die nächste Post gebracht werden solle . Mathilde erschien nicht zum Abendessen . Am nächsten Morgen wurde der Wagen bepackt . Ich machte mich reisefertig . Es war mir erlaubt worden , von Mathilden Abschied nehmen zu dürfen . Sie weigerte sich aber , mich zu sehen . Ich ging daher in meine Wohnung , reichte dem alten Raimund die Hand und sagte : Lebe wohl , Raimund . Lebt recht wohl , junger Herr , antwortete er , und seid recht glücklich . Du weißt nicht , Raimund ! Ich weiß , ich weiß , junger Herr - es kann ja werden . Lebe wohl . Ich ging nun die Treppe hinab , er begleitete mich . Unten bei dem Wagen stand der Herr und die Frau des Hauses und mehrere von den Dienstleuten . Auch vom Meierhofe waren Leute herbei gekommen . Alfred , der spät entschlummert war , schlief noch ; die Besitzer des Hauses nahmen auf eine auszeichnende Weise von mir Abschied , die Umstehenden beurlaubten sich auch , wünschten mir Glück und eine fröhliche Wiederkehr . Ich bestieg den Wagen und fuhr von Heinbach dahin . Der Besitzer dieses Hauses hatte mir einmal gesagt : Vielleicht verlasset Ihr einst unser Haus nicht mit Rene und Schmerz . Ich verließ es nicht mit Rene , aber mit Schmerz . Er hatte auch die Vermutung ausgesprochen , daß mir etwa auch seine Familie unvergeßlich bleiben dürfte . Sie blieb mir unvergeßlich . Ich verabschiedete auf der Post den Wagen aus Heinbach , das letzte Merkmal aus diesem Orte , und ließ mich nach der Stadt einschreiben , wo ich so lange gewesen war , wo ich meine Lernzeit vollendet hatte , von wo ich nach Heinbach gegangen war , und wo sich das Haus von Mathildens Eltern befand . Ich blieb aber nicht in der Stadt . In der Nähe meiner Heimat ist im Walde eine Felskuppe , von welcher man sehr weit sieht . Sie geht mit ihrem nördlichen Rücken sanft ab und trägt auf ihm sehr dunkle Tannen . Gegen Süden stürzt sie steil ab , ist hoch und geklüftet , und sieht auf einen dünnbestandenen Wald , zwischen dessen Stämmen Weidegrund ist . Jenseits des Waldes erblickt man Wiesen und Feld , weiter ein blauliches Moor , dann ein dunkelblaues Waldband , und über diesem die fernen Hochgebirge . Ich ging von der Stadt in meine Heimat und von der Heimat auf diese Felskuppe . Ich saß auf ihr und weinte bitterlich . Jetzt war ich verödet , wie ich früher nie verödet gewesen war . Ich sah in das dunkle Innere der Schlünde und fragte , ob ich mich hinabwerfen solle . Das Bild meiner verstorbenen Mutter mischte sich in diese unklare schauerliche Vorstellung und wurde mir ein Liebes , an das ich denken mußte . Ich ging täglich auf diese Kuppe , und blieb oft mehrere Stunden auf ihr sitzen . Ich weiß nicht , warum ich sie suchte . In meiner Jugend war ich oft auf ihr , und wir machten uns das Vergnügen , Steine ziemlicher Größe von ihr hinab zu werfen , um den Steinstaub aufwirbeln zu sehen , wenn der geworfene auf Klippen stieß , und um sein Gepolter in den Klippen und sein Rasseln in dem am Fuße des Felsens befindlichen Gerölle zu hören . Von dieser Kuppe war kein Einblick in jene Länder , in denen Mathildens Wohnung lag , man sah nicht einmal Gebirgszüge , die an sie grenzten . Ich ging auch nach und nach in anderen Teilen der Umgebung meines Heimatortes herum . Mein Schwager war ein sanfter und stiller Mann , und wir sprachen in meinem Geburtshause oft einen ganzen Tag hindurch nicht mehr als einige Worte . Als eine geraume Zeit vergangen war , dachte ich auf meine Abreise und auf meine Berufsarbeiten , die ich schon so lange vergessen hatte , und auf die ich , in dem Hause in Heinbach befangen , vielleicht noch länger nicht gedacht haben würde . Ich ging wieder in die Stadt , in der ich meine Habe gelassen hatte , und widmete mich ernstlich der Laufbahn , zu welcher ich eigentlich die Vorbereitungsschulen besucht hatte . Ich meldete mich zum Staatsdienste , wurde eingereiht , und arbeitete jetzt sehr fleißig in dem Bereiche der unteren Stellen , in welchem ich war . Ich lebte noch zurückgezogener als sonst . Mein kleiner Gehalt und das Erträgnis meines Ersparten reichten hin , meine Bedürfnisse zu decken . Ich wohnte in einem Teile der Vorstadt , welcher von dem Hause der Eltern Mathildens sehr weit entfernt war . Im Winter ging ich fast nirgends hin , als von meiner Wohnstube in meine Amtsstube , welcher Weg wohl sehr lange war , und von der Amtsstube in meine Wohnstube . Meine Nahrung nahm ich in einem kleinen Gasthause an meinem Wege ein . Freunde und Genossen besuchte ich wenig , mir war alle Verbindung mit Menschen verleidet . Als Erholung diente mir der Betrieb der Geschichte , der Staatswissenschaften und der Wissenschaften der Natur . Ein Gang auf dem Walle der äußeren Stadt oder eine Wanderung in einen einsamen Teil der Umgebungen der Stadt gaben mir Luft und Bewegung . Mathilden sah ich einmal . Sie fuhr mit ihrer Mutter in einem offenen Wagen in einer der breiten Straßen der Vorstädte in einer Gegend , in welcher ich sie nicht vermutet hatte . Ich blickte hin , erkannte sie , und meinte umsinken zu müssen . Ob sie mich gesehen hat , weiß ich nicht . Ich ging dann in meine Amtsstube zu meinem Schreibtische . In der ersten Zeit wurde ich von meinen Vorgesetzten wenig beachtet . Ich arbeitete mit einem außerordentlichen Fleiße , er war mir Arznei für eine Wunde geworden , und ich flüchtete gern zu dieser Arznei . So lange alle die Verhältnisse , welche in meinen Amtsgeschäften vorkamen , in meinem Haupte waren , war nichts anderes darin . Schmerzvoll waren nur die