, als er unten auf der Gasse ein häßliches Zanken vernahm . Erschreckt sah er sich um und sprang im Nu hinunter ; denn unten stand der vom Turme gestürzte junge Mensch aus der Jugendzeit , jener feindliche Meierlein , und störte mit einem Stecken Heinrichs schöne Effekten auseinander . Wie dieser aber unten war , gerieten sie einander in die Haare und rauften sich ganz unbarmherzig . Der wütende Gegner riß dem keuchenden Heinrich alle seine schönen Kleider in Fetzen , und erst als dieser ihm einige verzweifelte Knüffe versetzte , entschwand er ihm unter den Händen und ließ den Ermatteten und ganz Trostlosen in der verdunkelten kalten Straße stehen . Heinrich sah sich angstvoll mit bloßen Füßen und mit nichts als einem zerrissenen Hemde bekleidet dastehen ; das Haus aber war das alte wirkliche Haus , jedoch halb verfallen , mit zerbröckelndem Mauerwerk , erblindeten Fenstern , in denen leere oder verdorrte Blumenscherben standen , und mit Fensterläden , die im Winde klapperten und nur noch an einer Angel hingen . Von seiner vortrefflichen Traumeshabe war nichts mehr zu sehen als einige zertretene Reste auf dem kotigen Pflaster , welche dazu von nichts Besonderm herzurühren schienen , und in der Hand hielt er nichts als den seinem bösen Feinde entrungenen Stecken . Heinrich trat entsetzt auf die andere Seite der Straße und blickte kummervoll nach den öden Fenstern empor , wo er deutlich seine Mutter , alt und grau , hinter der dunklen Scheibe sitzen sah , in tiefem Sinnen über die schwarzen Dächer der Nachbarschaft hinausfahrend . Heinrich streckte die Arme nach dem Fenster empor ; als sich die Mutter aber leise rührte , verbarg er sich hinter einem Mauervorsprung und suchte angstvoll aus der stillen dunklen Stadt zu entkommen , ohne gesehen zu werden . Er drückte sich längs den Häusern hin und wanderte auch alsbald an seinem schlechten Stecken auf einer unabsehbaren Landstraße dahin zurück , wo er hergekommen war . Er wanderte und wanderte rastlos und mühselig , ohne sich umzusehen , und als er in sein wirkliches Elend aufwachte , fiel ihm ein Stein vom Herzen , und er war so froh , als ob der glücklichste Tag ihn begrüßte . So zeigte sich dem schlafenden Heinrich die Kraft und Schönheit des Vaterlandes in den lieblichsten Traumbildern , wo alles glänzend übertrieben war in dem Maße , als er sich dahin zurücksehnte und seine verlangende Phantasie das Ersehnte ausmalte . Er wunderte sich über diese Traumgewalt und freute sich derselben wie einer schönen Freundin , welche ihm das Elend versüßte ; denn er zehrte tagelang von der Erinnerung der schönen Träume . Noch mehr wunderte er sich über die Gier , mit welcher der Mangel ihn fortwährend von Geld und Gut und allen guten Dingen träumen ließ , was aber gewöhnlich ein schlimmes Ende nahm , und studierte darüber , ob diese Gier wirklich etwa eine in ihm schlummernde Untugend sein möchte ? Je tiefer er aber in gänzliche Verlassenheit hineinlebte , desto weniger märchenhaft und unsinnig wurden die Träume , aber sie nahmen eine einfache Schönheit und Wahrheit an , welche , selbst wenn sie traurigen Inhaltes war , eine tröstliche Rührung und Ruhe in Heinrichs Gemüt verbreitete . Die Träume wurden so folgerichtig und lebendig , daß er sich sozusagen sogar während des Traumes jene unmäßigen Geld- und Gutphantasien abgewöhnen konnte mit ihren närrischen Täuschungen und sich auf einfach artige Bilder beschränkte . So träumte er eine Nacht , daß er an dem Rande des Vaterlandes auf einem dunklen Berge säße , während das Land in hellem Scheine vor ihm ausgebreitet lag . Auf den weißen Straßen , auf den grünen Fluren wallten und zogen viele Scharen von Landleuten und sammelten sich zu heiteren Festen , zu allerhand Handlungen und Lebensübungen , was er alles aufmerksam beobachtete . Wenn aber solche Züge nahe an ihm vorübergingen und er manche Befreundete erkennen konnte , so schalten diese ihn im Vorbeigehen , wie er , teilnahmlos in seinem Elende verharrend , nicht sehen könne , was um ihn herum vorgehe . Er verteidigte sich , indem sie vorüberzogen , und rief ihnen sorgfältig gefügte Worte nach , welche wie ein Lied klangen , und dieser Klang lag ihm nach dem Erwachen fort und fort im Gehör , indessen er sich wohl noch des Sinnes , aber durchaus nicht mehr der Worte erinnern konnte , oder wenigstens nur so viel , daß sie wohl an sich sinnlos , aber gut gemeint gewesen seien . Es reizte ihn aber unwiderstehlich , die liedartige Rede herzustellen oder vielmehr von neuem abzufassen bei wachen Sinnen , und indem er ein altes Bleistümpfchen und ein Fetzchen Papier mit Mühe zusammensuchte , schrieb er , in Takt geratend und mit den Fingern zählend , diese Strophen auf : Klagt mich nicht an , daß ich vor Leid Mein eigen Bild nur könne sehen ! Ich seh durch meinen grauen Flor Wohl euere Gestalten gehen . Und durch den starken Wellenschlag Der See , die gegen mich verschworen , Geht mir von euerem Gesang , Wenn auch gedämpft , kein Ton verloren ! Und wie die Danaide wohl Einmal neugierig um sich blicket , So schau ich euch verwundert nach , Besorgt , wie ihr euch fügt und schicket . Je herber und trockener diese Verse an sich waren , desto unmittelbarer und wahrer drückten sie seine Gemütsverfassung aus , da ein blühendes und vollkommenes Kunstwerkchen nicht in einer solchen selbst , sondern erst in der versöhnten Erinnerung entstehen kann . Die Zeilen dünkten den über seine plötzliche Kunst Verwunderten aber die schönste Musik ; er vertrieb sich die öde Zeit , indem er ferner dergleichen Träume festhielt , und als er wieder von dem schlimmen Meierlein träumte , hämmerte er in stillem Ingrimm einige bittere Verse zurecht : Im Traum sah ich den schlimmen Jugendfeind , Mit dem ich in der Schule einst gesessen ; Sein Name schon verdunkelt mir den Sinn , Wieviel der Jahre auch geflohn indessen