der alten , nächstens in Ruhestand zu versetzenden baufälligen Dorfkirche , die die Maler gut zeichnen hatten , wenn sie nur gesehen hätten , wie ihre Wände schon morsch geworden und die Sakristei bedenkliche Risse zeigte , hatte schon zweimal ihr , wie die Mädchen ihr immer nachsummten : » Ei , so komm ' doch ! Ei , so komm ' doch ! « durch die Lüfte gerufen ; aber man wußte , es ging beim Pfarrer Engeltraut , der sonst ein gar trefflicher Diener Gottes war , mit seinen Messen nicht eben besonders präcis . Ausgestiegen am Ufer , konnten die Mädchen immer noch einen Rundweg machen , ehe sie zur Kirche gingen . Sie sahen in der Ferne wie dicht am Waldesrand liegend das aus gelbem Sandstein gebaute , hellleuchtende Landhaus des Bankiers , umschlossen von hohen an den Spitzen vergoldeten Eisengittern . Mehr in der Nähe lag die neue hochragende byzantinische Kirche . Alles winkte geheimnißvoll und gastlich und zu allerlei heimlichem Spaß für den Nachmittag . Nun stieg man aus ... Durch Feld und Flur , über Wiese und Stoppeln , am Hagebucheneck und die Weingärten entlang , da war ' s doch noch ein anderes Wandeln , als drüben auf der schönen , aber engen Insel , auf der man sich zuweilen wie ein Gefangener vorkommen konnte . Schwester Aloysia corrigirte auch jetzt auf dem Wege zur Kirche die Subjonctifs und Angelika lehrte auch jetzt Mathematik und Naturwissenschaften , denn eine sandige Stelle findet sich in der schönsten Gegend , eine Heide von zwanzig Fuß , wo eine Immortelle blühen kann oder das Blümlein Mannstreu , über das gleich ihrer sieben oder acht neugieriger Mädchen wissen wollten , woher dieser Name käme ? Die Lehrerin wußte keinen Rath . Armgart kannte schon vom Walde bei Westerhof den Spottnamen des kleinen zierlichen Pflänzchens und sagte : Es ist ja Vogelfuß , Angelika ! Nun sagte diese : Ach , Ornithopus ? Hülsenblume ! Geschlecht der Heuhechel ! Die jungen Mädchen lachten , als Armgart ganz treuherzig und ohne alle Anklage fortfuhr : Mannstreu und Vogelfuß sind eins und dasselbe ! Die größern Mädchen deuteten sich das harmlose Wort satirisch . Beide Englische Fräulein wandten sich und geboten Ruhe und Sammlung . Wann sprichst du den Pfarrer ? flüsterte Armgart und drückte den linken Arm der Freundin an ihre Brust . Ich sprech ' ihn nicht allein ! sagte diese . Die Vorsteherin wird dabei sein ! Ich denke , nach der Predigt ! Heute auch noch eine Predigt ! Geduld ! Das Wort , mit dem man Armgart bereits wieder auf zehn Schritt verjagen konnte ... Sie entschlüpfte und sah nach Westen hinüber , dorthin , wo die weiß-blauen Wassernebel noch am dichtesten schwammen . Den Roland , wo Benno vielleicht übernachtet hatte , sah man gar nicht vor dem dichten , wenn auch goldsonnigen Nebelflimmer . Die endlich nicht mehr umgangene und nun wirklich im Zuströmen der Landleute mitbetretene Kirche war wahrhaft überfüllt . Man erkannte recht , welches Verdienst sich Bernhard Fuld erworben durch die Erbauung einer neuen . Das Pensionat der Englischen Fräulein genoß aber eine Auszeichnung . Jeden Sonntag blieben ihm die vordern Stühle reservirt . Es ging dann alles bei der Messe , wie es gehen soll und überall bei ihr geht . Vielleicht nicht ganz nach der Schnur , die die Kanoniker in Rom vor tausend Jahren gewunden haben , aber doch auch ohne besondere Verwickelung . Pfarrer Engeltraut war , wie die römischen Priester sein sollen , keine viel mit sich allein beschäftigte Persönlichkeit . Er verrichtete ein Opfer , das ganz von ihm unabhängig war . Hätte es einem strengen Kenner des Ritus auch nicht entgehen können , daß sich mancherlei Fehler einschlichen , so sah das doch so obenhin niemand von den Versammelten . War der Blick , mit dem der Priester aus der Sakristei trat , gesenkt genug ? War die Haltung des Körpers gerade und hübsch aufrecht ? Trug der Opferer eine Brille , von der Gregor der Heilige freilich noch nichts vorzuschreiben wußte , als der sein Oremus sang , und Abraham und Melchisedek , die Voropferer der Messe , noch weniger ? ... Pastor Engeltraut trug eine Brille , und sonderbar , er legte sie gerade beim Lesen ab , auf sein Taschentuch . Dann war er ganz einfach im Vortrag und ebenso einfach in der Geberde . Er machte die Kreuzeszeichen allerdings nicht , wie wenn er sie heute zum ersten male machte , aber auch nicht so , wie z.B. vornehme Damen am Weihbecken beim Betreten der Kirche , die zum Jammer frommer Seelen und wie Beda Hunnius einmal in einer seiner Predigten zum Dank der gerade damals zuhörenden Angelika und in seinem Abraham a Sancta Clara-Stil sagte : » sich beim Benetzen einen Schnörkel angewöhnt haben , als wenn unser Herr und Heiland auf irgendeiner runden Drehscheibe oder einem andern Zickzack , nur nicht an dem so tief sinnvoll von ihm gewählten Kreuze gestorben wäre . « Nichts auch verwirrte er von dem , was laut und was leise zu sprechen , was zu singen oder nur zu sagen war . Auch jagte er nicht in seinen Abschnitten und ging dann nicht wieder wie eine Schnecke . Auswendig auch wußte er , was er nur zu lesen schien . Und wenn dann irgendetwas vorhanden war , was den würdigen Gang des Opfers anfangs hätte unterbrechen können , so war es freilich des Priesters Hinblick auf den heutigen Thuriferar Antonius Hilgers , der nebst zwei andern Knaben zum ersten male diesem schwierigen Geschäfte des Administrirens vorstand . Aber gerade Antonius hielt sich vorzugsweise wacker zum Stolz seiner Angehörigen , zum Wohlgefallen des englischen Instituts . Wenigstens dünkte er sich ebenso kundiger Lootse durch die Untiefen und Schwierigkeiten des lateinischen Missales , wie er es unbestreitbarer durch die Strudel und Schnellen des herrlichen Stromes drüben war . Nie stand er auf der Epistelseite des Altars , der linken , wenn er