er zudringlich erscheinen könnte , als wenn man glauben müßte , er hätte absichtlich schon jetzt diese Gegend aufgesucht .. Er war in sichtlicher Verlegenheit . Aber Rudhard blieb dabei , er müsse nun eintreten , sein Zimmer , seine Bücher , seine Sammlungen sehen . Wir haben uns eingerichtet , sagte er , hier ein paar Jahre zu bleiben ! Wie er aber das fortgesetzte Sträuben Siegbert ' s durch die Worte zu widerlegen suchte : Und mein Stammbuch aus Schulpforte ? Wie ist ' s damit ? - da konnte Siegbert nicht widerstehen , sondern trat durch die Pforte zur Wohnung der Fürstin Wäsämskoi ein . Die von Gußeisen gefertigte Thür dröhnte gewaltig , als sie hinter ihm durch ihre Wucht von selbst zufiel . Vierzehntes Capitel Olga Wäsämskoi Die kleinen Wäsämskoi ' s hießen Rurik und Paulowna , sprachen deutsch und glichen sicher mehr ihrer deutschen Mutter , einer gebornen Adèle von Osteggen , als ihrem russischen Vater , dem Knäs Wäsämskoi . Zutraulich machten sie die Bekanntschaft Siegbert ' s , von dem ihnen Rudhard , obgleich noch völlig unbekannt mit Siegbert ' s Talent , doch erzählte , daß er ein Maler wäre und herrliche Bilder machen könne . Gleich hatten sie ihm ihre eignen Versuche in dieser Kunst mitzutheilen und versprachen ihm Proben zu zeigen . Siegbert faßte die kleine Paulowna an der Hand , Rurik zog , ja zerrte ihn fast die Treppe hinauf in das Zimmer Rudhard ' s , den sie Papa nannten . Dies Zimmer war sehr traulich von der eben sinkenden Sonne beleuchtet und obgleich erst seit kurzem bewohnt , doch schon von Taback ziemlich eingeräuchert . Ich bin kein eleganter Hofmeister , sagte Rudhard , wie der moschusduftende Monsieur Rafflard in Schmalelinken , wo ich keine andere Unterhaltung als mein Weib , die Besuche aus Osteggen und den Taback hatte . Die Kinder ließen ihm keine Zeit , seine eigene Einrichtung zu zeigen . Alles wußten sie genauer als Rudhard . Sie schleppten Bücher , Zeichnungen , gestickte Polster herbei , um ihren Besuch zu unterhalten . Ja es hätte nicht gefehlt , sie würden eine altmodische Stutzuhr heruntergeholt haben , um ihm zu zeigen , daß daran in Bronze der Tod immer mit der Hippe aufklopfe , wenn es eine neue Stunde schlüge ... Endlich hatte Rudhard unter Papieren kramend sein altes Stammbuch gefunden und zeigte es Siegberten , den theils die Kinder , theils der anmuthige Blick in den Garten fesselten . Rudhard schlug in dem kleinen Buche mit altem abgestoßenen Maroquinband die vergilbten Blätter auf und zeigte Siegberten eins , wo sein Vater recht mit einer Knabenhand die Worte eingeschrieben hatte : Nemo ante mortem beatus . In memoriam Ottonis Wildungen Portensis . Paulowna fragte , wie das hieße und Rurik konnte schon so viel Latein , daß er auf Rudhard ' s Aufforderung übersetzte : Niemand ist vor dem Tode glücklich . Zur Erinnerung an Otto Wildungen ... Bei Portensis stockte Rurik . Rudhard mußte es erklären und sagte : Das heißt Otto Wildungen , ein fleißiger und sehr braver Schüler aus dem berühmten alten Stifte zur Schulpforte . Rurik begriff nicht , wie ein einziges Wort Portensis so viel ausdrücken könne und wurde über die Vortrefflichkeit der alten Römersprache sehr nachdenklich . Siegbert fühlte die Wahrheit dieses Spruches aus dem kummervollen Leben des Vaters ergriffen genug nach . Auf einem andern Blatte stand : Per aspera ad astra . In memoriam Theophili Gelbsattel Portensis . Rurik übersetzte wieder streng schülerhaft : Durch Rauhes zu den Gestirnen . Zur Erinnerung an - Gottlieb Gelbsattel , ergänzte Rudhard - Heißt Portensis hier wieder ein fleißiger , braver Schüler aus Schulpforte ? fragte Rurik . Hier heißt es , sagte Rudhard , blos : Ein gut fortgekommener Schüler aus Schulpforte . Rurik begriff diese neue Feinheit der Sprache nicht und übersetzte jetzt ohne allen Commentar das dritte Blatt von Heinrich Rodewald , das so lautete : Nec te vestigia terrent ! In memoriam Henrici Rodewald Portensis . Und nicht dich Spuren schrecken ! Was heißt Das ? sagte der Knabe . Rudhard antwortete : Dieser Spruch ist schwer , mein Sohn , für einen Knaben zu begreifen und noch unglaublicher , wie man ihn als Knabe schon zum Denkspruch wählen konnte . Sicher hatte ein Lehrer diesen Spruch erläutert und für den wilden unternehmenden Rodewald paßte er wol . Dich erschrecken nicht , heißt Das , die Folgen deiner und fremder Handlungen ! Ein trotziges Wort ! Und doch gefällt es mir , wenn es der Muthige und der Tugendhafte sagt . Siegbert mochte nicht hinzufügen , daß es hier der Tugendhafte nicht gesagt hätte . Dennoch mußte er erstaunen , wie im Bruder seiner Mutter schon so früh sich diese Sicherheit der eigenen moralischen Verantwortlichkeit ausgesprochen hatte : Nec te vestigia terrent ! Und Spuren , ob eigne oder fremde , Folgen oder Gefahren , schrecken dich nicht ! Rudhard ergriff die Feder und sagte : Zu Ihrem Vater aber muß ich ein Kreuz setzen zum Zeichen , daß er dahin ist . Niemand ist vor dem Tode glücklich . Wann fand der Gute sein Glück ? Siegbert nahm ihm die Feder ab und schrieb in bewegter Stimmung den schmerzlichen Todestag des Vaters hin . Unwillkürlich malte er dann das bei allen Verstorbenen stehende Kreuz so wie es zu ihrer Familiengeschichte gehörte , mit dem vierblättrigen Kleeblatt . Dazu schlug die merkwürdige alte Uhr über ihnen eben sieben und der Sensenmann schwang richtig siebenmal seine Hippe . Die Form des Kreuzes fiel Rudhard auf . Doch unterließ es Siegbert ihm weitere Aufklärungen zu geben , weil der kleine Rurik durch die Devise : Niemand ist vor dem Tode glücklich ! auf das Auskramen seiner kleinen Weisheit gerieth . Er wußte nämlich , daß diese Worte der weise Solon zum reichen Krösus gesagt haben soll , als ihm dieser seine Schätze zeigte . Rudhard ermunterte ihn , diese hübsche Geschichte seiner Schwester Paulowna zu erzählen .