seyn kann , zu erdichten , um durch Vergleichung des glücklichen Looses des Ungerechten mit dem jammervollen Leben und schrecklichen Ende dieses Rechtschaffnen die Vorzüge der Ungerechtigkeit in ein desto größeres Licht zu setzen . Ich , meines Orts , habe gegen das Ideal des Platonischen Gerechten zwei Einwendungen . Erstens liegt es keineswegs in der Idee eines vollkommen rechtschaffenen Mannes , daß er nothwendig ein Bösewicht scheinen müsse ; im Gegentheil , es ist ihm nicht nur erlaubt zu scheinen was er ist , sondern die Rechtschaffenheit selbst legt es ihm sogar als Pflicht auf , bösen Schein , so viel möglich , zu vermeiden . Auch sehe ich nicht , wie er es ohne Nachtheil sowohl seiner Rechtschaffenheit als seines Menschenverstandes anfangen wollte , um von allen den Menschen , welche tägliche Augenzeugen seines Lebens sind , immer verkannt , gehaßt und verabscheuet zu werden . Alle Umstände , alle Menschen , die ganze Natur müßten sich auf die unbegreiflichste Art gegen ihn verschworen , und er selbst müßte sich , unbegreiflicherweise , unendliche Mühe gegeben haben , seinen Tugenden und guten Handlungen die Gestalt des Lasters und Verbrechens zu geben . Ich zweifle sehr , ob ein einziges Beispiel aufzustellen sey , daß ein so guter , redlicher und gerechter Mann , wie ihn Plato setzt , ohne alle Freunde geblieben , und von Niemand gekannt , geliebt und geschätzt worden wäre . Ueberdieß ließe sich noch fragen , ob irgend ein menschenähnliches Wesen , ohne ein Gott zu seyn , die Probe , auf welche unser Ideendichter seinen Gerechten stellt , zu bestehen , und alle Schmach und Marter , die er zu Bewährung seiner Tugend über ihn zusammenhäuft , auszuhalten vermöchte . Dieses Ideal ist also , von welcher Seite man es ansieht , ein Hirngespenst und zu der Absicht , wozu Plato es erdichtet hat , ganz unbrauchbar . Denn solcher ungerechter Menschen , wie er bei dieser Vergleichung annimmt , hat es zwar in der wirklichen Welt von jeher nur allzu viele gegeben , einen solchen Gerechten hingegen nie . Wenn sich also auch aus der Vergleichung des einen mit dem andern die Folge ziehen ließe , welche Glaukon daraus zieht , so würde doch dadurch nicht bewiesen seyn , daß die Vortheile , welche der wirkliche Ungerechte von seiner Heuchelei erntet , wenn alles , was bei einer scharfen Berechnung in Anschlag kommen muß , ehrlich und redlich angesetzt wird , denen , die der wirkliche Gerechte durch seine Rechtschaffenheit genießt , vorzuziehen wären . 5. An Ebendenselben . Fortsetzung des vorigen . Da ich mich , beinahe wider Willen , aber durch die Natur der Sache selbst , mit welcher ich mich zu befassen angefangen , unvermerkt in eine nähere Beleuchtung der einzelnen Theile , woraus die vor uns liegende reiche Composition zusammengefügt ist , hineingezogen finde ; wird es , bevor wir weiter gehen , edler Eurybates , nöthig seyn , uns auf den Punkt zu stellen , aus welchem das Ganze angeschaut seyn will , um richtig beurtheilt zu werden . Außer mehrern nicht unbedeutenden Nebenzwecken , welche Plato in seinen vorzüglichsten Werken mit dem Hauptzwecke zu verbinden gewohnt ist , scheint mir seine vornehmste Absicht in dem gegenwärtigen dahin zu gehen , der in mancherlei Rücksicht äußerst nachtheiligen Dunkelheit , Verworrenheit und Unhaltbarkeit der vulgaren Begriffe und herrschenden Vorurtheile über den Grund und die Natur dessen , was recht und unrecht ist , durch eine scharfe Untersuchung auf immer abzuhelfen . Diesem großen Zwecke zufolge zerfällt dieser Dialog in zwei Haupttheile . In dem einen , der das erste Buch und die größere Hälfte des zweiten einnimmt , ist es darum zu thun , die folgenden drei Lehrsätze , als die gemeine , von Dichtern , Sophisten und Priestern aus allen Kräften unterstützte , Meinung vorzutragen und auf alle Weise einleuchtend zu machen ; nämlich : 1 ) daß der Unterschied zwischen Recht und Unrecht lediglich entweder auf willkürlicher Verabredung unter freien Menschen , oder auf den Verordnungen regierender Machthaber beruhe , welche letztere natürlicherweise die Gesetze , so sie den Regierten geben , zu ihrem eigenen möglichsten Vortheil einrichten , sich selbst aber nicht dadurch gebunden halten ; 2 ) daß die Ungerechtigkeit dem , der sie ausübt , immer vortheilhafter als die Gerechtigkeit , diese hingegen durch nichts als ihren bloßen Schein nützlich sey ; daß also 3 ) nur ein einfältiger und schwachherziger Mensch das mindeste Bedenken tragen werde , gegen die Gesetze zu handeln , sobald er es ungestraft thun könne . Woraus sich dann von selbst ergibt : daß - da diese Art zu denken nicht nur den Kindern durch die Dichter ( aus deren Gesängen sie den ersten Unterricht empfangen ) beigebracht , und in den Erwachsenen durch alles was sie hören und sehen genährt , sondern sogar durch den religiösen Volksglauben und allerlei priesterliche Veranstaltungen und Künste so kräftig verstärkt werde , - kein Wunder sey , wenn diese , jeden wirklich edeln und guten Menschen empörende Vorstellungsart über Recht und Unrecht so tiefe Wurzeln geschlagen habe und so verderbliche Früchte bringe , als die tägliche Erfahrung lehre . Jene drei Irrlehren zu bestreiten , den wesentlichen Unterschied zwischen der Gerechtigkeit , im höchsten Sinn des Wortes , und ihrem Gegentheil überzeugend darzuthun , und zu beweisen , daß sie das Ziel und die Vollkommenheit des edelsten Theils der menschlichen Natur sey ; daß der Mensch nur durch sie in Harmonie mit sich selbst und dem allgemeinen Ganzen gesetzt werde , und daß , so wie die Ungerechtigkeit die Hauptquelle aller das menschliche Geschlecht drückenden Uebel sey , die Gerechtigkeit hingegen das höchste Glück aller einzelnen Menschen sowohl als aller bürgerlichen Gesellschaften bewirken würde ; Alles dieß macht ( die häufigen , zum Theil weitschichtigen Abschweifungen und Zwischenspiele abgerechnet ) den Inhalt der übrigen acht Bücher aus , und das ganze Werk kann also als eine ernsthafte Entscheidung des alten Rechtshandels zwischen dem Dikäos und Adikos Logos betrachtet werden , welche