Ankleidezimmer ein dürftig eingerichtetes , aber freundliches Kabinett , das offenbar als Garderobe dienen sollte . Sie trug ihre Pflanzenpresse , ihre Bücher und Malutensilien herüber – hier wollte sie arbeiten . Das große Fenster gewährte ihr einen Ausblick auf malerische Partien des Gartens und darüber hinaus nach den hochaufgetürmten Waldbergen . Sie zog den Schlüssel ab und machte dem eben eingetretenen Kammermädchen begreiflich , daß die Garderobe in einem anderen Raume unterzubringen sei . Die Jungfer entschuldigte atemlos ihr spätes Erscheinen mit der Messe – noch hing der Weihrauchduft in ihren Kleidern . Der Herr Hofprediger sei zu streng , klagte sie , und wenn der kranke Mensch nur kriechen könne , in die Messe müsse er ... Er bleibe oft zwei bis drei Tage in Schönwerth , habe da seine eigenen Appartements und regiere dann immer noch viel strenger , als der Herr Hofmarschall selbst . In der Residenz sei das nicht anders ; der Herr Hofprediger gelte alles bei der Frau Herzogin ... Damit war die langatmige Entschuldigung beendet , von der die Schlußworte : » Gott sei Dank , er ist eben nach der Stadt zurück ! « auch für die Herrin tiefberuhigend klangen . Ein Bedienter kam und meldete , daß das Frühstück im Eßzimmer vorbereitet sei . Dieser Speisesaal schloß die Flucht der Gemächer , welche der Hofmarschall bewohnte ; aber die Fenster lagen nach Morgen und mündeten in den weiten Schloßhof . Mit schwerfälligeren Eichenmöbeln , einer größeren Anzahl von Hirsch- und Eberköpfen an den Wänden und mächtigeren Humpen auf dem Schenktische konnte auch im wuchtigen , wildmordenden und durstigen Mittelalter kein Rittersaal ausgestattet gewesen sein , als dieser große , holzgetäfelte Raum . Aus dem einen Eckkamine knisterten Funken in den breit über das Parkett hinfließenden Morgensonnenstrahl ; aber die Glut der lodernden Scheite drang nicht weit über den Rollstuhl des Hofmarschalls und das daneben placierte , weißgedeckte Tischchen hinaus – der Saal war zu groß . Mit den Gichtschmerzen in den Füßen des alten Herrn mußte es heute besser gehen – er hatte seinen Stuhl verlassen , stand aufrecht , allerdings auf einen Krückstock gestützt , in einem der Fenster und sah hinab in den Hof , als Liane eintrat . Sie sah seine ganze Erscheinung im Profil . Er war ein hoher , magerer Mann , der einst , wie alle Mainaus , schön gewesen sein mußte , nur mochten diese Gesichtslinien für einen Männerkopf immer ein wenig zu fein und gedrückt erschienen sein – die starke Vertiefung zwischen Stirn und Nasenwurzel , der geringe Raum zwischen Kinn und Nase , Eigentümlichkeiten , die vor Jahren das Gesicht jedenfalls als pikant charakterisiert hatten , waren jetzt der Sitz der ausgeprägtesten Malice . Aus der halboffenen Thür des Nebenzimmers klang die kräftig lärmende Stimme des kleinen Leo ; sie wirkte – sonderbar genug – angesichts der Erscheinung im Fenster förmlich ermutigend auf die eintretende junge Dame ... Seitwärts vom Hofmarschall , in respektvoller Entfernung , stand die Beschließerin . Sie hatte ein Buch und verschiedene Papiere – jedenfalls ein Wirtschaftsbuch samt Belegen – in der Hand , machte aber auch einen langen Hals und bemühte sich , über sie Schulter des alten Herrn in den Hof hinabzusehen ... Nicht ein Zug im Gesichte der Frau verriet , daß sie des nächtlichen Vorfalles gedenke , als die neue Herrin an ihr vorüberglitt und mit einer höflichen Verbeugung den Hofmarschall begrüßte . Er wandte sich um und erwiderte den Gruß ritterlich und gewandt , aber auch mit sichtlicher Hast – sein ganzes Interesse schien durch irgend einen Gegenstand im Hofe gefesselt zu sein . » Da – da sehen Sie ! « sagte er erregt zu der neben ihn tretenden jungen Dame und deutete durch das Fenster . » Diese infamen Rangen da unten haben in den neuen Anpflanzungen junge Stämme abgeschnitten – Gesindel das ! ... Es weiß recht gut , daß die Hetzpeitsche am Nagel hängt , seit ich zum Sitzen verurteilt bin ... Na , diesmal wenigstens wird Raoul ein Exempel statuieren – es geht i h m an den Kragen – die Anpflanzungen sind sein Werk ! « Baron Mainau mußte eben von einem frühen Morgenritte heimgekehrt sein – er trug Sporen , hatte die Reitgerte in der Hand und sah bestäubt aus . Vor ihm standen die » infamen Rangen « , ein paar Dorfkinder , ein Knabe und ein Mädchen . Ein Feldhüter , an dem alles verwittert schien , nur das blanke Messingschild nicht , hatte sie eingebracht und berichtete , den Knaben an der Schulter haltend , über die Missethat in den Anlagen . Aus allen Fenstern lauschten Köpfe , und der Blick eines Stallknechtes , der breitspurig und behaglich in einem der Remisenthore stand , hing gespannt an der Reitgerte , die » der gnädige Herr « während des Berichtes spielend durch die Luft pfeifen ließ . Das kleine Mädchen weinte bitterlich in die Schürze , und das jämmerlich gesenkte Jungengesicht war weiß wie eine Kalkwand . Der Feldhüter war zu Ende ; Baron Mainau schalt heftig – seine Stimme schallte herauf . Er schwang seine Reitgerte , jedenfalls in Verheißung einer kräftigen Züchtigung bei einem Rückfalle , ein paarmal drohend über den Köpfen der kleinen Delinquenten , dann zeigte er mit derselben nach dem offenen Hofthore – das Mädchen ließ seine Schürze fallen und gab Fersengeld ; der Junge folgte schleunigst , und in wenigen Augenblicken waren sie unter dem Gelächter der Schloßleute um die Ecke verschwunden . » Der Narr , der ! « murmelte der Hofmarschall wütend und hinkte vom Fenster weg zu seinem Rollstuhle – er war in der übelsten Laune . Frau Löhn schlug die Steppdecke um seine Füße , schürte das Kaminfeuer und fragte mit monotoner Stimme nach den weiteren Befehlen des » gnädigen Herrn « , indem sie auf das Wirtschaftsbuch zeigte . » Nichts , « sagte er mürrisch , » als was ich bereits befohlen habe – kein Madeira mehr drüben im indischen Hause !