hier nicht aus ! rief der Andere . Seit unser Regiment aufgelöst ward , seit die Schmach dieser Zeit auf uns lastet , habe ich keinen freien Athemzug mehr gethan . Was hilft es mir , daß ich in dem Bureau des Staatskanzlers beschäftigt werde , daß er selbst mich gütig damit vertröstet , ich könne auch als Beamter meinem Vaterlande nützlich werden ? Wozu haben alle diese Schreibereien und Verhandlungen geführt , als uns noch tiefer hinabzudrücken ? Nur Eines hilft uns , nur Eines rettet uns - der freie , offene Kampf ! Er unterbrach sich und fragte : Warum schweigen Sie , Tremann ? Weil Sie ohnehin wissen , lieber Werben , daß ich Ihre Ansicht theile ; mich dünkt , wir haben uns darüber ausgesprochen , als ich zum ersten Male Sr. Excellenz die Briefe überbrachte , die man mir für ihn in Petersburg gegeben hatte . An dreihundert unserer Officiere , nahm jener wieder das Wort , sind allmählich nach Oesterreich und Rußland gegangen . Mein Vater kann mir , das fühle ich , in seiner Stellung die Erlaubniß dazu nicht geben , so wenig er mich aufrichtig tadeln kann , wenn ich ohne dieselbe meiner Ueberzeugung folge . Willigen Sie in meinen Plan , so sende ich morgen Ihren Diener mit einer Botschaft zu meiner Mutter , die ihn auf dem Gute behalten soll , bis Sie ihn zurückverlangen , und Sie bringen mich an seiner Statt über die Grenze nach Rußland hinüber . Das kann geschehen , sagte Paul nach kurzer Ueberlegung . Und Sie selbst , Tremann , Sie , der Sie doch jenseit des Oceans freie Luft geathmet haben , der Sie frei und durch nichts gebunden sind , denken Sie wieder in diese Kerkerluft zurückzukehren , freiwillig noch länger in der Knechtschaft zu verharren , in welcher fast ganz Europa schmachtet ? Ich bin nicht frei ; ich habe mit meiner Person für fremdes , mir anvertrautes Gut zu stehen und mein Vermögen zu bewahren , auf dem meine persönliche Unabhängigkeit beruht , entgegnete Paul . Aber alle Schritte sind gethan , mich von den Verpflichtungen zu lösen , mit denen ich Anderen verhaftet bin , und ich hoffe , zu rechter Zeit über mich verfügen zu können . Er stand mit den Worten auf , ging an seinen Schreibtisch , schrieb in mehrere einzelne Blätter immer nur wenige Worte und benutzte diese Blätter zu Umschlägen über die Briefe , welche Herr von Werben ihm ausgehändigt hatte . Dann adressirte er sie nach verschiedenen Orten und wollte dem Comptoirdiener schellen , der sie fortbringen sollte ; aber er besann sich eines Anderen . Kommen Sie zu Seba hinauf ? fragte er . Nein ; ich glaube , es ist gerathener , wenn ich ' s unterlasse , da Sie nun den Freunden mittheilen können , was Sie von mir gehört haben . Nur daß ich mit Ihnen gehe , lassen Sie nicht verlauten . Nichtwissen macht unverantwortlich . So will ich Sie gleich nach dem Gartensaale führen , antwortete Paul , und die Briefe danach selbst zur Post besorgen . Es weiß dann außer dem Gärtner , auf den man sich unbedingt verlassen kann , Niemand , daß ich einen Besuch gehabt habe - und unter Aufsicht halten die Schildwachen und die Dienerschaft des Generals uns jetzt , wie ich glaube , in der That . Der Hauptmann wickelte sich wieder in seinen Mantel ein , Paul geleitete ihn durch das Nebenzimmer bis an die Thüre des Gartensaales . Sie schüttelten einander herzlich die Hand , und Jener verließ das Haus und den Garten auf dem Wege , den er gekommen war . Als Paul dann nach seinem Gange in die Stadt in Seba ' s Cabinet trat , fand er einen kleinen Kreis von Männern und Frauen , unter ihnen die Gräfin Rhoden , bei ihr versammelt . Man hatte sich , seit die patriotischen Vorlesungen vor Männern und Frauen gehalten worden , in denen Seba auch mit der Gräfin Rhoden bekannt geworden war , an bestimmten Abenden im Flies ' schen Hause vereinigt , um sich im gemeinsamen Lesen und in Besprechung des Gehörten aufzuerbauen ; aber die Versuche der Franzosen und anderer nicht vertrauten Personen , sich in diesen Kreis Eingang zu verschaffen , nöthigten die Theilnehmer , sich gegenwärtig der regelmäßigen Zusammenkünfte zu enthalten und sich mit gelegentlichen Verabredungen zu behelfen . Paul war den Freunden bereits bei einer seiner früheren Anwesenheiten in der Residenz zugeführt worden , und seit er nach jener ersten russischen Reise mit Briefen des Freiherrn von Stein an den Staatskanzler betraut worden war , hatte das Zutrauen des Kreises zu ihm und seiner Tüchtigkeit sich gesteigert , so daß er einer über seine Jahre großen Geltung in demselben genoß . Die anwesenden Männer empfingen ihn mit freundlichem Handschlage , die Frauen hießen ihn willkommen , nur die Gräfin Rhoden , die er früher noch nicht gesehen , weil Krankheit sie längere Zeit zurückgehalten hatte , schien von seinem Anblicke befremdet zu werden , und unwillkürlich blieben ihre Blicke auf ihn geheftet , als er sich nach geschehener Vorstellung von ihr zu den ihm bekannten Personen wendete . Ein Beamter aus dem Kriegs-Ministerium , welcher schon früher angekommen war , hatte die Nachricht von dem Dresdener Congresse , die Paul als Neuigkeit mitbrachte , bereits vor ihm verkündet , und die Trauer über diese Kunde war unverkennbar . Man beklagte den König , man fand einen Trost darin , daß der Kaiser von Oesterreich sich zu dergleichen Anerkennung und Huldigung habe herbeilassen müssen , und bedauerte das Loos derjenigen preußischen Truppen , welche bestimmt waren , den feindlichen Eroberer auf seinem Zuge nach Rußland zu begleiten . Fast jeder der Anwesenden hatte einen oder den anderen Bekannten in diesen Regimentern , und die Gräfin erwähnte , wie bitter ihr junger Vetter , der Lieutenant von Arten , dies Schicksal finde . So soll er sich vor demselben wahren ! meinte Paul .