genommen hatte . » Auf Gelsungen , der fürstlichen Domäne , die ich viele Jahre hindurch in Pacht gehabt habe , ist mir die Furcht , durch fremdes Gesindel bestohlen zu werden , nie in den Sinn gekommen , « fuhr er fort und rieb sich unter einer schmerzhaften Grimasse das eine Knie . » Dort hatten wir unsere Räume im ersten Stock , und das Herrenhaus wimmelte von unserer zahlreichen Dienerschaft . Hier in der Einsamkeit ist das freilich anders ; man hat wenig Menschen um sich , und mit den niedrig gelegenen Fenstern ist nicht zu spaßen . Drüben im Eßzimmer könnten uns die Silberlöffel dutzendweise gestohlen werden , ohne daß man es ahnt – so etwas merkt man oft erst beim späteren Nachzählen oder einer gelegentlichen Durchsicht . « Herr Markus biß sich fast verlegen auf die Lippe , indem er an den letzten Silberlöffel dachte , den die Magd gestern so energisch gegen die Verkaufsgelüste ihres » getreuen « Kameraden verteidigt hatte , und die Frau im Bette sah still auf ihre Hände nieder , die gefaltet auf der Decke lagen , während es fein rot in das blasse Gesicht aufstieg . » Ich glaube , von dem jungen Mann , der sich draußen am Hoftor aufhielt , haben Sie Derartiges nicht zu befürchten , « sagte der Gutsherr . Er erzählte darauf seine Begegnung mit dem Fremden auf der Fahrstraße , und wie derselbe für die Nacht auf dem Gute untergebracht worden sei – dabei verschwieg er nicht die Flucht des Unglücklichen , die Stolz und Ehrgefühl veranlaßt haben mochten . » Er schien mir heute noch hinfälliger als gestern , « fügte er hinzu ; » ich sah , wie Ihre Magd , die ihm ein Stück Brot bringen wollte , dem Taumelnden zu Hilfe kam – « » Unsere Magd ? « fragte die alte Dame und hob den Kopf aus den Kissen . » Ja , die Magd ist ' s gewesen , Sannchen ! « bestätigte der Amtmann in fast überlautem Ton , der ihr jedes fernere Wort abschnitt . » Ich gab ihr auch ein paar Geldstücke für den Menschen ... I nu , das tut mir aber leid ! « sagte er mit wirklichem Bedauern und fuhr sich in sein dünnes , graues Haar unter dem Samtkäppchen . » Ich möchte dem armen Kerl auch unter die Arme greifen , und vom Vorwerk soll er ganz gewiß nicht weggejagt werden , wenn er Nahrung und Ruhe für ein paar Tage braucht – das Fortjagen Hilfsbedürftiger ist beim Amtmann Franz nie Mode gewesen – ich werde den armen Teufel hereinholen ! « Er wollte sich erheben ; aber Herr Markus kam ihm zuvor . » Lassen Sie mich hinausgehen , Herr Amtmann ! « sagte er . » Aber , Liebster , ich weiß nicht , was wir heute zu Mittag haben ! « rief die weiche , bebende Frauenstimme ängstlich vom Bett her . » Und denke doch , bester Mann , wir müßten ihm ja ein Bett geben , ein gutes , bequemes Bett – « » Nun ja doch – ich weiß nicht , was du willst , Sannchen ! « fiel er ihr unmutig ins Wort . » Haben wir das etwa nicht ? – Kein gutes Bett bei Amtmanns , wo alle Welt immer entzückt war , in unseren schönen Daunen zu schlafen ! ... Kümmere dich doch nicht um die Wirtschaft , Herzchen ! Du machst dir immer falsche Vorstellungen von unserem Haushalt , seit du selbst nicht mehr nachsehen kannst , mein emsiges , braves Hausmütterchen ! Aber es geht alles seinen guten Weg , du kannst ganz ruhig sein . Und wenn wir auch an äußerem Glanz einbüßen mußten , die innere Gediegenheit eines guten Hauses ist uns doch geblieben . Freilich , « – er kraute sich aufs neue hinter dem Ohr und schob die Hausmütze nach der anderen Seite – » mit dem Wein wird ' s hapern . Da kann ich im Augenblick mit den barmherzigen Leuten auf dem Gute nicht wetteifern . Das verflixte Zipperlein hat mich wieder einmal grimmig gepackt , und mit den lahmen Beinen ist es eine reine Unmöglichkeit für mich , in den Keller hinabzusteigen – eine andere Hand aber lasse ich grundsätzlich nicht über meine Weine . « » So erlauben Sie mir , Ihnen einstweilen aus dem Keller Ihrer heimgegangenen alten Freundin einen Korb Wein zur Verfügung zu stellen , « sagte Herr Markus , an der Schwelle stehen bleibend . » Die gnädige Frau ist ja auch , infolge dieser Gründe , für längere Zeit der nötigen Stärkung beraubt und wird gewiß die kleine Erquickung als Gabe letzter Hand von ihrer Jugendgefährtin nicht zurückweisen . « Er ging hinaus und durchmaß eiligen Schrittes den Hof . Solange er drin am Bett gesessen , war er zu seinem Verdruß eine » dumme « Vorstellung nicht los geworden . Die Prüde hatte vorhin im Garten ihre langen Leinenärmel über die entblößten Arme herabgerissen , als sei der darauffallende Männerblick eine Befleckung – und gleich darauf war sie ohne Zögern bereit gewesen , diese Arme um die Gestalt eines jungen Bettlers zu legen – dieses Ärgernis stand ihm fortgesetzt vor den Augen und verdroß ihn dermaßen , daß er mit beiden Händen die Gelegenheit ergriff , hinauszugehen und die Hilfeleistung eigenhändig und allein zu übernehmen . Aber draußen vor dem Tor war weit und breit kein lebendes Wesen zu entdecken . Der Fremde mußte mit seinen zwei Pfennig Zehrgeld in der Hand schließlich doch weitergewankt sein , und das Mädchen war jedenfalls ihren häuslichen Geschäften wieder nachgegangen ; und bei dieser Wahrnehmung atmete er unwillkürlich und tief erleichtert auf – lächerlich ! Was ging es denn ihn an , und was hatte er dreinzureden , wenn junges Blut , ein Bursch und ein Mädchen aus dem Volke , in der Fremde in Hilfsbereitschaft zueinander traten ? Bei seiner Rückkehr in das Haus überflog sein