Geschöpfen , die vom Schicksal von einem Hause in das andere gejagt werden , von denen jede Brotherrschaft fordert , daß sie sich mit „ aller Liebe “ ihrer Aufgabe widmen , so oft eigen ist . Aenne , welche seit ihrer Verlobung für die Arme , die sich nun wieder eine andere Stellung suchen mußte , inniges Mitleid gefühlt und erst seit heute mittag über die Charaktereigenschaften dieser Dame sich Gedauken gemacht hatte , faßte sie genauer ins Auge und meinte , daß sie älter und verfallener als je aussähe , und daß sie vielleicht gehofft habe , Günthers Frau zu werden . Hätte er sie doch genommen ! fuhr es ihr plötzlich durch den Sinn , und dann erschrak sie über diesen Gedanken . Was hätte sie dann gethan , wenn Günthers Arme nicht mehr für sie offen gewesen wären ? Wie hätte sie dann beweisen können , daß Heinz ihr gleichgültig , ach , so gleichgültig war ? „ Ich denke , Fräulein Stübken , Sie zeigen , solange es noch hell ist , den Damen die Wohnung und die Schränke , “ sagte Günther endlich , der seine Braut zuweilen angesprochen hatte , ohne mehr als eine kurze Antwort zu erhalten . Man erhob sich , Fräulein Stübken hing den Schlüsselkorb an den Arm und schritt voran ; den Kindern wurde bedeutet , artig zu sein . Man wanderte durch mehrere Räume , alle , höchst dürftig möbliert , machten einen mehr als unwohnlichen Eindruck . Die „ gute Stube “ war geradezu schauerlich , die Möbel aus Birkenholz mit grellgeblumtem Wollstoff überzogen , der Teppich mit kohlkopfgroßen Rosen im Muster ; der Kaiser , die Kaiserin , der Herzog und die Herzogin , Bismarck und Moltke blickten als empörend schlechte Oeldruckporträts von den Wänden . In einer Ecke befand sich ein aus Holz geschnitztes schiefes Rauchtischchen , in dessen Rillen und Kerben dicker Staub lag , Die Vorhänge , steif gestärkt und viel zu sehr mit Waschblau gefärbt , und vor dem Spiegel die herkömmliche Sturzuhr mit Glasglocke darüber , vollendeten die Ausstattung . „ Schrecklich ! “ dachte Aenne , und die Eltern und Günther hatten allen Ernstes ausgemacht , daß sie keine Aussteuer an Möbeln gebrauche ! Erst gestern hatte auch der Vater das gütige Geschick gepriesen , daß Aenne sich so nett und warm in das behagliche Nestlein setzen könne . Zum erstenmal überfiel sie eine herzbeklemmende Angst vor dem Lose , das sie sich erwählt , und drohte sie fast zu ersticken . Wie öde , wie kalt war es hier ! „ Ein bißchen ungemütlich hier , Kind , “ flüsterte die Mutter , „ macht , weil nicht geheizt ist ! Eine Frauenhand kann da mit ein paar Kleinigkeiten viel thun , mit ein paar Blumentöpfchen lassen sich Wunder erzielen . “ Ja freilich , Mama hatte recht , das war es . Wärme fehlte , ein bißchen Sonne und Blumen ! Fräulein Stübken forderte jetzt die Frau Medizinalrätin auf , in die Schrankkammer zu treten , sie habe ein Verzeichnis der Wäschestücke in jedes Fach gelegt . „ Und ich will dir indessen meine Stube zeigen , “ sagte der Oberförster zu Aenne , „ Mama holt uns dann ab , wenn sie hier fertig ist . “ Einen Augenblick stockte ihr Fuß , dann ging sie mit . Sie war seit dem Abend im Walde noch nicht wieder mit ihm allein gewesen , sie hatte es vermieden . In diesem Augenblicke fand sie indes keinen passenden Vorwand und es war ja schließlich auch thöricht , danach zu suchen . So ging sie denn neben ihm durch den großen Flur und betrat die Schwelle des Zimmers , das der Wohnstube gerade gegenüber lag . Der letzte falbe Tagesschein erhellte es nur noch notdürftig , und auch hier spielten die Flammen im Ofen . In ihrem Schein lagen mehrere Hunde aus der Diele , die , durch den Eintritt einer fremden Person beunruhigt , sich knurrend anrichteten . Auch hier eine spartanische Einfachheit , soweit Aenne sehen konnte , ein riesenhafter Schreibsekretär an der Wand , drüben , nahe beim Fenster , davor ein Ohrenstuhl , ein mächtiges Sofa , über dessen Lehnen Fuchsfelle gebreitet waren . Unmassen von Tierbildern in Kupferstich an den Wänden , zwischen ihnen noch Geweihe , ein Gewehrschrank , ein Kleiderschrank und unter der Decke blauer Tabaksrauch . „ Kuscht euch ! “ befahl er den Hunden , und dann zog er seine Braut zum Sofa hinüber . „ Komm ' , Aenne , setze dich ! “ Er hatte etwas Unbeholfenes in seinem Benehmen , und Aenne fühlte , wie seine Hand zitterte . Mechanisch folgte sie seiner Aufforderung und drückte sich in die äußerste Ecke des mit schwarzem Leder überzogenen Kanapees . Er setzte sich neben sie und nahm wieder [ 075 ] ihre Hand , und als er fühlte , daß auch sie leise zitterte , sagte er weich : „ Hast du Angst vor mir , mein kleines Mädchen ? “ Sie antwortete nicht . „ Mußt auch nicht , “ fuhr er treuherzig fort , „ ich bin dir so gut , so sehr gut ; es thut mir weh , wenn du dich fern von mir hältst . Fasse ein wenig Vertrauen zu mir , Aenneken , willst doch mein guter Engel werden - hast mich doch lieb ? “ Er hatte ihren Kopf an seine Brust gepreßt , seine große Hand drückte ihren Scheitel wie ein Riesengewicht . Sie konnte nicht antworten , sie wußte weiter nichts zu thun , als es still zu dulden . „ Siehst du , Kind , “ fuhr er leise fort , „ es ist mir ja selbst ein Wunder , daß du Ja ! gesagt hast . Ich bin nicht verblendet über mich , ich bin aus kleinen Verhältnissen herausgekommen , habe hart gearbeitet in meiner Jugend , scherwenzeln und glatte Worte machen habe ich nicht gelernt . - Schön