Erlebnisse Kunde gab . Er war froh , als die Stunde der Parade vorüber war und er sich nach derselben , wie er seit dem Herbste pflegte , zu der Gräfin begeben konnte ; da diese aber mit der jüngsten Tochter ausgegangen , und er Hildegard ihn erwartend und allein fand , war es ihm nicht recht . Er fragte , weßhalb sie die Mutter nicht begleitet habe ; sie antwortete ihm , wie sie es vorgezogen , unter einem leichten Vorwande zurückzubleiben , um ihn zu erwarten , und das war ihm noch weniger genehm . Er meinte , so zuversichtlich erwartet zu werden , habe für ihn etwas Beängstigendes und lege ihm einen peinlichen Zwang auf . Sie entgegnete , daß sie ja nicht böse sei , wenn er einmal nicht kommen könne , und daß es ihr doch in jedem Falle Vergnügen mache , sich den ganzen Morgen mit einer angenehmen Hoffnung zu tragen . Sie blickte ihn dabei freundlich an und mochte dafür ein begütigendes , ein zärtliches Wort von ihm erwarten ; er blieb aber eine Weile still sitzen und äußerte danach , es sei für ihn übel genug , daß er , ohne Neigung zum Soldatenstande , durch seines Vaters Willen an des Dienstes immer gleich gestellte Uhr gebannt sei , wie es im Dichter heiße , und weil er nach der einen Seite also völlig gebunden sei , müsse er nach der andern Seite , müsse er in seinem übrigen Leben durchaus seine Freiheit bewahren , denn ohne Freiheit erlahme der Mann . Er habe ohnehin immer zu wenig Freiheit gehabt , er sei zu Hause unter der Aufsicht des Caplans wie ein Gefangener gehalten worden ; sein Vater habe in dem Alter , in welchem er sich jetzt befinde , halb Europa durchreist und Welt und Menschen gekannt : er hingegen habe noch nichts gesehen , nichts erlebt , und wie unerwünscht es ihm auch sei , mit dem französischen Heere gegen Rußland zu kämpfen , so freue er sich eigentlich doch auf diesen Feldzug , weil er ihn aus dem Gleichmaße der Tage herauszureißen und in das offene , bewegte Meer des Lebens zu bringen verspreche . Hildegard hörte ihm mit stummer Verwunderung zu . Sie konnte nicht begreifen , was mit ihm geschehen war . Nie zuvor in seinem Leben hatte er ein solches Verlangen nach Freiheit ausgesprochen , er war auch mit seinem Loose nie unzufrieden gewesen , und daß er jetzt den Krieg ersehnte , nur weil er ihn in die Welt und von ihr fortführen sollte , das kam ihr so unerwartet , that ihrem zärtlichen Herzen so weh , daß sie sich still auf ihre Arbeit niederbeugte , damit er es nicht sehen sollte , wie sich ihr die Thränen in die Augen drängten . Trotzdem gewahrte er es ; indeß statt ihn zu rühren , war ihr Weinen ihm verdrießlich . Er hatte mit sich selbst genug zu thun und fühlte nicht Lust , sich als den Tröster der Geliebten zu bethätigen . Aber während er dieses dachte , fiel es ihm ein , daß er ja überhaupt noch keine bestimmte Verpflichtung gegen dieses Mädchen habe . Er hatte sich niemals entschieden gegen Hildegard erklärt , niemals von seiner Liebe zu ihr gesprochen , und daß die unschuldigen Zärtlichkeiten , an die sie sich von Kindheit auf gewöhnt hatten , in der letzten Zeit einen wärmeren Charakter angenommen , das hatte Hildegard eben so wohl zu verantworten , als er . Er konnte es sich in dem Augenblicke nicht einmal recht deutlich machen , wie er mit seiner Jugendfreundin eigentlich auf den gefühlvollen Ton gekommen sei ; um so bestimmter erinnerte er sich daran , daß Graf Gerhard ihm gerathen , sich vor einer Verbindung mit den Rhodens in Acht zu nehmen , und daß eine solche für ihn nicht vortheilhaft sei , das mußte er sich in seiner jetzigen Stimmung selber sagen . Gestern , als der Amerikaner , wie Renatus in seinem Innern Paul beständig nannte , seinen Erwerb und seinen Vortheil mit so dreister Sicherheit als Beweggrund für sein ganzes Thun aufgestellt hatte , war Renatus dadurch im höchsten Grade abgestoßen worden . Indeß schon während seiner nächtlichen Ueberlegungen war ihm die Sache in einem milderen Lichte erschienen . Paul mißfiel ihm deßhalb um nichts weniger , er konnte sich jedoch der Einsicht nicht verschließen , daß unabhängiger Besitz Freiheit verleihe . Er dachte jetzt daran , wie königlich frei sein Vater durch den früheren Reichthum seines Hauses gewesen sei , um es zum ersten Male mit einer Art von Bitterkeit zu beklagen , daß ihm bei Weitem nicht mehr das gleiche Vermögen und damit auch nicht mehr die schöne Selbstherrlichkeit wie seinem Vater zu Gebote stehe . Hildegard sann während dessen schweigend darüber nach , was sie denn gethan oder gesagt habe , den Geliebten zu verstimmen . Sie konnte jedoch nichts auffinden , was irgend einen vernünftigen Anhalt oder einen Grund für die üble Laune desselben darbot , und sie fing an , zu glauben , daß ihm durch Dritte oder durch ein ihr unbekanntes Erlebniß Verdruß bereitet worden sei . Mit geduldiger Freundlichkeit fragte sie ihn also , was er heute gethan , wie er sich am gestrigen Abende im Flies ' schen Hause unterhalten habe , und da sie immer nur einsilbige , ablehnende Antworten erhielt , erzählte sie , um sich über einige Minuten fortzuhelfen , daß die Mutter den jungen Freund von Seba Flies sehr schön und sehr anziehend genannt und daß sie gemeint habe , die Flies hätten ihn gewiß für Davide zum Manne bestimmt , weil der alte Herr Flies ihn in sein Geschäft aufnehme . Unmöglich , ganz unmöglich ! rief Renatus mit einer Heftigkeit , die Hildegard noch unbegreiflicher als sein ganzes bisheriges Betragen erschien . Weßhalb denn unmöglich ? Die Mutter hielt es für das Natürlichste ! Mich dünkt , ein Mädchen von Davidens Schönheit , das einst neben ihrem Vermögen