus aus dem Haufen , die ihr Leid für die Welt bald begruben und wieder fröhlich wurden ! Wie schwer Die , die es ewig leben ließen in ihrem Herzen ! Sanfte Seelen , die ihr wol noch lächelt , wol noch unter den Menschen wandelt , noch die Pflichten eures Berufes erfüllt und doch wie in den Lüften schwebt und uns erscheint , wie die Sendboten der Ewigen ! Anna von Harder war eine Gestalt .. mehr groß , als selbst Mittelfigur ... Die Züge des Antlitzes waren sicher einst schön , jetzt waren sie verfallen , von Leid durchfurcht ; in den Augen lag etwas Bittendes , etwas Wehmüthiges . Dennoch war ein schönes Lächeln diesen ernsten Zügen geblieben . Die unversehrten , blendendsten Zähne mit dem ihre Gesundheit bezeugenden leichten gelblichen Schimmer , hoben dann die lächelnden Mienen und ließen sie noch anmuthig erscheinen , wobei sie weit entfernt war von dem Fehler derjenigen Menschen , denen die Natur den schönsten Schmuck , Zähne von Elfenbein , gab , daß sie mehr lächelte , als es in der Welt zu lächeln gibt . Sie brauchte diese Wirkung der Schönheit , die Andere immer brauchen , fast zu selten . Wenn Anna von Harder lächelte , war es , als fühlte sie sich von der Wirkung ihres schönen Mundes überrascht und als thäte sie es ungern . Sie lächelte aus Milde und Wohlwollen , nie , weil sie wußte , daß es ihr schön stand . Die edle Frau war auch in Haltung und Toilette nicht von jener Einfachheit , die im Einfachen etwas sucht , wie die Altenwyl , bei der durch ihre grauen und braunen Farben auf schweren Kleiderstoffen ein anspruchsvolles Prinzip ausgedrückt wurde . Sie drückte durch ihr Äußeres nichts aus als ihr einfaches Bedürfniß und ihren natürlichen Geschmack . Nicht einmal mit einer grauen Locke , deren sie die Fülle hatte , that sie schön , wie so manche junge Matrone , die ihr graues Haar so nahe an ihr noch heißes Auge bringt , daß man vor den » Flammen im Schnee « erschrecken möchte . Anna von Harder hätte recht gern noch einen natürlichen schwarzen Scheitel auf der Stirn getragen und versteckte lieber ihre grauen Locken durch den niedergedrückten und innen besetzten Hut ! .. Warum seinen Winter zeigen in einer Welt , die des Frühlings bedarf , um weltglücklich zu sein ! Es gibt eine Diskretion des Alters gegen die Jugend , die nur ganz zarten Naturen eigen ist . Was auch die Altenwyl von einem bescheidenen und doch bedeutenden Eindruck erwartete , sie konnte nicht getäuscht sein . Anna von Harder war eine Erscheinung , die eben dadurch wirkte , daß sie von ihrem Effekte keinen Vortheil zog und sich gab in der völligen Unschuld einer reinen Seele . Sie umarmte die ihr ganz unbekannte und nur durch ihre Mutter nahegerückte Fürstin und drückte sie zärtlich an ihr Herz . Daß ihr eine Thräne in ' s Auge trat , während die Augen der Altenwyl trocken geblieben waren , als sie die Tochter der Baronin Osteggen sah , die mit ihr einst so viele Briefe gewechselt hatte , wer verdachte es ihr , wenn man wußte , daß sie ihre einzige Tochter durch ein sonderbares Schicksal so gut , wie für immer , verloren und nie wieder gesehen hatte ... Mit stummer Rührung nahm sie auch die beiden Kinder - Olga hatte sich während aller dieser Scenen entfernt - und drückte einen Kuß auf ihre Stirnen . Sie hatte ihren Vater nicht gekannt , aber gleichviel , es war ein Vater , der den Kleinen gestorben war ! Von Ihnen weiß ich schon , sagte sie zu Rudhard , ihm die Hand reichend . Die Baronin schrieb Viel von Ihnen . Sie besaßen ihr Vertrauen und sind nun wirklich der Vater dieser Kleinen geworden . Nicht wahr ? Sie sind Rudhard ? Rudhard dankte für diese freundliche Bewillkommnung und erzählte , wie warm die Mutter Adelen ' s der Landräthin Anna von Harder zu gedenken pflegte . Eine Vorstellung der andern Personen fand nicht statt , doch kannte Anna sogleich von Ansehen die Oberhofmeisterin , der sie sich ehrerbietig verneigte . Auf Siegbert aber warf sie einen Blick , als wollte sie