für die Berechnung der Möglichkeiten verloren . Sie konnte sich nicht entschließen , Wiesing jemals wieder nach dieser Angelegenheit zu fragen , doch nannte sie sie von nun ab wie die Mutter “ Luise . ” Es war für sie etwas Gemeines an dem Mädchen haften geblieben . Agathe war nun schon zwanzig Jahre alt . Die Regierungsrätin freute sich recht , als im Februar eine entfernte viel jüngere Verwandte , mit der sie hin und wieder kurze Briefe wechselte , die Bitte an sie richtete , ihr das Töchterchen für einige Wochen zu schicken . Agathes Photographie habe in ihr den Wunsch erweckt , sie kennen zu lernen . Die Cousine , die , zur Malerin ausgebildet , einen polnischen Künstler , Kasimir von Woszenski , geheiratet hatte , galt bei Heidlings für geistig anregend , ja für genialisch . Dabei waren die Familienverhältnisse des Ehepaares doch so solide gefestigt , daß selbst der Regierungsrat nichts Ernstliches gegen einen Besuch der Tochter einwenden konnte . Aber es gefiel ihm nicht , sie von seiner Seite zu lassen . Er war an ihr Schwatzen und Lachen , an das Gehen und Kommen all der jungen Mädchen um ihn her gewöhnt . Er mochte diesen leichten anmutigen Reiz in seinem trockenen , arbeitsvollen Berufsdasein nicht entbehren — auch nicht für vier Wochen . Er sah nicht ein , wozu er eine Tochter habe , wenn sie auf Reisen gehen wollte . Unsicher bemerkte die Rätin : Agathe könnte doch da vielleicht jemand kennen lernen . . . . . jemand mit Vermögen . Der Regierungsrat wurde sehr zornig . Er habe nicht nötig , seine Tochter verschachern zu lassen ; er könne selbst für seine Tochter sorgen , und sie brauche durchaus nicht zu heiraten . So hatte es ja die Rätin nicht gemeint . Sie wollte etwas andeuten , was sie nicht zu sagen wagte , weil es ihr unzart vorkam . Agathes Wesen , das gegen die jungen Männer ihres Kreises immer steifer und verschlossener wurde , bekümmerte die Mutter . Agathe hatte durch hochmütige Nichtachtung schon mehrere Herren , die sich ihr auffällig zu nähern suchten , verletzt und zurückgestoßen . Die Rätin wußte nicht von der Erfahrung , die Agathe an ihrem Bruder gemacht hatte , und die auf ihr ruhte , wie ein Unrecht , an dem sie durch ihr Verschweigen mit schuldig geworden war . Die Rätin wußte auch nichts von den Beziehungen Lord Byrons zu ihrer Tochter . In ihrem , durch die Sorgen um einen weitläufig und umständlich geführten Haushalt , von den Erinnerungen an ihre toten Kinder und von ihrem Nervenleiden gequälten Kopf war längst ein Zustand der Ermattung eingetreten , der es ihr unmöglich machte , Ursache und Wirkung irgend welcher Verhältnisse zu übersehen , eine Gedankenfolge klar und scharf zu Ende zu führen . Aber je schwächer ihr ursprünglich nicht armes Verstandesvermögen wurde , desto mehr steigerte sich die Ahnungsfähigkeit ihres Gemütes , das mit unendlich feinen Gefühlstastern den verborgensten Stimmungen ihrer Lieben nachspürte und sie leidend mitempfand . Sie seufzte , sobald die Rede auf Walters und Eugeniens Hochzeit kam , und doch war für alle Freunde der Familie in dem bevorstehenden Ereignis eitel Freude für ein Mutterherz zu sehen . So fühlte Frau Heidling auch jetzt , daß eine Zerstreuung , ein Wechsel der Eindrücke für Agathe heilsam sein werde . Sie hatte nicht ohne Absicht die letzte schöne Photographie des Mädchens dem Malerehepaar geschickt . Weil sie keine überzeugenden Gründe vorbringen konnte , suchte sie ihr Ziel mit stillem Eigensinn zu erreichen . Frau Heidling eröffnete ihrer Tochter mit betrübtem Gesicht , der Vater habe entschieden , wenn sie reisen wolle , so könne sie die Kosten von ihrem Taschengelde tragen . “ Papa weiß ja gar nicht , daß Du Dir was gespart hast , ” fügte sie mit einem schelmischen Triumpf hinzu . “ Zwanzig Mark gebe ich Dir aus der Wirtschaftskasse — die kann ich gut erübrigen ! Da muß er es doch erlauben ! — Freust Du Dich nicht auf die Reise ? ” Agathe blickte ihre Mutter verstört und erschrocken an . — — Ja — sie hatte sich einen kleinen Schatz erspart . . . . Schon lange trug sie in Gesellschaften keine Glaceehandschuhe mehr , sondern Halbseidene , und auf Spaziergängen sogar Baumwollene . Machten die jungen Damen einen Abstecher zum Konditor , so wußte sie sich auf irgend eine Weise zurückzuziehen , und ihre Geburtstagsgeschenke waren geradezu mesquin . Die öffentliche Meinung beschäftigte sich bereits mit der augenfälligen Vernachlässigung ihrer sonst so gepflegten Erscheinung und mit der Veränderung ihres sorglos generösen Charakters . Da der Wortschatz der jungen Mädchen kein allzu reichhaltiger war , wurden zwei Ausrufe bald von Lisbeth Wendhagen , bald von Fräulein von Henning , dann wieder von Kläre Dürnheim oder von Eugenie als neueste Beobachtung preisgegeben . “ Kinder , was sagt ihr nur zu Agathe ? — ” “ Ich finde das eigentlich . . . . ” Der Grad von Mißbilligung , von Entrüstung schien so stark zu sein , daß er nur durch eine unheimliche Pause hinter dem “ eigentlich ” . . . . . recht zur Geltung gebracht werden konnte . Agathe sparte für eine Reise nach England . Sie wollte ihres toten Lieblings Grab besuchen , an den Stätten wandeln , wo er geatmet und gesungen — wo er das Leben gelitten und genossen hatte . Ach — und wie lange dauerte es , bis aus den einzelnen Nickel- und Silbermünzen ihres Taschengeldes auch nur ein Goldstück eingewechselt werden konnte . Auf dem Grunde des Kästchens , in dem Agathe ihren Schatz bewahrte , lag ein Zettel , der in gotischen Buchstaben den Spruch enthielt : Vernunft , Geduld und Zeit macht möglich die Unmöglichkeit . Wenn Agathe ihn las , war ihr zu Mute , als nähme sie einen Schluck Chininwein . Mit nervöser Lust fühlte sie das Geld zwischen ihren Fingern , das ihr endlich ein Erlebnis