erhalten glauben würde . Glaukon ( der noch immer im Namen derjenigen spricht , denen Recht und Unrecht für bloße Satzung des gesellschaftlichen Vereins und der Machthaber in demselben gilt ) ist seiner Sache so gewiß , daß er geradezu versichert : jedermann sey so völlig davon überzeugt , daß die Ungerechtigkeit dem Ungerechten vortheilhafter sey als die Gerechtigkeit , daß , sobald jemand glaube er könne mit Sicherheit unrecht thun , er es nicht nur ohne alles Bedenken thun werde , sondern sich für den größten aller Thoren und Dummköpfe halten würde , wenn er es nicht thäte . Um sich , sagt er , zu überzeugen , daß einem verständigen Menschen nicht zuzumuthen sey , anders zu denken und zu handeln , brauche es nichts als das Loos zu erwägen , das der Gerechte und Ungerechte im Leben unter den Menschen zu gewarten habe . So weit hatte Plato seinen Glaukon die Lehre der Sophisten , die er nicht ohne Grund die gemeine Meinung nennt , ziemlich treu und unverfälscht vortragen lassen ; aber nun schiebt er ihm wieder unvermerkt seine eigene Vorstellungsart unter , indem er ihn aus der wirklichen Welt , aus welcher sich jene nie versteigen , auf einmal in seine eigene Ideenwelt versetzt , unter dem Vorwand : das Problem , wovon die Rede ist , könne auf keine andere Weise ganz rein aufgelöset werden . Wir wollen sehen ! Denken wir uns ( sagt der platonisirende Glaukon ) um uns den Unterschied zwischen dem gerechten und ungerechten Mann völlig anschaulich zu machen , beide in ihrer höchsten Vollkommenheit , so daß dem Ungerechten nichts was zur Ungerechtigkeit , dem Gerechten nichts was zur Gerechtigkeit gehört , abgehe . Es ist also , um mit dem Ungerechten den Anfang zu machen , nicht genug , daß er immer und bei jeder Gelegenheit so viel Unrecht thut als er kann und weiß ; wir müssen ihm auch noch erlauben , daß er , indem er nichts als Böses thut , sich immer den Schein des Gegentheils zu geben und die Meinung von sich fest zu setzen wisse , daß er der rechtschaffenste Mann von der Welt sey ; und da es , mit allem dem , doch begegnen könnte , daß auf eine oder die andere Weise etwas von seinen Bubenstücken an den Tag käme , so muß er auch noch Beredsamkeit genug , um sich in den Augen der Menschen völlig rein zu waschen , und im Nothfall , so viel Muth , Vermögen und Anhänger besitzen , als nöthig ist um Gewalt zu brauchen , wenn List und Heuchelei nicht hinreichen will . Diesem Bösewicht nun stellen wir den Gerechten gegen über , einen guten , ehrlichen , einfachen Biedermann , der was er ist nicht scheinen will , sondern sich begnügt es zu seyn . Damit wir aber recht gewiß werden , daß ihm nichts zur vollkommnen Rechtschaffenheit abgeht , ist schlechterdings nöthig , daß wir ihn in der öffentlichen Meinung zum Gegentheil dessen machen , was er ist , denn wenn er auch rechtschaffen zu seyn schiene , würden ihm Ehrenbezeugungen und Belohnungen nicht fehlen , und da würde es ungewiß seyn , ob er das , was er schiene , wirklich und aus reiner Liebe zur Gerechtigkeit , oder nur der damit verbundenen Vortheile wegen sey . Wir müssen ihm also alles nehmen , bis ihm nichts als die nackte Rechtschaffenheit übrig bleibt , und ihn , mit Einem Worte , so setzen , daß er in allem als das Gegentheil des Ungerechten dastehe . Dieser ist ein ausgemachter Bösewicht und scheint der unbescholtenste Biedermann zu seyn ; jener ist sein ganzes Leben durch der rechtschaffenste aller Menschen , und wird für den größten Bösewicht gehalten ; geht aber , ohne sich seinen schlimmen Ruf und die Folgen desselben im geringsten anfechten zu lassen , seinen Weg fort , und beharret , wiewohl mit jeder Schande des verworfensten Buben belastet , unbeweglich bei seiner Rechtschaffenheit bis in den Tod . Man kann sich leicht vorstellen , wie es diesen beiden idealischen Wesen , wenn sie verkörpert und ins menschliche Leben versetzt würden , ergehen müßte . » Der Gerechte , sagen die Lobredner der Ungerechtigkeit , wird gegeißelt , auf die Folter gespannt und in Ketten gelegt werden : man wird ihm die Augen ausbrennen , und nachdem er alle nur ersinnlichen Mißhandlungen erduldet hat , wird er ans Kreuz geschlagen werden , und nun zu spät einsehen , daß man zwar rechtschaffen scheinen , aber kein Thor seyn muß es wirklich zu seyn . Wie herrlich ist hingegen das Loos des Ungerechten , der die Klugheit hat , die öffentliche Meinung auf seine Seite zu bringen , und während er sich unter der Larve der Tugend ungestraft alles erlauben kann , für einen rechtschaffnen und verdienstvollen Mann gehalten zu werden ? Die höchsten Ehrenstellen im Staat erwarten seiner ; er kann heirathen wo er will , und die Seinigen ausgeben an wen er will ; jedermann rechnet sich ' s zur Ehre in Verhältniß und Verbindung mit ihm zu kommen ; ihm , dem kein Mittel zu seinem Zweck zu schlecht ist , schlägt alles zum Vortheil an ; bei allen Gelegenheiten weiß er andern den Rank abzulaufen , kurz er wird ein reicher und gewaltiger Mann , und ist also im Stande , seinen Freunden nützlich zu seyn , seinen Feinden zu schaden , und die Götter selbst durch häufige Opfer und reiche Weihgeschenke zu gewinnen , so daß er ihnen lieber seyn wird , als der Gerechte , der nichts zu geben hat . « Ich weiß nicht wie vielen Dank eure Sophisten dem göttlichen Plato für diese Darstellung ihrer Lehre von den Vortheilen der Ungerechtigkeit über die Gerechtigkeit wissen werden ; gewiß ist wenigstens , daß es keinem von ihnen je eingefallen ist , die Frage auf diese Spitze zu stellen , und einen gerechten Mann , wie nie einer war , noch seyn wird noch