14 , S. 223 – 226 Fortsetzungsroman – Teil 6 [ 223 ] Georg lächelte ein wenig schmerzlich , als er seine Hand auf die Schulter des Freundes legte . „ Mein lieber Max , ich weiß sehr gut , wem Deine ganze Predigt gilt ; sie nützt leider nichts . Du freilich wirst das nicht eher einsehen , bis Dir irgend eine Leidenschaft einen Strich durch Deine sämmtlichen Paragraphen und durch Dein Punctum macht . “ „ Bitte , ich bin kein Schwärmer , “ protestirte Max . „ Die Schwärmerei überlasse ich gewissen anderen Leuten . Wie steht es denn eigentlich mit der Deinigen ? Habe ich auch hier Aussicht auf den Posten als Vertrauter und auf gelegentliche Verwendung als Schildwache ? Ich stehe zu Befehl . “ Georg seufzte . „ Nein , Max , davon ist keine Rede . Ich sehe Gabriele ja kaum und habe sie erst ein einziges Mal in Gegenwart ihrer Mutter gesprochen . Der Gouverneur hat einen förmlichen Wall vornehmer Abgeschlossenheit um sich und sein ganzes Haus gezogen ; es ist unmöglich , ihn zu durchbrechen . “ „ Armer Junge ! “ sagte Max mitleidig . „ Nun kann ich mir auch Dein elegisches Aussehen erklären . Siehst Du , das kommt davon , wenn man solche Dinge allzu gefühlvoll nimmt . Davor schützen mich mein Programm und meine Paragraphen , die Du wirklich ganz unnöthig verspottest . “ [ 224 ] Georg zog die Uhr und warf einen Blick darauf . „ Verzeihe ! Ich muß jetzt in die Kanzlei . Unsere Bureaustunde beginnt bald . Von drei Uhr an aber bin ich frei und suche Dich dann sofort auf . Soll ich Dich nach Deinem Gasthofe bringen ? “ Der junge Arzt zog es vor , seinen Freund nach dem Regierungsgebäude zu begleiten , und die Beiden machten sich auf den Weg . Sie schritten in lebhaftem Gespräche durch die Straßen und holten am Fuße des Schloßberges den Hofrath Moser ein . Dieser wohnte zwar im Regierungsgebäude selbst , pflegte aber Morgens , vor Beginn der Bureaustunden , einen Spaziergang zu machen , von dem er jetzt eben zurückkehrte . Er schritt wie gewöhnlich langsam , steif und feierlich dahin , das Kinn in die weiße Halsbinde vergraben , und erwiderte mit vieler Würde den Gruß seines jungen Untergebenen . „ Sie sehen angegriffen aus , Herr Assessor , “ sagte er in wohlwollendem Tone . „ Sogar Excellenz haben das bemerkt und sprachen mit mir darüber . Excellenz meinten , Sie arbeiteten zu viel und würden damit Ihre Gesundheit untergraben . Man kann auch des Guten zu viel thun ; Sie sollten sich schonen . “ „ Das predige ich meinem Freunde oft genug , “ fiel Max ein , aber immer ohne Erfolg . „ Erst heute , am frühen Morgen , habe ich ihn wieder vom Schreibtische aufjagen müssen . Er schlägt all meine ärztlichen Rathschläge in den Wind . “ „ Sie sind Arzt ? “ fragte der Hofrath ; er erwartete offenbar eine Vorstellung des ihm gänzlich unbekannten jungen Mannes . „ Mein Freund , Doctor Brunnow , “ sagte Georg . „ Herr Hofrath Moser . “ Der Hofrath tauchte plötzlich aus seiner weißen Halsbinde empor . „ Brunnow – Brunnow , “ wiederholte er . „ Ist Ihnen der Name bekannt , Herr Hofrath ? “ fragte Max ruhig . Aus dem Gesichte des alten Herrn war alles Wohlwollen verschwunden ; es prägte sich eine Art von Entsetzen darauf aus , als er in scharfem Tone erwiderte : „ Der Name ist in früheren Zeiten oft genannt worden , zuerst bei der Rebellion , dann vor den Gerichten und später auf der Festung , bei der Flucht eines Gefangenen . Ich hoffe , Sie stehen in keiner Beziehung zu jenem Doctor Brunnow , den ich meine . “ „ Doch , “ sagte der junge Arzt mit einer sehr artigen Verbeugung , „ in der allernächsten . Doctor Brunnow ist mein Vater . “ Der Hofrath wich schleunigst einige Schritte zurück als müsse er sich vor einer etwaigen Berührung in Sicherheit bringen . Dann wandte er dem jungen Manne den Rücken und concentrirte seinen ganzen entsetzensvollen Zorn auf Georg . „ Herr Assessor Winterfeld , “ begann er in verachtendem Tone , „ es giebt Beamte – sogar ganz tüchtige und fähige Beamte – die gleichwohl die erste und heiligste Pflicht des Staatsdieners nicht kennen oder nicht kennen wollen , die Loyalität . Kennen Sie solche Beamte ? “ Georg gerieth in einige Verlegenheit . „ Ich weiß nicht – “ „ Nun , ich kenne sie , “ sagte der Hofrath mit einer unheimlichen Feierlichkeit , „ und ich beklage sie , denn sie sind meist nur das Opfer der Verführung und des bösen Beispiels . “ Der junge Beamte runzelte die Stirn ; er war allerdings an ähnliche salbungsvolle Predigten seines Vorgesetzten gewöhnt , aber jetzt , in Gegenwart seines Freundes , fühlte er doch das Peinliche derselben und erwiderte daher gereizt : „ Seien Sie überzeugt , Herr Hofrath , daß ich meine Pflichten kenne , aber darüber hinaus – “ „ Ja , ich weiß , die jungen Herren sind sämmtlich Weltverbesserer und halten es für charaktervoll , Opposition zu machen , “ unterbrach ihn Moser , der es sehr liebte , die Worte seines Chefs , die für ihn Orakelsprüche waren , bei passender und unpassender Gelegenheit anzubringen , „ aber das ist gefährlich , denn die Opposition führt schließlich zur Revolution , und die Revolution , “ der Hofrath schauderte , „ ist etwas Schreckliches . “ „ Etwas sehr Schreckliches , Herr Hofrath ! “ sagte Max mit Nachdruck . „ Finden Sie das ? “ fragte Moser , etwas aus der Fassung gebracht durch diese unerwartete Zustimmung . „ Ganz unbedingt , und ich finde es überdies sehr verdienstlich , daß Sie meinem Freunde in ’ s Gewissen reden . Ich habe es ihm