wieder auftauchte , und mit ihr wilde Zigeunergesichter , glühend angestrahlt vom Lagerfeuer , nächtliche , über die weite Pußta hinfliegende Reiter , umtobt von mähneflatternden Roßherden , sterbende Helden und kühne Räubergestalten – und diese fremdartigen Gebilde , in denen ein heißes Blut pulsierte , rauschten durch die kleinen Eckfenster hinaus in das keusche , feierliche Schweigen der herabsinkenden heiligen Nacht . Das Gebirge reckte seine dunklen Glieder aufwärts , und der goldflimmernde Himmel spannte sich von einem Bergscheitel zu dem anderen , Kluft und Tiefen ausgleichend , wie der große Versöhnungsgedanke des Gekreuzigten sich breitet über jenes zerklüftete Schöpfungswerk , das wir die Menschheit nennen ... Und diese Menschheit ? Sie schärft seine milden Worte zu Schwertern , mit denen sie sich selbst zerfleischt . Der Baalsglaube macht jenen Stern des Heils , den einst die Hirten über der kleinen Erde aufgehen sahen , zum stummen Götzen und verfolgt den lebendigen Geist , der von ihm ausgegossen , mit blindem Vandaleneifer – umsonst , er leuchtet ! Und mit seinem mächtigen Wort : » Es werde Licht ! « hat Gott selbst gewollt , daß die Nacht nie mehr » die Herrschende « werde ! 5 Noch waren die letzten stürmischen Akkorde unter Juttas Händen nicht verhallt , als die Pfarrerin zur Tür hereinsah . Dieses leuchtende , lebensfrohe Gesicht zeigte nicht die mindeste Spur des Gekränktseins – das war ein Gemüt , das rasch mit sich fertig wurde ; » die können ja nicht wissen , wie einem Mutterherzen zumute ist – « hatte sie versöhnend gedacht , und damit war der Groll verflogen . Sie rief herein , daß die Bescherung nun vor sich gehen könne . Die kleine Gräfin erfaßte ihre Hand , Jutta schlug den Klavierdeckel zu , und Frau von Herbeck erhob sich langsam , mit einem so verbindlichen Lächeln aus der weichen Sofaecke , als sei nie ein arger Gedanke gegen jene Frau an der Tür in ihre Seele gekommen . Unten in seinem engen Studierstübchen saß der Pfarrer bereits am kleinen , altersschwachen Spinett . – Das war freilich kein Kopf , wie ihn so mancher Eiferer auf der Kanzel sehen will . Diese Züge waren nicht abgeblaßt in der düsteren Glut des Fanatismus ; keine Spur jener eisernen Unbeugsamkeit und Intoleranz des finsteren Glaubenseiferers lag auf der Stirne , und das Haupt beugte sich nicht gegen die Brust in dem Bestreben , der Welt ein lebendiges Beispiel christlicher Demut zu sein – er war ein echter Sohn des Thüringer Waldes , eine kraftvolle , markige Gestalt mit breiter Brust , hellen Gesichtszügen und einer so leuchtend offenen Stirne unter dem vollen , dunkeln Kraushaar , als könne kein Gedanke verborgen dahinter weggleiten ... Um ihn her standen seine Kinder , pausbäckige Köpfchen , wie sie drüben in der Kirche über und neben der alten Orgel als Seraphim und Cherubim schwebten . Alle die strahlenden Blauaugen hingen erwartungsvoll an dem Gesicht des Vaters . Er begrüßte die eintretenden Damen mit einer stummen Verbeugung , dann griff er voll in die Tasten , und feierlich , glockenhell setzten die Kinder ein : » Ehre sei Gott in der Höhe , der Herr ist geboren . « Beim Schlusse des Verses öffnete die Pfarrerin langsam die Tür der Nebenstube , und der Glanz des Weihnachtsbaumes floß heraus . Die Kinder stürzten nicht jubelnd hinüber – scheu traten sie über die Schwelle ; das war ja gar nicht die liebe , alte Wohnstube , deren Wände allabendlich in dem Halbdunkel der schwach leuchtenden Talgkerze verschwanden ! Der kleine Spiegel , die Glasscheiben über den wenigen Bildern strömten eine wahre Lichtflut wider , und selbst auf den alten , mattglänzenden Ofenkacheln hüpfte ja ein Lichtlein ... Die kleine Gräfin aber stand da mit dem Ausdruck der Enttäuschung im Gesicht – das sollte ein Christbaum sein ? Diese arme kleine Fichte mit den wenigen fadendünnen Wachsstengeln auf den Zweigen ? Unscheinbar kleine , rote Äpfel , Nüsse , die das vornehme , kränkelnde Kind nicht einmal essen durfte , und einige zweifelhafte Figuren aus braunem Pfefferkuchen – das waren die ganzen Wunderdinge , die sich da droben schaukelten ! Und drunten auf dem groben , weißen Tischtuch lagen Schiefertafeln , Schreibhefte , Bleistifte – lauter Dinge , die sich ganz von selbst verstehen ; deshalb hätte doch das Christkindchen nicht vom Himmel herabzusteigen gebraucht ! ... Und doch , wie jubelten die Kinder jetzt , nachdem die Scheu überwunden war ! Das stumme Befremden der kleinen Gräfin bemerkten sie nicht – sie hätten es ja nicht einmal begriffen ; sie sahen auch nicht das impertinente Lächeln , das bereits beim Anstimmen des Chorals auf Frau von Herbecks Gesicht erschienen war und sich auch jetzt noch behauptete ; erkannten doch selbst die Eltern die Natur dieses Lächelns nicht – die Mutter lächelte ja auch , als ihre kleinen Mädchen schleunigst in die neuen , buntwollenen Unterröckchen krochen und ihr sogenannter » Dicker « schmunzelnd das » nagelneue « Höschen an seine strammen Beinchen hielt , das sie selbst in stiller Nacht und bei verschlossenen Türen aus dem allerersten schäbigen Kandidatenfrack des Herrn Pfarrers zurechtgeschneidert hatte . Und der Vater trug das jauchzende , lallende Fritzchen auf dem Arm – er hatte vollauf zu tun , alle die Merkwürdigkeiten pflichtschuldigst zu bewundern , die Hans Ruprecht in sein Haus gebracht – , ihm blieb keine Zeit , die Gesichter seiner Gäste zu prüfen . Er zog sich übrigens , nachdem der Weihnachtsbaum ausgelöscht war , in seine Studierstube zurück ; einer seiner Kollegen war plötzlich erkrankt , er hatte deshalb eine Predigt mehr für die Feiertage übernommen und mußte sich noch vorbereiten . Frau von Herbeck und Jutta hatten sich gleich zu Anfang der Bescherung auf das Sofa geflüchtet – dort waren wenigstens die Kleidersäume in Sicherheit vor den rücksichtslosen » Pandurenfüßchen « . Nun wurde der vor ihnen stehende Tisch gedeckt ; die alte Rosamunde brachte eine riesige Porzellankanne voll Tee aus der Küche , um die