Glücklichsten der Sterblichen machen würde ; Sie müssen ihn mir abtreten . “ „ Was muß ich Ihnen abtreten ? “ fragte Ulrich , der wie gewöhnlich , wenn Wilberg sprach , nur halb hingehört hatte , mit gleichgültiger Miene . Herr Wilberg erröthete , seufzte , blickte zu Boden , seufzte zum zweiten Male und hielt es nach diesen Vorbereitungen für passend , mit der Sprache vorzugehen . „ Sie werden sich des Tages erinnern , an dem Sie die gnädige Frau retteten . Ach , Hartmann , es ist ewig schade , daß Sie so gar kein Verständniß für die Poesie dieser Situation haben ; wenn ich an Ihrer Stelle gewesen wäre ! Doch lassen wir das ! Die gnädige Frau bot Ihnen ihr eigenes Taschentuch an , als sie Sie bluten sah . Sie behielten es in der Hand , weil sofort Hülfe von anderer Seite herbeikam . Mein Gott , Sie können solch ein Ereigniß doch unmöglich vergessen haben ! “ „ Nun , was ist ’ s mit dem Tuche ? “ fragte Ulrich , der plötzlich aufmerksam geworden war . „ Ich wünsche es zu besitzen , “ murmelte Wilberg , melancholisch die Augen niederschlagend . „ Fordern Sie von mir , was Sie wollen ! aber überlassen Sie mir dieses theure Andenken von einer Frau , die ich anbete ! “ „ Sie ? “ rief Ulrich mit einem Tone , daß sein Begleiter zurückprallte und sich ängstlich umsah , ob Niemand in der Nähe sei . „ Schreien Sie doch nicht so , Hartmann ! Sie brauchen sich durchaus nicht zu entsetzen , daß ich die Gemahlin unseres künftigen Chefs anbete . Das ist etwas ganz Anderes , als was Sie gewohnt sind , sich unter Liebe vorzustellen ; das ist – ja , Sie wissen freilich nicht , was platonische Liebe heißt . “ „ Nein ! “ entgegnete der junge Bergmann kurz , seinen Schritt beschleunigend und augenscheinlich beflissen , das Gespräch abzubrechen . „ Sie können das auch unmöglich begreifen ! “ erklärte Herr Wilberg mit unendlicher Selbstzufriedenheit , „ denn Sie können und werden sich nie zu der erhabenen Reinheit von Gefühlen aufschwingen , deren nur die höchste Bildung fähig ist , von Gefühlen , die ohne jede Hoffnung , ja selbst ohne Wunsch , sich nur mit stummer seliger Anbetung aus der Ferne begnügen . Oder was meinen Sie denn , daß man anders thun könnte , wenn man eine Frau liebt , die nun einmal einem Andern angehört ? “ „ Man überwindet ’ s eben ! “ sagte Ulrich dumpf , „ oder – “ „ Oder ? “ „ – man schlägt den Andern nieder . “ Herr Wilberg retirirte mit außerordentlicher Schnelligkeit nach der andern Seite des Weges hinüber , wo er im vollsten Entsetzen stehen blieb . [ 76 ] „ Welche Rohheit ! Welche haarsträubenden Grundsätze ! Also mit Mord und Todtschlag würden Sie Ihre Liebe documentiren ? Sie sind ein entsetzlicher Mensch , Hartmann , und Sie sagen das mit einem Tone , einem Blicke – die gnädige Frau hat ganz Recht , wenn sie Sie eine unbändige Naturgewalt nennt , die – “ „ Wer nennt mich so ? “ unterbrach ihn Ulrich heftig und finster blickend . „ Die gnädige Frau ! ‚ Eine wilde ungebändigte Naturgewalt ‘ hat sie gesagt . Ein höchst geistreicher Ausspruch und unendlich zutreffend in diesem Falle . Hartmann “ – der junge Beamte wagte es allmählich , wenn auch noch ziemlich schüchtern , sich seinem Begleiter wieder zu nähern – „ Hartmann , ich wollte Ihnen Alles verzeihen , Alles , sogar das , was Sie eben gesagt haben ; aber was ich Ihnen nicht verzeihe , das ist Ihr abscheuliches Benehmen der gnädigen Frau gegenüber . Haben Sie denn allein keine Augen für diese Schönheit und Anmuth , die selbst die rohesten Ihrer Cameraden entwaffnet , daß Sie ihren Anblick scheuen , als brächte er Ihnen irgend ein Unglück ? Wenn ihr Wagen nur in der Ferne sichtbar wird , kehren Sie um und weichen ihm aus ; wenn sie vorüberreitet , treten Sie in ’ s erste beste Haus , und ich wette , Sie machen nur deshalb den täglichen Umgang bei der Wohnung des Directors vorüber , weil Sie ihr drüben am Parkgitter einmal begegnen könnten und dann in die Nothwendigkeit kämen , sie grüßen zu müssen . O , über diesen starren Classenhaß , der selbst die Frauen nicht verschont . Ich wiederhole es Ihnen , Sie sind ein entsetzlicher Mensch ! “ Ulrich schwieg ; er ließ wider seine Gewohnheit die Vorwürfe über sich ergehen , ohne auch nur eine Silbe zu erwidern , und bestärke Herrn Wilberg dadurch in dem glücklichen Wahne , daß seine Vorstellungen doch endlich einmal etwas genützt hätten . Ermuthigt dadurch , begann er von Neuem : „ Um nun aber auf den Hauptgegenstand zurückzukommen – das Taschentuch – “ „ Was weiß ich , wo das Ding geblieben ist “ unterbrach ihn Ulrich rauh . „ Es wird verloren gegangen sein , oder die Martha wird es zurückgegeben haben . Ich weiß nichts davon ! “ Wilberg war im Begriff , außer sich zu gerathen über die Gleichgültigkeit , mit der man einen in seinen Augen so unendlich kostbaren Gegenstand behandelte , als er auf einmal Martha erblickte , die vor dem Hause des Schichtmeisters stand , dem man sich inzwischen genähert hatte . Wie ein Stoßvogel schoß der junge Beamte auf sie zu und begann sie zu examiniren , wo das fragliche Tuch geblieben sei , ob sie es wirklich zurückgegeben habe , ob es nicht möglicher Weise noch irgendwo existire . Das Mädchen schien ihn anfangs nicht zu verstehen ; als sie aber begriff , um was es sich handelte , verfinsterte sich ihr Gesicht auffallend . „ Das Tuch ist noch da ! “ sagte sie bestimmt . „ Ich dachte es gut zu machen , als ich