ohne alle Angabe von Gründen , das wahrscheinlich jede Andere eingeschüchtert hätte , verfehlte hier ganz und gar seinen Zweck . In dem heißgerötheten Gesicht dieses „ Kindes , “ war etwas von jenem trotzigen Blute , mit dem Bernhard einst seinen Platz in der Waldlichtung den Officieren gegenüber behauptet hatte , etwas von jenem Trotz , der dem so entschieden gebotenen „ Du sollst nicht ! “ ein ebenso entschiedenes „ Ich will aber ! “ entgegensetzte . Er beging einen verhängnißvollen Irrthum , als er wähnte , mit einem bloßen Machtspruch eine Sache beendigen zu können , die bereits die ganze Phantasie des jungen Mädchens beschäftigte und der er dadurch den gefährlichsten aller Reize lieh , den des Verbotenen . Es war trotz alledem seine Schwester , das vergaß er ganz und gar . „ Und nun geh ’ schlafen , Kind ! “ sagte er kalt und ließ ihre Hände los . „ Bis morgen hast Du den Roman vergessen und Dich über das versagte Spielzeug getröstet . Suche Dir ein anderes , das weniger gefährlich ist und besser für Deine Jahre paßt . Gute Nacht ! “ Er ging , Lucie verharrte in trotzigem Schweigen . Die Thränen , welche sich vorhin heiß und ungestüm ihr in ’ s Auge drängten , waren nicht hervorgebrochen , die letzten Worte des Bruders hatten sie getrocknet . Also man behandelte sie wirklich noch immer wie ein Kind , das mit einer Strafpredigt und einem Achselzucken über die begangene Unart zu Bett geschickt wird , sie , vor der Graf Ottfried auf den Knieen gelegen und um ihre Liebe gefleht hatte ! Verboten sollte ihr diese Liebe werden , ein Spielzeug nannte man sie ! Lucie vergaß völlig die räthselhaften Worte des Bruders , die „ Gräfin Rhaneck “ war jetzt überhaupt für sie in den Hintergrund getreten , und im Vordergrunde stand der Trotz , die Empörung gegen Bernhard . Sie wollte sich dieser Tyrannei nicht geduldig fügen , wollte durchaus kein Opfer brüderlicher Hartherzigkeit sein , durchaus nicht ! Und wenn der Graf sich ihr noch einmal nahte und auf ’ s Neue um ihre Hand bat , dann – sollte man sehen , daß sie auch einen Willen hatte , und sich nicht so ohne Weiteres „ demokratischen Principien “ aufopfern ließ . Mit diesem heroischen Entschluß ging Lucie endlich zur Ruhe , und schon nach wenigen Minuten machte die ungewohnte Ermüdung ihre Rechte geltend . Der Traum wob seine phantastischen Schleier dicht und dichter um sie , und führte sie zurück in das heute durchlebte Fest . Kerzenglanz und Musik und Tanzgewühl , und dazwischen die Gestalt Ottfried ’ s in der glänzenden Uniform , das Alles kreiste bunt und schattenhaft durcheinander , tauchte abwechselnd auf und verschwand wieder , und seltsam – über dem Allen schwebten die tiefen dunkeln Augen , denen sie heute zum zweiten Male in ihrem Leben begegnet war , schwebte das leise , leise quälende Weh , das sie unter jenem Blick empfunden . Sie blieben allein noch , als all ’ die anderen Bilder um sie her versanken , das einzige , was sie mit herübernahm in den festen traumlosen Schlaf der Jugend . Golden lag der Sonnenschein auf Berg und Thal , der Mittag sandte sein heißes glänzendes Licht weithin über die Erde , nur der Schatten des Waldes bot noch Kühlung und Schutz vor den sengenden Strahlen , in deren Gluth draußen Alles flimmerte und leuchtete . Auf einem der Seitenwege , die von Dobra aus hinein in die Forsten führten , flog Lucie Günther dahin ; es war ihr freilich verboten , allein und ohne die schützende Begleitung ihrer Erzieherin sich so weit zu wagen , aber wann hätte Lucie je nach der Erlaubniß gefragt , wo es die Befriedigung einer augenblicklichen Laune galt ! Ein so weiter Spaziergang lag allerdings nicht in ihrem Plane , sie war auf ’ s Feld hinausgegangen , um ihren Bruder abzuholen , und verspürte , als sie von den Arbeitern vernahm , daß er bereits fort sei , nicht die mindeste Lust , in der Mittagshitze sogleich wieder umzukehren , sie ging lieber in den [ 71 ] Forst , vorläufig nur in der Absicht , am Rande desselben einige Blumen zu pflücken , aber dabei kam sie einen Schritt nach dem andern vorwärts , und gerieth endlich tief hinein . Es liegt ein eigenthümlicher Zauber in der Waldeseinsamkeit , sie lockt und winkt unwiderstehlich , und wer sich ihr erst einmal hingegeben , den läßt sie sobald nicht wieder los . Auch Lucie unterlag diesem Zauber , sie liebte den Wald ja so leidenschaftlich , und heute rauschte er ihr so duftig kühl entgegen , es zog sie weiter und weiter , vorüber an stürzenden Bächen , an dunkeln Felswänden und dichtverschlungenem Gebüsch , immer weiter hinein in die grünen Tiefen , die sich endlos vor ihr aufthaten . Länger als eine halbe Stunde war sie so vorwärts gelaufen , dem Fußpfade folgend , der sich vor ihr hinschlängelte , aber ohne im Ganzen viel auf Weg und Steg zu achten , da ward es auf einmal lichter um sie her , und aus den dichten Bäumen heraustretend , gewahrte sie eine jener stillen grünen Bergwiesen , wie sie der Wald oft in seinem tiefsten Schooße birgt . Die Felswand stieg hier plötzlich jäh und schroff empor und ragte weit hinaus über die Wipfel der Bäume , aber zu ihren Füßen schmiegte sich weicher grüner Rasenteppich , und über das dunkle Gestein rieselte es silberhell , ein Quellchen wand sich murmelnd und blinkend daraus hervor , und überall ringsum wehten und winkten die grünen Arme der Waldrebe , die in seltener Pracht und Fülle hier gedieh . Wie ein undurchdringliches Netz umflochten die dichten blätterreichen Ranken Bäume , Gesträuch und Felsgestein und erfüllten , mit Tausenden von weißen Blüten überdeckt , den ganzen Raum mit ihrem leise berauschenden Duft . Es war ein lieblicher Ort zum Ausruhen ,