der genialische Lieblingsdichter Platons vor mehr als vierzig Jahren in seiner eignen unübertrefflich possierlichen Manier , in ein paar Kampfhähne verkleidet , auf der Athenischen Schaubühne um den Vorzug hatte rechten lassen . Was für eine Rolle der philosophische Dichter dem Sophisten Thrasimachus und dem wackern Glaukon zu spielen gibt , haben wir gesehen : nun läßt er auch Glaukons jüngern Bruder Adimanthus das Wort nehmen , und in einer Rede , die an Geist und Zierlichkeit mit dem Discurs seines Bruders wetteifert , an Lebhaftigkeit und Wärme ihn noch übertrifft , den großen Schaden vorstellig machen , welchen Jünglinge edlerer Art nehmen müssen , indem sie sich an dem auffallenden Widerspruch stoßen , zwischen dem , was sie zu Hause aus dem Munde ihrer Väter hören , und dem was ihnen , sobald sie in die Welt treten , von allen Seiten entgegen schallt ; wenn sie hören : wie eben dieselben aus Eingebung der Musen singenden Dichter bald die große Liebe und Sorge der Götter für die Gerechten und das Glück , das sie ihnen in diesem und dem künftigen Leben bereiten , anrühmen ; bald wieder den Pfad der Tugend als höchst mühselig , steil und mit Dornen verwachsen , den Weg des Lasters hingegen als breit , bequem und anmuthig schildern ; itzt in den stärksten Ausdrücken und Bildern von dem Zorn der Götter über die Ungerechten und von den furchtbaren Strafen , die im Tartarus auf sie warten , reden ; ein andermal zum Trost aller Uebelthäter versichern , daß auch die Götter selbst sich wieder herumbringen lassen , und durch Spenden , Gelübde und Opferrauch bewogen werden können , den Sündern zu verzeihen . Alles was Plato seinen Bruder über diesen Gegenstand und die natürlichen Folgen der Eindrücke , die durch diese sich selbst widersprechenden , aber der Sinnlichkeit und den Leidenschaften schmeichelnden Vorspiegelungen auf lebhafte und nachdenkliche junge Gemüther gemacht werden , sagen läßt , kann schwerlich wahrer , stärker und schöner gesagt werden . Aber durch nichts wird mir Plato achtungswürdiger als durch die Freimüthigkeit , womit er den unendlichen Schaden rügt , den der Mißbrauch der herrschenden Volksreligion in den sittlichen Gefühlen und Urtheilen der Menschen anrichtet ; und gewiß ist noch nie etwas Treffenderes über diesen Punkt gesagt worden als die folgende Stelle aus dem Selbstgespräch , welches er einem solchen von Erziehern , Dichtern und vorgeblichen Philosophen irre gemachten Jüngling in den Mund legt . Nachdem nämlich dieser aus allem , was er beim Eintritt in die Welt sieht und hört , das Resultat gezogen , » daß es zum glücklichen Leben nicht nur hinreiche , sondern sogar nöthig sey , sich mit der bloßen Larve der Rechtschaffenheit zu behelfen , um unter ihrem Schutz des Vortheils , ungestraft sündigen zu können , in vollem Maße zu genießen ; « macht er sich selbst den Einwurf : » wenn es einem nun aber auch gelänge , die Menschen theils durch List und Ueberredung theils mit Gewalt dahin zu bringen , daß sie ihm erlauben müßten sich alles herauszunehmen was ihm beliebte , so wären dann doch noch die Götter da , gegen welche weder durch Betrug noch Gewalt etwas auszurichten sey . Wie aber ( antwortet er sich selbst ) wenn es , wie Einige behaupten , gar keine Götter gibt , oder wenn sie sich wenigstens , wie Andre versichern , um die menschlichen Dinge nichts bekümmern ? - so brauchen auch wir uns nicht zu kümmern ob sie uns sehen oder nicht . Gibt es Götter , und nehmen sie sich der menschlichen Dinge an , so haben wir doch alles , was wir von ihnen wissen , aus keiner andern Quelle als vom Hörensagen , und am Ende bloß von den Dichtern , die ihre Genealogien verfaßt haben . Nun sagen mir aber eben diese Dichter , daß man den Zorn der Götter durch demüthige Abbitten , Opfer und Weihgeschenke von sich ableiten könne . Ich muß ihnen also entweder beides glauben , oder weder dieß noch jenes . Glaube ich , nun wohlan ! so begeh ' ich ungescheut so viel Unrecht als ich kann , opfre den Göttern einen Theil dessen was ich dadurch gewinne , und alles ist gut . Wollt ' ich mich der Rechtschaffenheit befleißigen , so hätt ' ich zwar von den Göttern nichts zu fürchten , dafür aber entgingen mir auch die Vortheile , die ich aus der Ungerechtigkeit ziehen könnte ; da ich hingegen bei dieser immer gewinne , und alle Verbrechen , die ich um reich zu werden begehen muß , bei den Göttern durch Gebete und Opfer wieder gut machen kann . - Aber ( sagt man ) am Ende werden wir doch im Hades für alles was wir im Leben Böses begangen haben , entweder in unsrer eigenen Person oder in unsrer Nachkommenschaft bestraft . - Auch davor ist Rath ! Da kommen uns ja die Mysterien und feierlichen Reinigungen zu Statten , durch welche selbst die furchtbaren Götter der Unterwelt sich besänftigen lassen , wie mir ganze Städte , und die Dichter und Propheten unter den Göttersöhnen bezeugen . Was für einen Beweggrund könnt ' ich also haben , die Gerechtigkeit der größten Ungerechtigkeit vorzuziehen , da ich diese nur mit einem guten Aeußerlichen zu bedecken brauche , damit mir bei Göttern und Menschen im Leben und Sterben alles nach Wunsch von Statten gehe , wie ich so viele und große Männer behaupten höre ? « Der junge Adimanth , der diese schöne Gelegenheit , ein Probestück seiner Wohlredenheit abzulegen , möglichst benutzen zu wollen scheint , fährt fort die Sache auf alle Seiten zu wenden , und findet ganz natürlich , der erste Grund des Uebels liege darin : daß von den uralten heroischen Zeiten an bis auf diesen Tag niemand die Gerechtigkeit anders angepriesen oder die Ungerechtigkeit anders gescholten habe , als in Rücksicht auf die Ehre und die Belohnungen , welche jener , oder die Strafen , welche dieser nachfolgten .