anzuschlagen , aber ihr Herz war zu voll von widerstreitenden Gefühlen , und sie zog sich zurück , um sich in zugleich glücklichen und bangen Tränen auszuweinen . Inzwischen war der Tag herangekommen , wo die » Weihe der Kraft « gegeben werden sollte . Schach schickte seinen Diener und ließ anfragen , ob die Damen der Vorstellung beizuwohnen gedächten . Es war eine bloße Form , denn er wußte daß es so sein werde . Im Theater waren alle Plätze besetzt . Schach saß den Carayons gegenüber und grüßte mit großer Artigkeit . Aber bei diesem Gruße blieb es , und er kam nicht in ihre Loge hinüber , eine Zurückhaltung , über die Frau von Carayon kaum weniger betroffen war als Victoire . Der Streit indessen , den das hinsichtlich des Stücks in zwei Lager geteilte Publikum führte , war so heftig und aufregend , daß beide Damen ebenfalls mit hingerissen wurden und momentan wenigstens alles Persönliche vergaßen . Erst auf dem Heimwege kehrte die Verwunderung über Schachs Benehmen zurück . Am andern Vormittage ließ er sich melden . Frau von Carayon war erfreut , Victoire jedoch , die schärfer sah , empfand ein tiefes Unbehagen . Er hatte ganz ersichtlich diesen Tag abgewartet , um einen bequemen Plauderstoff zu haben und mit Hilfe desselben über die Peinlichkeit eines ersten Wiedersehens mit ihr leichter hinwegzukommen . Er küßte der Frau von Carayon die Hand und wandte sich dann gegen Victoiren , um dieser sein Bedauern auszusprechen , sie bei seinem letzten Besuche verfehlt zu haben . Man entfremde sich fast , anstatt sich fester anzugehören . Er sprach dies so , daß ihr ein Zweifel blieb , ob er es mit tieferer Bedeutung oder aus bloßer Verlegenheit gesagt habe . Sie sann darüber nach , aber ehe sie zum Abschluß kommen konnte , wandte sich das Gespräch dem Stücke zu . » Wie finden Sie ' s ? « fragte Frau von Carayon . » Ich liebe nicht Komödien « , antwortete Schach , » die fünf Stunden spielen . Ich wünsche Vergnügen oder Erholung im Theater , aber keine Strapaze . « » Zugestanden . Aber dies ist etwas Äußerliches und beiläufig ein Mißstand , dem ehestens abgeholfen sein wird . Iffland selbst ist mit erheblichen Kürzungen einverstanden . Ich will Ihr Urteil über das Stück . « » Es hat mich nicht befriedigt . « » Und warum nicht ? « » Weil es alles auf den Kopf stellt . Solchen Luther hat es Gott sei Dank nie gegeben , und wenn ein solcher je käme , so würd er uns einfach dahin zurückführen , von wo der echte Luther uns seinerzeit wegführte . Jede Zeile widerstreitet dem Geist und Jahrhundert der Reformation ; alles ist Jesuitismus oder Mystizismus und treibt ein unerlaubtes und beinah kindisches Spiel mit Wahrheit und Geschichte . Nichts paßt . Ich wurde beständig an das Bild Albrecht Dürers erinnert , wo Pilatus mit Pistolenhalftern reitet , oder an ein ebenso bekanntes Altarblatt in Soest , wo statt des Osterlamms ein westfälischer Schinken in der Schüssel liegt . In diesem seinwollenden Lutherstück aber liegt ein allerpfäffischster Pfaff in der Schüssel . Es ist ein Anachronismus von Anfang bis Ende . « » Gut . Das ist Luther . Aber , ich wiederhole , das Stück ? « » Luther ist das Stück . Das andre bedeutet nichts . Oder soll ich mich für Katharina von Bora begeistern , für eine Nonne , die schließlich keine war . « Victoire senkte den Blick , und ihre Hand zitterte . Schach sah es , und über seinen Fauxpas erschreckend , sprach er jetzt hastig und in sich überstürzender Weise von einer Parodie , die vorbereitet werde , von einem angekündigten Proteste der lutherischen Geistlichkeit , vom Hofe , von Iffland , vom Dichter selbst und schloß endlich mit einer übertriebenen Lobpreisung der eingelegten Lieder und Kompositionen . Er hoffe , daß Fräulein Victoire noch den Abend in Erinnerung habe , wo er diese Lieder am Klavier begleiten durfte . All dies wurde sehr freundlich gesprochen , aber so freundlich es klang , so fremd klang es auch , und Victoire hörte mit feinem Ohr heraus , daß es nicht die Sprache war , die sie fordern durfte . Sie war bemüht , ihm unbefangen zu antworten , aber es blieb ein äußerliches Gespräch , bis er ging . Den Tag nach diesem Besuche kam Tante Marguerite . Sie hatte bei Hofe von dem schönen Stücke gehört , » das so schön sei wie noch gar keins « , und so wollte sie ' s gerne sehn . Frau von Carayon war ihr zu Willen , nahm sie mit in die zweite Vorstellung , und da wirklich sehr gekürzt worden war , blieb auch noch Zeit , daheim eine halbe Stunde zu plaudern . » Nun , Tante Marguerite « , fragte Victoire , » wie hat es dir gefallen ? « » Gut , liebe Victoire . Denn es berührt doch den Hauptpunkt in unsrer gereinigten Kürche . « » Welchen meinst du , liebe Tante ? « » Nun , den von der christlichen Ehe . « Victoire zwang sich , ernsthaft zu bleiben , und sagte dann : » Ich dachte , dieser Hauptpunkt in unsrer Kirche läge doch noch in etwas andrem , also zum Beispiel in der Lehre vom Abendmahl . « » O nein , meine liebe Victoire , das weiß ich ganz genau . Mit oder ohne Wein , das macht keinen so großen Unterschied ; aber ob unsre Predicateurs in einer sittlich getrauten Ehe leben oder nicht , das , mein Engelchen , ist von einer würklichen Importance . « » Und ich finde , Tante Marguerite hat ganz recht « , sagte Frau von Carayon . » Und das ist es auch « , fuhr die gegen alles Erwarten Belobigte fort , » was das Stück will und was man um so deutlicher sieht , als