Symposion so schön dargestellt wird , auf eine Art nachzuahmen , die zu jener Larve paßt , und gerade deßwegen , weil sie übertrieben ist , dem großen Haufen und den Fernestehenden die Aehnlichkeit seines Zerrbildes mit dem Original ( dessen feinste Züge im Gedächtniß der Meisten schon ziemlich abgebleicht sind ) desto auffallender macht ? Unter die ziemlich häufig in diesem Dialog vorkommenden Beispiele , daß Plato , sobald er will , die dramatische Wahrheit und das , was jeder Person zukommt , sehr gut zu beobachten weiß , rechne ich die Art , wie er den Sophisten Thrasymachus auf den Kampfplatz springen läßt , und überhaupt , die wahrhaft Attische Eleganz und Feinheit , womit er die eitle Selbstgefälligkeit und den neckenden , naserümpfenden , nicht selten in beleidigende Grobheit übergehenden Stolz des plumpen Sophisten mit der kaltblütigen Urbanität und ironischen Demuth des seiner spottenden Sokrates contrastiren läßt . Nur Schade , daß der letztere auch hier seine Würde nicht durchaus so behauptet , wie der Anfang uns erwarten macht . Man könnte zwar sagen , es zeige sich in dem ganzen ersten Buche , daß es dem Sokrates noch kein rechter Ernst sey ; daß er bloß , wie ein Citherspieler der sich hören lassen will , sein Instrument zu stimmen und zu probiren scheine , wiewohl er , auch indem er nur nachlässig auf den Saiten herumklimpert , schon zu erkennen gibt was man von ihm zu erwarten habe . Es mag seyn , daß Plato diesen Gedanken hatte ; indessen möcht ' ich doch behaupten , daß die Disputation mit dem Sophisten Thrasymachus unter die ausgearbeitetsten Theile des ganzen Werks gehöre , und für ein Meisterstück in der ächtsokratischen Manier , einen streitigen Punkt aufs Reine zu bringen , gelten könnte , wenn Sokrates seinem eigenen Charakter immer getreu bliebe und - nachdem er den Sophisten so weit getrieben , daß er geradezu behaupten muß , die Ungerechtigkeit sey Weisheit , und die Gerechtigkeit also das Gegentheil , - sich nicht , aus wirklicher oder verstellter Verlegenheit wie er ihn widerlegen wolle , in eine weitausgeholte , spitzfindige Manier mit unbestimmten , schillernden und doppelsinnigen Begriffen und Sätzen , wie mit falschen Würfeln , zu spielen , verirrte , d.i. wenn der verkappte Sokrates , der seine Rolle bisher bis zum Täuschen gespielt hatte , nicht auf einmal in den leibhaften Plato zurückfiele , und am Ende noch zehnmal mehr Sophist würde als sein Gegner selbst . Es ist schwer zu begreifen , wie Plato sich in solchen Spielereien so sehr gefallen , oder wie er glauben kann , er habe seinen Gegner zu Boden gelegt , wenn er durch eine lange Reihe nichts beweisender Gleichungen zuletzt das Gegentheil von dem , was jener behauptet hatte , herausbringt . Das Allerseltsamste aber ist dann doch , daß in diesem ganzen Schattengefechte beide streitende Parteien , indem sie einen bestimmten philosophischen Begriff von der Gerechtigkeit suchen , den popularen , auf das allgemeine Menschengefühl gegründeten Begriff immer stillschweigend voraussetzen , ohne es gewahr zu werden . Es ist als ob die närrischen Menschen den Wald vor lauter Bäumen nicht sehen könnten ; sie suchen was ihnen vor der Nase liegt , und was sie bloß deßwegen nicht finden , weil sie sich in einer Art von Schneckenlinie immer weiter davon entfernen . Sie würden gar bald einig geworden seyn , wenn Sokrates , statt der kleinen spitzfindigen und hinterstelligen Fragen , die ihm schon Aristophanes vorwarf , geradezu gegangen , und das , was alle Menschen , vermöge eines von ihrer Natur unzertrennlichen Gefühls , von jeher Recht und Unrecht nannten , in seiner ersten Quelle aufgesucht hätte . Leicht wär ' es dann gewesen , das , was Recht ist , von dem , was Wahn oder Gewalt zu Recht setzen , zu unterscheiden ; die Streitenden hätten einander nicht lange mißverstehen können , und wären in der Hälfte der Zeit einig geworden , welche Platons sophistisirender Sokrates verschwendet , um - am Ende selbst gestehen zu müssen , daß - nach allem , was über die albernen Fragen : ob die Gerechtigkeit Tugend oder Untugend , Weisheit oder Thorheit , nützlich oder schädlich sey ? seit mehr als einer langen Stunde gewitzelt , ironisirt und in die Luft gefochten worden , - die große Frage , was ist Gerechtigkeit ? aus seiner Schuld noch immer unausgemacht geblieben sey . Wie Sokrates , nach einem solchen Geständniß , zu Anfang des zweiten Buchs sagen kann : » er habe geglaubt das Gespräch sey nun zu Ende , « weiß ich nicht ; denn daß Thrasymachus schon seit einer ziemlichen Weile , mit dem hoffärtigen Anstand einer Kämpfers , der seinen Gegner nicht für gut genug hält ihn seine Ueberlegenheit fühlen zu lassen , sich zurückzieht , machte zwar dem Spiegelgefecht mit ihm ein Ende ; aber die Untersuchung selbst war so wenig beendigt , daß sie nicht einmal recht angefangen hatte . In der That hatte Thrasymachus seine Sache so schlecht geführt , daß man zur Entschuldigung des Sokrates sagen könnte : er habe es nicht der Mühe werth gehalten Ernst gegen einen Antagonisten zu gebrauchen , den man schon mit Strohhalmen in die Flucht jagen konnte . Ob Plato diesem Sophisten , indem er ihn zu einem eben so hohlen als aufgeblasenen Strohkopf macht , Recht oder Unrecht gethan habe , mag dahingestellt seyn ; genug daß durch die Art , wie der Streit bisher geführt wurde , für die gute Sache der Gerechtigkeit , welche doch nach Platons Absicht in diesem Dialog einen entschiedenen Sieg über ihre Gegner erhalten sollte , wenig oder nichts gewonnen war . Das Werk mußte also ernsthafter angegriffen werden . Um dieses zu bewerkstelligen , stellt Plato in seinen Brüdern Glaukon und Adimanthus zwei neue Personen auf , welche bisher noch keinen thätigen Antheil an dem Gespräche genommen hatten ; und man muß gestehen , daß er sein Möglichstes gethan hat , die Rolle , die er ihnen