Unrecht thun , oder andere beleidigen sey schon an sich selbst , ohne Einschränkung , Bedingung oder Rücksicht auf einen dadurch zu gewinnenden Vortheil , gut , folglich recht thun an sich selbst übel . Sie kennen überhaupt kein Gut noch Uebel an sich , sondern betrachten alle Dinge bloß wie sie in der Wirklichkeit sind , d.i. wie sie allen Menschen , in Beziehung auf sich selbst oder auf den Menschen überhaupt , unter gegebenen Umständen scheinen . Im Stande der freien Natur erlaubt sich ( sagen sie ) der Stärkere alles , wozu er durch irgend ein Naturbedürfniß oder irgend eine Leidenschaft , Lust oder Unlust , getrieben wird ; aber in diesem Stande gibt es , genau zu reden , keinen Stärkern als für den Augenblick ; denn der Stärkste wird sogleich der Schwächste , sobald mehrere über ihn kommen , wiewohl er jedem einzelnen überlegen wäre . Jener angebliche Naturstand ist also ein allgemeiner Kriegsstand , bei welchem sich am Ende , wo nicht alle , doch gewiß die meisten so übel befinden , daß sie sich entweder in Güte zu einem gesellschaftlichen Leben auf gleiche Bedingungen verbinden , oder irgend einem Mächtigen gezwungen unterwerfen müssen , falls sie sich ihm nicht aus Achtung und Zutrauen , mit oder ohne Bedingung , freiwillig untergeben . In allen dreien Fällen sind Gesetze , welche bestimmen was sowohl den Regierenden oder Machthabern als den Regierten oder Unterworfenen recht und unrecht ist , nothwendig ; denn sogar ein Tyrann , der alles kann was ihn gelüstet , wird sich , wenn er Verstand genug hat sein eigenes Bestes zu beherzigen , nicht alles erlauben was er kann . Indessen ist nicht zu läugnen , daß der Grundsatz der Sophisten , » die Gerechtigkeit ( insofern die Erfüllung der bürgerlichen Gesetze darunter verstanden wird ) sey ein Zaum , den bloß die Nothwendigkeit den Menschen über den Hals geworfen habe , und von welchem jedermann , sobald er es ungestraft thun könne , sich loszumachen suche , « sich als Thatsache auf die allgemeine Erfahrung gründet , und daß die Sokratesse ( wofern es jemals mehr als Einen gegeben hat ) noch seltner als die weißen Raben sind . Diese Thatsache ist im Lehrbegriff der Sophisten eine natürliche Folge des Beweggrundes , der die Menschen aus dem freien Naturstande ( wo die Kraft allein entschied , und , weil es noch kein Gesetz gab , jeder sich alles erlauben durfte was er auszuführen vermögend war ) heraustrieb , und in den Stand des politischen Vereins zu treten nöthigte . Jene unbeschränkte Freiheit würde von den Menschen als ihr höchstes Gut angesehen werden , wenn sie nicht , eben darum weil sie nur von dem Stärkern ausgeübt werden kann , die unsicherste Sache von der Welt wäre . Denn welcher Mensch kann sich in einem Stande , wo Einer immer gegen Alle und Alle gegen Einen sind , nur einen Tag darauf verlassen , der Stärkere zu bleiben ? Die eiserne Nothwendigkeit zwingt sie also , wider ihren Willen , zum gesellschaftlichen Verein , als dem einzigen Mittel , ihr Daseyn und jeden daher entspringenden Genuß unter Gewährleistung der Gesetze in Sicherheit zu bringen . Natürlicherweise aber behält sich jeder stillschweigend vor , die Gesetze ( die ihm nur , insofern sie ihn gegen andere schützen , heilig , aber , insofern sie seiner eigenen Freiheit Schranken setzen , verhaßt sind ) so oft zu übertreten , als er es mit Sicherheit thun kann . Diesem nach wäre denn bei allen , welchen es an Macht gebricht sich öffentlich und ungescheut über Recht und Unrecht wegzusetzen , kein anderer Unterschied zwischen dem gerechten und ungerechten Manne , als daß jener sich nie ohne eine Larve der Gerechtigkeit sehen läßt , die er sich so geschickt anzupassen weiß , daß sie sein eigenes Gesicht zu seyn scheint ; dieser hingegen so plump und unvorsichtig ist , sich immer über der That ertappen zu lassen . Darin , daß keiner sich etwas , das ihn gelüstet , versagen möchte , und jeder wo möglich alles zu haben wünscht , sind sie einander beide gleich . Da dieß in der That hart klingt , so hält sich Glaukon , im Namen derjenigen , deren Sachwalter er vorstellt , zum Beweise verbunden , und führt ihn sehr sinnreich , vermittelst der Voraussetzung , daß beide , der Gerechte und Ungerechte , wie jener aus dem Herodot bekannte Lydier13 ( dessen fabelhafte Geschichte Glaukon hier etwas anders als Herodot erzählt ) im Besitz eines unsichtbar machenden Ringes wären . Ein solcher Ring würde , dünkt mich , als Probierstein gebraucht allerdings das untrüglichste Mittel seyn , den wahrhaft rechtschaffenen Mann von dem Heuchler zu unterscheiden ; aber zu dem Gebrauch , den Glaukon von ihm macht , scheint er nicht zu taugen . Denn indem dieser ganz herzhaft annimmt , daß der Gerechte , sobald er sich im Besitz eines solchen Ringes sähe , nicht um ein Haar besser als der Ungerechte seyn , und alle möglichen Bubenstücke , wozu Lust , Habsucht oder andere Leidenschaften ihn reizen könnten , eben so unbedenklich verüben würde als jener , setzt er als etwas Ausgemachtes voraus , was erst bewiesen werden sollte . Wenn auch wir andern gewöhnlichen Leute so überschwänglich bescheiden seyn wollten , einen Zweifel in uns selbst zu setzen , ob wir wohl den Versuchungen eines solchen Zauberringes widerstehen könnten ; wer darf nur einen Augenblick zweifeln , daß ein Sokrates durch den Besitz desselben weder an Macht , noch Geld , noch sinnlichen Genüssen reicher geworden wäre ? Indessen , wofern es auch an einzelnen Ausnahmen nicht fehlen sollte , so ist doch nur gar zu wahrscheinlich , daß unter Tausend , die für gute ehrliche Leute gelten , weil sie weder Muth noch Macht haben sich in ihrer wahren Gestalt zu zeigen , nicht Einer wäre , der mit dem Ring des Gyges nicht die vollständigste Befreiung von allem Zwang der Gesetze zu