schloß knixend die Wagenthür . „ Laß die Hühner nicht verbrennen , “ ermahnte die Muhme . „ Schon nicht ! “ erwiderte jene , und fügte dann , das junge Mädchen anblickend , hinzu : „ Beten ’ s für mich mit , Fräulein ! “ Lieschen nickte . „ Warum denn gerade ich ? “ fragte sie lächelnd . „ O , weil der liebe Gott gewiß seine Freud ’ an Ihnen hat . “ meinte Dörte . Herr Erving lachte . „ Na , Peter , vorwärts denn ! “ und so rollte der Wagen dem Dorfe entgegen , und seine Insassen hatten genug zu thun , die vielen Grüße zu erwidern , die ihnen von allen Seiten zugerufen wurden . An des Herrn Pastors Hause flog der Liesel ein ganzer Blumenregen in den Schooß und die kleinen Trabanten versteckten sich kichernd hinter den Zaun , um dann , als der Wagen vorüber war , „ Guten Morgen , Tante Lieschen , Tante Lieschen ! “ hinterher zu rufen . An der Kirchenthür stand Herr Selldorf ; er erröthete über und über , als er Lieschen beim Austeigen die Hand bot und Herrn Erving um die Erlaubniß bat , mit in seinen Kirchenstand treten zu dürfen . Und so saß er denn während der Predigt neben ihr auf der Bank , denn die Muhme hatte mit den Eltern auf den vorderen Stühlen Platz genommen – Ehre dem Ehre gebührt ! Frau Erving und die Frau Pastorin , die mit ihren beiden ältesten Jungen in dem Predigerstuhl saß , nickten einander verstohlen zu , und Herr Otto Selldorf , der sich in der kleinen Kirche umsah , in der sich die andächtige Gemeinde zahlreich versammelt hatte , meinte zu bemerken , daß Aller Augen auf seine reizende Nachbarin gerichtet seien . Diese aber saß da , den Kopf unter dem feinen Strohhütchen tief gesenkt , ihre kleinen Hände ruhten , in einander gefaltet , im Schooß und ihre Lippen bewegten sich leise ; auch während der Predigt blieb ihr Blick gesenkt , und ihrem Nachbar war es gar einmal , als falle ganz rasch ein großer glänzender Tropfen auf das weiße Kleid . Aber nein , das war ja nicht möglich – was sollte wohl so ein junges liebreizendes Geschöpf für Grund haben zu weinen an einem so wundervollen Pfingsttage ? Und in der That , als der Herr Pastor den Segen gesprochen und die Gemeinde den Schlußgesang anstimmte , da hob sich ihr Blick , und in den blauen Augen glänzte es wieder ruhig und fröhlich auf . Als sie heimwärts fuhren , freute sich Lieschen über den Sonnenschein und das bunte bewegte Leben auf der Landstraße . An der großen Linde mußte Peter halten und Lieschen stieg aus . „ Nun grüß ’ mir Nelly , Liesel ! “ rief ihr die Muhme nach , und sie ging mit leichten Schritten vorwärts , den schattigen Weg entlang . Zwar fing ihr das Herz etwas an zu klopfen , als sie nun in die Lindenallee einbog ; sie nahm den Hut ab und ging langsamer ; dort aber trat schon das mächtige Portal hervor , und die beiden steinernen Bären schienen heute ganz besonders drohend die Tatzen zu erheben . Sie blieb stehen und preßte die Hand auf das klopfende Herz ; am liebsten wäre sie umgekehrt , aber was sollte Nelly denken , wenn sie nicht einmal kam , Nelly , zu der sie sonst fast täglich gegangen ? Sie könnte am Ende glauben , sie fürchte sich vor der fremden Cousine . Nein , nur vorwärts ! Sie schritt rasch dem Ausgange der Allee zu , blieb dann aber wieder stehen – vor Ueberraschung , denn nicht weit vor ihr auf dem Rasen , im Schatten der mächtigen alten Bäume , die den freien Platz vor dem Schlosse begrenzten , stand vor einer der Sandsteinbänke ein servirter Tisch , und davor saß die junge Baronin in einem der Lehnstühle , aber so , daß sie dem nahenden Mädchen den Rücken wandte ; ihre Schwiegermutter hatte ihr gegenüber Platz genommen und las eifrig in einer Zeitung . Eine Anzahl Tassen und Couverts zeigte an , daß man offenbar den schönen Morgen hier im Freien gefrühstückt hatte . Lieschen wagte nicht weiter zu gehen . Die alte Dame hob die Augen und gewahrte das junge Mädchen ; bei ihrem Anblick schrak sie zusammen , daß sie eine zierliche Tasse vom Tische stieß und diese auf der Steinbank klirrend zerbrach . Noch ehe Lieschen sich dem Tische nähern konnte , rief sie ihr heftig entgegen : „ Wie unpassend , uns so zu erschrecken ! “ „ Guten Morgen , Lieschen ! “ sagte die Schwiegertochter ; sie richtete sich im Sessel auf und reichte dem jungen Mädchen die Hand . „ Ich bitte um Verzeihung , “ wandte sich Lieschen an die alte Baronin , „ ich war schon mehrere Minuten hier , ehe ich wagte mich bemerkbar zu machen , denn ich fürchtete zu stören . “ Es klang ruhig gegenüber den leidenschaftlichen Worten der alten Baronin . „ Und , “ fuhr sie fort , „ ich komme nur auf einige Augenblicke , um fröhliche Feiertage zu wünschen , wie ich es jedes Jahr gethan , und Nelly einmal zu sehen . “ „ Setz ’ Dich , Lieschen ! “ bat die jüngere Baronin . „ Nelly wird gleich hier sein ; sie ist mit Blanka und Army ein wenig in den Park gegangen , und – da ist sie schon ; ich höre sie sprechen . “ Die alte Dame zuckte ungeduldig die Schultern , als sich Lieschen ruhig auf die Sandsteinbank setzte und teilnehmend nach dem Ergehen der blassen Frau fragte , von deren Wangen das flüchtige Roth , welches die wenig artigen Worte ihrer Schwiegermutter darauf gemalt hatten , wieder verschwunden war . Indessen kamen die Stimmen näher , und Lieschen unterschied deutlich das klangreiche tiefe Organ ihres einstigen Spielgefährten .