Psyche , indem sie auf dem Wege der Phantasie zu Ruhmsucht , Eitelkeit , Herrschsucht und Sinnlichkeit verführt . Der Graf schauderte vor des Leere seines einsamen Innern . Wer Gram und Zorn und Haß im Herzen hat , etwas hat er dann doch hinabzuspülen . Er taucht in Lethes Fluth ein volles Blatt , ein vollgeschriebenes Blatt - o er ist zu beneiden . Doch dies Gefühl des Erfrorenseins , des Abgestorbenseins , erfüllt das ganze Herz mit Nacht und Schatten . Und als müsse er von der Muse einen ihrer würdigen Abschied in Versen nehmen , quälte er seine ganze Lebenserkenntniß in folgende Reim-Prosa hinein : Glück , das ist Frieden , Frieden ist Ruhe , Ruhe ist Größe und Freiheit nur groß . Denke und fühle , schaffe und thue Friedlos und rastlos , im Sturmesgetos . Ruhe sinkt willig in unruhvolle Seele . Wer Ruhe aber suchet , den quält ein innrer Dorn . Bewegung lenkt das All , der Einzle auch sie wähle . In Widerspruch und Wechsel nur quillt der Wahrheit Born . Wenn für die Gegenwart Du nicht denkst und nicht handelst , Dann naht der Vergangenheit dürres Gespenst . Oder mögliche Zukunft ins Jetzt Du schon verwandelst , Deren Leiden Dir sicher , deren Freuden Du nicht kennst . Du rechnest , ob nicht etwa der Wechsel oder jener Zu Deinen Gunsten nahn wird , doch nur das Unheil naht . Wer frühres Glück betrachtet , zu übersehn nicht wähn ' er Manch unfruchtbaren Samen , manch Unkraut in der Saat . Wenn eine von der andern auch verschlungen werde , Doch nennen wir uns Wogen in der Brandung der Zeit . Statt dessen sind wir Blasen und Schaum diese Erde Und drunter rollt unheimlich das Meer der Ewigkeit . Er überlas das Geschriebene . Dann lächelte er verächtlich und zerriß das Papier . Er ein Dichter ? Ein tieffühlender und tiefdenkender Mensch war er , aber blieb ewig Didaktiker oder Theatraliker . Was verlor die Welt an seinem Dichterthum ? Das konnte höchstens dazu dienen , größere Talente in bedrückten bürgerlichen Verhältnissen durch seine gräfliche Concurrenz zu schädigen . Und hätte er noch geschwankt , ob er definitiv abdanken solle , dann hätte die Lectüre des Leonhartschen » Tagebuchs « ihn endgültig bestimmt , das jetzt auf seine telegraphische Bestellung umgehend eintraf , » soeben erschienen « . IV. Als Motto standen auf der Titelseite aus Händel-Miltons Oratorium » Samson Agonistes « die Verse : » Laß mich mit Thränen mein Loos beklagen , Ketten zu tragen das ist mein Geschick . « Ja , wahrlich , hier tobte ein geschorener geblendeter Simson in seinen Ketten - er , der so oft mit einem Eselskinnbacken die Philister erschlug . Bei Lebzeiten des Dichters wäre eine Veröffentlichung dieses Tagebuchs ein unmögliches Vabanque-Spiel gewesen oder zum Staatsstreich geworden . Die unheimliche Menschenkenntniß , die hier intuitiv in allen Seelen las , ihr Schicksal mit einem Blick vor-und rückwärts erkundend , paarte sich einem unerbittlichen Zuhausesein im eignen zerwühlten Herzen . Dies schien ihm der Spiegel geworden , durch den er die Herzen der Andern sah . Man blickte gleichsam über den Schreibtisch des Dichters , wie er verzweifelt nach Vollendung rang . Man sah ihn als halbflüggen Jüngling seinen unreifen Weltschmerz und seine unglückliche Liebe in wilden Liedern ausgrollen , aber nicht in rethorischer Formvirtuosität , nichtselnd , sondern an großen Stoffen sich die Zähne ausbeißend . Langsam und stetig gewann er Herrschaft über die Form , allerdings eine neue Form , von welcher der akademische Jargon der Poesie-Eunuchen und Hermaphroditen noch nichts ahnte . Mit durstigen Sinnen schaute er sein handlungbewegtes Leben an und angeschautes Leben trat in all seinen Schriften hervor . Ja , er eroberte sogar neue Stoffgebiete , welche der Poesie noch nie erschlossen waren . Unaufhaltsam rollte der Wagen dieses geistigen Imperators die Via Triumphalis hinan . Dabei blieb er kameradschaftlich jovial , trotzdem das volle Bewußtsein seines Werthes ihn aufrecht erhielt im Sumpf der litterarischen Bohème . Aber grade in Folge seiner Bonhomie kam eine Vertraulichkeit seiner Schützlinge zum Vorschein , die dem verwöhnten und stolzen Manne nicht behagen konnte . Wunderknaben , die er gegen alle Welt geschirmt , vermaßen sich ihn zu fragen , wie einst der Dichterling Polidori seinen Gönner Byron : was er denn eigentlich mehr leiste als sie . Wer in seinem Schatten vegetirte , nahm später einen lehrhaften Ton gegen den allzu Gutmüthigen an . Wenn dann dem Ewigkeitsmenschen endlich die Geduld riß , rannten sie wie toll umher und klatschten Schauderdinge von seinem Hochmuth , während es gerade als sein Fehler erschien , daß er sich würdelos wegwarf . Im tiefsten Innern bescheiden allem Großen gegenüber , hingebend und übertrieben wohlwollend gegen alles leidlich Bedeutende , zweifelte er stets an seiner Unfehlbarkeit , unbeirrt durch das Hosianna seiner Bewunderer wie das Gekläff seiner Neider . War er nur der Christoph Marlowe eines neuen Shakespeare ? War er der Riese Christoph , der das Jesuskind über die wilden Wasser trägt ? Oder war er selbst dieser Messias der Poesie ? Er wußte es nicht . Auch grübelte er nie darüber und fühlte sich stets bereit , das Knie zu beugen vor dem Dichter der Zeit , der da kommen sollte , wie die Zeichen künden . Fern dem neidischen Größenwahn wie der falschen Demuth , wie es der wahren Größe geziemt , brandmarkte er nur den Wahn der Windmacher . Denn in diesen prahlenden neidgrünen Schwächlingen erkannte er grade die echten Kinder unsrer reklamesüchtigen Aera , ob sie auch selbst über ihr Jahrhundert errötheten , wie ihr Jahrhundert über sie . All diesen Statisten , die statt » die Pferde sind gesattelt « sich selbst als Heldenspieler meldeten fürs erste Rollenfach , ertheilte er oft den wohlverdienten Fußtritt seines vernichtenden Sarkasmus . Selten war die Lächerlichkeit , welche unbewußt aller Lüge und Gemeinheit anhaftet , mit so sicherer kühner Hand in derben Strichen conterfeit . Wie der Ritter mit der eisernen