Sie hatte die Züge ihrer jüngsten Kinder , war von mittlerer Gestalt und nicht eben auffallend durch irgend eine hervorstechende Schönheit . Sie schien noch außerordentlich vom Todesfall ihres Mannes und der Reise angegriffen und sprach mit sehr gedämpfter Stimme . Ihre Augen verriethen nicht gerade Geist . Auch ihr Wohlwollen schien mehr eine Art beflissener Geschäftigkeit , als der starke Drang eines vollen , überquellenden Herzens ... Man sprach von unbedeutenden Dingen , von dem Residenzleben , dieser Ansiedelung , der Furcht vor dem Winter .. erst die Kinder brachten durch ihre Naivetät Frische , Rudhard durch seine trockenen Bemerkungen Gedanken in das Gespräch . Die Gräfin Altenwyl , dieser von Pauline von Harder so gefürchtete Erzengel Michael mit dem flammenden Hüterschwert am Eingang der » kleinen Cirkel « , blieb fast immer still , wie eine Frau , die sich nicht ausläßt , wo sie sich nicht auf sicherem Terrain weiß . Sie forschte zuweilen flüchtig im Auge Siegbert ' s , zuweilen warf sie einen Blick auf Rudhard hinüber , dessen Stellung im Hause ihr nicht ganz in der Ordnung zu sein schien . Sie verrieth , daß sie an einen passenden Moment dachte , sich zu empfehlen . Ein schlimmer Beobachter , wie etwa Leidenfrost oder Pauline von Harder hätte gewiß gesagt : Die da ist das ganze Prinzip unseres Hofes , nämlich so viel Null wie möglich zu sein ! Man begriff hier den Schmerz Paulinen ' s , unmöglich in jene kleinen Cirkel zu dringen , die von so negativen , forschenden und immer nur ablehnenden Naturen , wie diese Altenwyl , gehütet wurden ... Rudhard brachte sogleich die Malerei und die Kunst auf das Tapet ... Auch die Fürstin Adèle malte , Blumen wenigstens und Käfer , wie sie sagte ... Siegbert ' s Äußerung , daß sie dann glücklicherweise ganz in derjenigen Malerei sich übe , welche , wie er gehört hätte , in Rußland neben dem Portrait und der Landschaft am meisten getrieben würde ... Genre und Historie wären ja wol von Obenher nicht einmal gern gesehen ... Diese Äußerung war eigentlich in solchem Kreise furchtbar gewagt und von unserm guten jungen Freunde fast ein wenig taktlos ... Siegbert fühlte auch sogleich an dem Eindruck , den sie hervorrief , daß er in solcher Umgebung einen gewaltigen Schnitzer gegen die Schicklichkeit begangen hätte . Daß die Fürstin schwieg , daß die Oberhofmeisterin ihn jetzt noch schärfer und strenger mit ihren stummen Blicken examinirte , war ihm begreiflich . Daß aber auch Rudhard etwas die Stirn runzelte und dieser klare , durchgebildete Mann der Anwalt russischer Regierungsmaximen sein konnte , erfüllte ihn mit Befremden . Indessen sammelte er sich rasch und lenkte auf einige russische Bilder ein , die er sehr rühmte , besonders einige gewaltige Städteprospecte , die in Mondscheinbeleuchtung Alles wiedergäben , was man nur von einem Zweige der Malerei , der freilich zu sehr an die Decorationsmalerei der Panoramen erinnerte , erwarten könne . Die Oberhofmeisterin wußte auch sogleich den Namen jenes russischen Künstlers zu nennen , auf den Siegbert anspielte . Sein höfliches : Ganz recht ! erwärmte ein wenig wieder die gestörte reciproque Stimmung ... Die Altenwyl hatte nun etwas gewußt und glaubte , daß Dies ein richtiger Moment war , der sich zum Abschiednehmen eignete und von ihr eine gute Wirkung zurückließ . Schon hatte sie sich erhoben , als der Bediente eintrat und einen eben angefahrenen ferneren Besuch meldete : Frau Landräthin von Harder ! hieß es . Von Harder ? Harder ? sagte die Fürstin . Wie die Oberhofmeisterin diesen Namen hörte , sagte sie : Doch nicht Pauline von Harder ? Die Schwiegertochter des Obertribunalpräsidenten , eine geborene Marschalk . Meine Mutter hat einst Viel von ihr gesprochen . Ich bin sehr erfreut ! Der Bediente ging nach diesen Worten der Fürstin , die sich besonnen hatte . Die Oberhofmeisterin gerieth in große Unruhe . Ja , ja , sagte sie , beide Harders sind Schwiegertöchter - aber - ich hoffe ... die Landräthin von Harder ! hieß es . O , wenn es jene Harder wäre , fuhr die Altenwyl fort , jene Harder , die jetzt in Tempelheide wohnt , nicht die Geheimräthin Pauline von Harder , so wäre sie zu lebhaft gespannt . Sie hätte des Schönsten und Gediegensten so Vieles von dieser Anna von Harder gehört , daß sie bleiben müsse , um sie endlich einmal von Angesicht zu sehen . Sie würde mit dieser » Entrerevue « dem Hofe und den kleinen Cirkeln ja die größte , unverhoffteste Freude machen ... Die Fürstin war wahrhaft glücklich , Veranlassung einer so nützlichen Begegnung zu sein , bei deren Wiedererzählung doch am Hofe schon vor der Vorstellung ihrer in Güte gedacht werden müsse ... Siegbert fühlte wol , daß er nun hätte gehen müssen , aber der Gedanke : Das ist ja sicher die gute liebe Dame , die dir vor noch nicht acht Tagen den Becher mit Wein zur Erquickung in der heißen Sonnenhitze schickte , die Dame , die dich mit Hackert zusammenführte und heut ' Abend noch die Veranlassung seiner Erklärungen sein wird ... fesselte ihn . Er war nun schlau genug , sich den Kindern nothwendig zu machen und sich durch diese zum Bleiben gleichsam nöthigen und zwingen zu lassen . Zu dem kleinen Cirkel , der durch das dampfende Theecomfort , den inzwischen gedeckten Tisch , die Bedienung , endlich die Kinder etwas gar Wohnliches und Trauliches bekommen hatte , trat jetzt die angemeldete Dame . Funfzehntes Capitel Ein Äolsharfenton Würde der Frauen ! Du lehrst die ewige Schönheit der Seele und die tiefe Wahrheit eines reinen kindlichen Herzens ! Vergänglicher Reiz äußerer Formen .. Dauernd verdunkeln dich das fleckenlose reine Gemüth - Liebe , Entsagung und das unverdrossene treue Walten der Mühe ! Die Mühe ! Ach ! Das ist der Schauplatz der kleinen Kammer , wo ein gutes Frauenherz sich ewige Kronen erwirbt . Die Mühe , nicht die Gesinnung allein nur adelt