« » Auf dem Titel « , versetzte ich , » benennt der fromme Dichter sein Buch mit dem Zusatz : Geistreiche Sinn- und Schlußreime . Allerdings hat das Wort geistreich im damaligen Sprachgebrauch nicht ganz die jetzige Bedeutung ; wenn wir aber das Büchlein aufmerksamer durchgehen , so finden wir , daß es in der Tat auch im heutigen Sinne etwas allzu geistreich und zuwenig einfach ist , so daß jene Bezeichnung jetzt wie eine ironische Voraussage erscheint . Dann sehen Sie aber auch die Widmung an , die Dedikation , worin der Mann seine Verse dem lieben Gott dediziert , indem er ganz die Form nachahmt , selbst in der Anordnung des Drucksatzes , in welcher man damals großen Herren ein Buch zuzueignen pflegte , bis zur Unterschrift Sein allezeit sterbender Johannes Angelus . Betrachten Sie den bitterlich ernsten Gottesmann , den heiligen Augustinus , und gestehen Sie aufrichtig : trauen Sie ihm zu , daß er ein Buch , worin er sein religiöses Herzblut ergossen , mit solch einer witzelnden , affektierten Dedikation versehen hätte ? Glauben Sie überhaupt , daß es demselben möglich gewesen wäre , ein so kokett launiges Büchlein zu schreiben , wie dies eines ist ? Er hatte Geist so gut als einer , aber wie streng hält er ihn in der Zucht , wo er es mit Gott zu tun hat ! Lesen Sie seine Bekenntnisse , wie rührend und erbaulich ist es , wenn man sieht , wie ängstlich er alle sinnliche und geistreiche Bilderpracht , alle Selbsttäuschung oder Täuschung Gottes durch das sinnliche Wort flieht und meidet . Wie er vielmehr jedes seiner strikten und schlichten Worte unmittelbar an Gott selbst richtet und unter dessen Augen schreibt , damit ja kein ungehöriger Schmuck , keine Illusion , keine Art von Schöntun mit Unreinem in seine Geständnisse hineinkomme ! Ohne mich zu solchen Propheten und Kirchenvätern zählen zu wollen , kann ich doch diesen ganzen und ernstgemeinten Gott mitfühlen , und erst jetzt , wo ich ihn nicht mehr habe , erkenne ich die willkürliche und humoristische Manier meiner lugend , in welcher ich mit meiner vermeintlichen Religiosität die göttlichen Dinge zu behandeln pflegte , und ich müßte mich nachträglich selber der Frivolität zeihen , wenn ich nicht annehmen könnte , daß jene verblümte und spaßhafte Art eigentlich nur die Hülle der völligen Geistesfreiheit gewesen sei , die ich mir endlich erworben habe . « » Haha ! « lachte der Priester jetzt aus vollem Halse , » da haben wir ' s wieder ! Geistesfreiheit , Frivolität ! Da zappelt der Fisch wieder an der langen Schnur und hält sich für einen Luftspringer ! Bald wird er nach Luft schnappen ! Den Teufel spürt das Völkchen nie ! möchte man fast ausrufen , wenn ' s nicht den lieben Herrgott anginge , verzeih mir Gott die Sünde ! « Ärgerlich , daß ich dem humoristischen Fliegenfänger nun doch wieder ins Garn gefallen , entzog ich mich der Unterhaltung und trat schweigend an ein Fenster , wo ich die Sterne des Großen Wagens ihren stillen Weg fahren sah . Auf einmal rief Dorothea , welche inzwischen das Buch in die Hand genommen hatte : » Beim Himmel , da steht das artigste Frühlingsliedchen , das ich je gesellen ! Hört : Blüh auf , gefrorner Christ ! Der Mai ist vor der Tür , Du bleibest ewig tot , Blühst du nicht jetzt und hier ! « Sie eilte ans Klavier , spielte und sang diese Worte in einem altertümlichen Choralsatze von sehnsüchtig lockendem Tone , doch trotz der kirchlichen Form mit einem verliebt zitternden , weltlichen Ausdruck ihrer Stimme . Dreizehntes Kapitel Das eiserne Bild Obgleich noch nicht Weihnacht da war , schien gegen die Ordnung der Natur in der Tat der Lenz kommen zu wollen . Während die Worte und die Melodie von Dorotheas Frühlingslied mir in den Ohren klangen , hörte ich die ganze Nacht den Südwind wehen , den schmelzenden dünnen Schnee von den Dächern tropfen , und am Morgen lag eine unnatürlich warme Sonne auf den getrockneten Gefilden , während die Bäche voller dahinrauschten und murmelten . Nur die Blumen , die Maßliebchen und die Schneeglöckchen , fehlten . Dennoch tönte es noch fortwährend in mir : » Der Mai ist vor der Tür , du bleibest ewig tot , blühst du nicht jetzt und hier ! « Noch gestern hatte ich geglaubt , mit meiner verschwiegenen Verliebtheit hoch über allem zu stehen , was ich je über Liebe gedacht und empfunden , und nun mußte ich erfahren , daß ich keine Ahnung gehabt von der Veränderung , die in dieser falschen Frühlingsnacht vorging . Das Gattungsmäßige im Menschen erwachte mit aller Gewalt seines Wesens in mir ; das Gefühl der Schönheit und Vergänglichkeit des Lebens verdoppelte sich , und zugleich schien mir alles Heil der Welt nur auf diesen zwei schönen Augen zu stehen ; während ich sie aber aus Dankbarkeit schon für ihr bloßes Dasein liebte und ehrte , verschmähte ich , sie auch nur in Gedanken mit meiner Person zu behelligen aus lauter Demut und Furcht , und doch war Demut wie Furcht wieder eine Lüge , wenn sie zwanzigmal mit unbestimmten Hoffnungen , mit Vorstellungen von Glück und Freude wechselten , statt zum Entschlusse weiser Flucht zu führen . Mit Ruhe und Arbeit war es nun vorbei ; denn so wie ich etwas in die Hand nehmen wollte , verirrten sich meine Augen in das Weite , und alle Gedanken flohen dem Bilde der Geliebten nach , welches , ohne einen einzigen Augenblick zu weichen , überall um mich her schwebte , während es zu derselben Zeit schwer wie aus Eisen gegossen in meinem Herzen lag , schön , aber unerbittlich hart und schwer . Von diesem eisernen Drucke , der mir sehr neu und grausam vorkam , war ich nur in Dortchens Gegenwart frei ; kaum sah oder hörte ich sie nicht mehr , so stellte er sich wieder ein ,