aus dem Comptoir zurückkam , lag das Rosenbouquet ist seinem eigenen Zimmer auf dem Schreibtische , und er nahm es an sich , in der festen Meinung , Jonas habe es dorthin gelegt . Inzwischen saß Ella im Schlafzimmer ihres Kindes und wartete , nicht auf ein Lebewohl ihres Mannes – an dergleichen Zärtlichkeiten war sie in ihrer Ehe nicht gewöhnt – aber sie wußte , daß er nie das Haus verließ , ohne erst noch nach seinem Knaben zu sehen . Die junge Frau fühlte nur zu gut , daß sie selbst ihrem Gatten nichts war , daß ihre ganze Bedeutung für ihn einzig in dem Kinde wurzelte ; sie fühlte , daß die Liebe zu seinem Kinde der einzige Punkt war , auf dem sie seinem Herzen näher treten konnte , und deshalb erwartete sie ihn gerade hier zu der so unendlich schweren und qualvollen Unterredung ; er mußte ja kommen . Aber sie sollte heute vergebens warten . Reinhold kam nicht . Zum ersten Male vergaß er auch den Abschiedskuß auf die Stirn seines Kindes , vergaß er das letzte und einzige Band , das ihn noch an die Heimath fesselte . In seiner Seele war jetzt nur noch Raum für einen Gedanken , und der hieß : Beatrice Biancona . Die Oper war zu Ende . Aus dem Theatergebäude fluthete ein Menschenstrom hervor , der sich nach verschiedenen Richtungen hin vertheilte , und von allen Seiten rollten die Wagen herbei , um die ihnen bestimmten Insassen aufzunehmen . Das Haus war heute bis auf den letzten Platz gefüllt gewesen ; denn die italienische Operngesellschaft hatte ihre Abschiedsvorstellung gegeben , und ganz H. hatte sich bemüht , den Sängern und vor Allem der schönen Primadonna zu zeigen , wie sehr es von ihren Leistungen entzückt war und wie ungern es sie verlor , jetzt , wo die Zeit des Scheidens kam . Die Treppen und Corridore waren [ 430 ] noch dicht gefüllt ; unten im Vestibül drängte sich Kopf an Kopf , und an den Ausgängen wuchs das Menschengewühl zu einer unbequemen und fast bedrohlichen Höhe an . „ Es ist ganz unmöglich , hier durchzukommen , “ sagte Doctor Welding , der in Begleitung eines andern Herrn soeben die Treppe herabkam . „ Man geräth ja in Lebensgefahr bei dem Gedränge da unten . Lassen Sie uns lieber noch einige Minuten warten , bis die Menge sich etwas verlaufen hat ! “ Der Begleiter stimmte bei , und die Beiden traten seitwärts in eine der tiefen und dunkeln Nischen des Corridors , wo bereits vor ihnen eine Dame Schutz gesucht hatte . Sie war einfach , aber doch nach Art der besseren Stände gekleidet , hatte den Schleier dicht über das Gesicht gezogen und schien das Menschengewühl sehr zu scheuen , auch wohl ganz unbekannt im Theatergebäude zu sein , denn sie drückte sich mit sichtbarer Aengstlichkeit fest an die Wand , als die beiden Herren herantraten , die , ohne sie weiter zu beachten , ihr vorhin unterbrochenes Gespräch wieder aufnahmen . „ Ich habe es gleich anfangs prophezeit , dieser Almbach nimmt einen großartigen Aufschwung , “ sagte Welding . „ Seine zweite Composition übertrifft die erste in jeder Hinsicht , und schon die erste war bedeutend genug für einen Anfänger . Ich dächte , mit der Aufnahme könnte er auch diesmal zufrieden sein ; sie war womöglich noch enthusiastischer . Freilich , es hat nicht Jeder das Glück , eine Biancona für seine Töne zu finden und sie so dafür zu begeistern , daß sie ihre höchste Kraft dafür einsetzt . Es war jedenfalls ihre Idee , diese neueste Composition Almbach ’ s als Einlage im letzten Act der Oper zu singen , noch dazu heute , bei ihrem Scheiden , wo der Beifallssturm selbstverständlich war ; sie sicherte ihm damit von vornherein den Erfolg . “ „ Nun , ich glaube , an Dankbarkeit läßt er es auch nicht fehlen , “ spöttelte der andere Herr . „ Man spricht so allerlei . So viel steht fest , der ganze Verehrerkreis ist außer sich über diesen Eindringling , der , kaum aufgetaucht , schon auf dem besten Wege ist Alleinherrscher zu werden . Die Sache scheint übrigens ziemlich ernst und hochromantisch angelegt zu sein , und ich bin wirklich gespannt , was schließlich daraus wird , wenn die Biancona abreist . “ Der Doctor knöpfte ruhig seinen Paletot zu . „ Das ist unschwer zu errathen . Eine Entführung in bester Form . “ „ Sie glauben , daß er sie entführt ? “ fragte der Andere ungläubig . „ Er sie ? Das würde wohl keinen Zweck haben . Die Biancona ist ja vollkommen frei ist ihren Entschlüssen , wie in der Wahl ihres Aufenthaltsortes . Aber sie ihn . Das könnte eher der Fall sein ; die Fessel ist auf seiner Seite . “ „ Freilich , er ist ja verheirathet , “ stimmte der Begleiter bei . „ Die arme Frau ! Kennen Sie sie persönlich ? “ „ Nein , “ sagte Welding gleichgültig , „ aber nach der Schilderung des Consuls Erlau kann ich mir ein ziemlich treffendes Bild von ihr entwerfen . Beschränkt , passiv , unbedeutend im höchsten Grade , dazu gänzlich untergegangen in Küche und Hauswirthschaft – ganz die Frau danach , einen genialen Feuerkopf wie diesen Almbach zu irgend einem Verzweiflungsschritte zu treiben , und da es eine Biancona ist , die ihr gegenübersteht , so wird dieser Schritt wohl nicht allzulange auf sich warten lassen . Für Almbach selbst wäre es vielleicht ein Glück , wenn er gewaltsam den beengenden Umgebungen entrissen und auf die Bahn des Lebens geworfen würde , aber freilich das bischen Familienfrieden würde dabei rettungslos zu Grunde gehen . Das gewöhnliche Schicksal solcher Künstlerehen , in denen sich die Frau auch nicht entfernt zu der Bedeutung des Mannes erheben kann ! “ Er wandte sich bei den letzten Worten etwas verwundert um ; die Dame hinter ihnen