im zweiten Buche zu spielen gibt , glänzend und ehrenvoll zu machen . Der erste von ihnen , Glaukon , tritt zwar als Verfechter der Ungerechtigkeit auf , deren Sache Thrasymachus ( wie er meint ) allzu lässig vertheidigt und ohne Noth viel zu früh aufgegeben habe ; verwahrt sich aber mit vieler Wärme gegen den Verdacht , als ob er , indem er alle seine Kräfte zu Gunsten der Ungerechtigkeit aufbiete , aus eigener Ueberzeugung und gleichsam aus der Fülle des Herzens rede . Also bloß um den Gegnern der Gerechtigkeit alle Möglichkeit der Einwendung , als ob ihre Gründe nicht in ihrer ganzen Stärke geltend gemacht worden wären , abzuschneiden , und um den Sokrates in die Nothwendigkeit zu setzen , sich der guten Sache in vollem Ernst anzunehmen , nimmt Glaukon das Wort , und macht sich anheischig : vor allen Dingen zu erklären , was nach der Meinung derjenigen , für welche Thrasymachus gesprochen habe , die Gerechtigkeit sey und woher sie ihren Ursprung nehme ; sodann zu zeigen , daß diejenigen , die sich der Gerechtigkeit befleißigen , es nicht deßwegen thun , weil sie in ihren Augen ein Gut , sondern weil sie ein nothwendiges Uebel ist ; und endlich drittens zu beweisen , daß diese Leute Recht haben ; sintemal die Erfahrung bezeuge , daß das Leben des Ungerechten in der That glücklicher sey als des Gerechten . » Nicht als ob ich selbst diese Meinung hegte , « sagt Glaukon ; » aber doch stoßen mir zuweilen Zweifel auf , da ich täglich von Thrasymachus und zehntausend andern so viel dergleichen hören muß , daß mir die Ohren gellen , hingegen mir noch niemand , so wie ich es wünschte , bewiesen hat , daß der Gerechte sich im Leben besser befinde als der Ungerechte . « Ich zweifle ob unser alter Freund Hippias selbst diese Lieblingslehre der Sophisten ( die übrigens in der Geschichte der Menschen und der Erfahrung nur allzu gegründet ist ) deutlicher und scheinbarer hätte vortragen und zierlicher zusammenfassen können , als in der kleinen Rede geschehen ist , welche Plato seinem Bruder Glaukon hier in den Mund legt . Ob aber gleichwohl durch die unserm Philosophen eigene Art , alles aufs Höchste zu treiben , den Behauptern der Lehre , » daß der Unterschied zwischen dem , was die Menschen Recht und Unrecht nennen , sich bloß auf einen durch die Noth aufgedrungenen Vertrag gründe , « nicht einiges Unrecht geschehe , dürfte wohl die Frage seyn . » Unrecht thun « ( sagt Glaukon ) » ist , nach der gemeinen Meinung , an sich selbst , oder seiner Natur nach gut , Unrecht leiden an sich selbst , übel . Aber aus dem Unrecht leiden entsteht mehr und größeres Unheil , als Gutes aus dem Unrecht thun . Nachdem nun die Menschen einander lange Unrecht gethan und Unrecht von einander erlitten , glaubten die Schwächern , - eben darum , weil die Schwäche , um derentwillen sie alles Unrecht von den Stärkern leiden müssen , sie unvermögend machte , das Vergeltungsrecht an jenen auszuüben , - sich nicht besser helfen zu können , als indem sie in Güte mit einander übereinkämen weder Unrecht zu thun noch zu leiden . « - Auf diese Weise , meint er , seyen die Gesetze und Verträge entstanden , und so habe das durchs Gesetz Befohlene oder Verbotene die Benennung des Rechts oder Unrechts erhalten . Dieß sey also der Ursprung der Gerechtigkeit , und so stehe sie , ihrem Wesen nach , zwischen dem Besten und dem Schlimmsten in der Mitte ; denn das Beste wäre , ungestraft Unrecht zu thun , das Schlimmste Unrecht zu leiden ohne sich rächen zu können . Die Gerechtigkeit werde also nicht geschätzt weil sie etwas Gutes an sich sey , sondern bloß insofern sie den Schwächern zur Brustwehr gegen die Beeinträchtigungen der Stärkern diene . Wer sich folglich stark genug fühle , dieser Brustwehr nicht zu bedürfen , werde sich wohl hüten sich in Verträge , andern kein Unrecht zu thun um keines von ihnen zu leiden , einzulassen ; denn da er das letztere nicht zu befürchten habe , so müßte er wahnsinnig seyn , wenn er sich des Vortheils , den Schwächern ungestraft Unrecht zu thun , freiwillig begeben wollte . Ich kann mich irren , aber so weit ich die Sophisten , deren System Plato in diesem zweiten Buche in seiner ganzen Stärke vorzutragen unternommen hat , kenne , scheint er mir , es sey nun vorsetzlich oder unvermerkt , etwas von seiner eigenen Vorstellungsweise in die Darstellung der ihrigen eingemischt zu haben . Ich wenigstens zweifle sehr , ob es jemals einem Menschen eingefallen ist , zu behaupten : Unrecht thun sey gut an sich . Und was versteht Glaukon , aus dessen Munde Plato hier spricht , unter Unrecht thun ? Wenn der Unterschied zwischen Recht und Unrecht erst durch Verträge und verabredete Gesetze bestimmt werden muß , so gibt es in dem Zustande der natürlichen Freiheit , der den gesellschaftlichen Vereinigungen vorhergeht , kein Unrecht . Oder spielt Plato , wie er so gern thut , auch hier mit dem Doppelsinn des Worts adikein , welches sowohl beleidigen , als Unrecht thun bedeutet ? Im Stande der natürlichen Freiheit ( den ich lieber den Stand der menschlichen Thierheit nennen möchte ) beleidige ich den Schwächern , dem ich die Speise , womit er seinen Hunger stillen will , mit Gewalt wegnehme ; im Stande der politischen Gesellschaft thue ich ihm dadurch Unrecht , weil das Gesetz alle Beleidigungen verbietet . So verstehen es meines Wissens , die Sophisten ; und wiewohl sie behaupten , daß es dem Menschen , welcher Macht genug hat alles zu thun was ihm beliebt und gelüstet , nicht unrecht sey die Schwächern zu berauben oder zu unterjochen , sobald er Vortheil oder Vergnügen davon zu ziehen vermeint : so hat doch schwerlich einer von ihnen jemals im Ernste behauptet ,