die englische Weltgeschichte . Unter den Leserinnen bemerkte ich meine Bekannte von der Veranda ; beim Beginn der Lektion hatte sie ihren Platz als Erste der Klasse gehabt , aber wegen irgend eines Irrtums in der Aussprache oder einer Unaufmerksamkeit in Bezug auf Interpunktion wurde sie plötzlich an das Ende der Schülerinnenreihe geschickt . Und selbst noch in dieser obskuren Stellung blieb sie unausgesetzt ein Gegenstand für Miß Scatcherds beständige Aufmerksamkeit ; fortwahrend richtete sie Worte wie die folgenden an sie : » Burns , « ( dies schien ihr Name zu sein ; die Mädchen wurden hier , wie anderswo die Knaben , mit ihren Familiennamen angeredet ) . » Burns , du stehst schon wieder einwärts , augenblicklich die Fußspitzen nach außen . « – » Burns , weshalb steckst du das Kinn in so häßlicher , unangenehmer Weise vor ? Halte den Kopf gerade ! « – Burns , ich bestehe darauf , daß du dich gerade hältst , ich will dich in solcher Stellung nicht vor mir sehen , « u. s. w. , u. s. w. Als ein Kapitel zweimal durchgelesen war , wurden die Bücher geschlossen und die Mädchen geprüft . Die Lektion hatte einen Teil der Regierung Karls I. umfaßt , und es waren unterschiedliche Fragen über Tonnengeld und Pfund- und Schiffszoll gestellt worden , welche die meisten der Mädchen zu beantworten außer stande gewesen . Jede kleine Schwierigkeit jedoch wurde gelöst , wenn sie zu Burns kam ; ihr Gedächtnis schien die Substanz der ganzen Lektion gefaßt zu haben , und sie hatte für jeden Punkt eine Antwort bereit . Ich saß da und wartete freudig erregt , daß Miß Scatcherd ihre Aufmerksamkeit rühmen würde , statt dessen rief sie plötzlich aus : » Du schmutziges , widerwärtiges Mädchen ! Heute morgen hast du deine Nägel wieder nicht gereinigt ! « Burns antwortete nicht , ich wunderte mich über ihr Schweigen . » Weshalb , « dachte ich , » erklärt sie denn nicht , daß sie weder ihr Gesicht waschen noch ihre Nägel reinigen konnte , da das Wasser gefroren war ? « Hier wurde meine Aufmerksamkeit durch Miß Smith abgelenkt , welche mich bat , ihr beim Abwinden des Zwirns behilflich zu sein . Während sie ihn abwickelte , sprach sie von Zeit zu Zeit mit mir , fragte , ob ich schon früher eine Schule besucht habe , ob ich zeichnen , sticken , stricken könne u. s. w. ; als sie mich endlich entließ , konnte ich meine Beobachtungen über Miß Scatcherds Verhalten nicht fortsetzen . Als ich auf meinen Sitz zurückkehrte , erteilte diese Dame gerade einen Befehl , dessen Inhalt ich nicht verstehen konnte . Burns verließ jedoch augenblicklich die Klasse und trat in ein kleines , inneres Zimmer , wo die Bücher aufbewahrt wurden . Nach kaum einer halben Minute kehrte sie zurück und trug in ihrer Hand ein kleines Reisigbündel , das an einem Ende zusammen gebunden war . Dieses ominöse Werkzeug überreichte sie Miß Scatcherd mit einem respektvollen Knix , dann löste sie schweigend , ohne daß es ihr befohlen wurde , ihre Schürze – und augenblicklich versetzte die Lehrerin ihr mindestens ein Dutzend scharfer Streiche mit der Rute auf Arme und Nacken . Nicht eine einzige Thräne trat in Burns Augen und während ich mit meiner Arbeit innehielt , weil ein Gefühl ohnmächtigen , hilflosen Zorns meine Finger erbeben machte , veränderte nicht ein einziger Zug in ihrem nachdenklichen , ernsten Gesicht seinen Ausdruck . » Verhärtetes Mädchen ! « rief Miß Scatcherd aus , » nichts kann dich von deinen unordentlichen Gewohnheiten heilen ! – Trage die Rute wieder fort . « Burns gehorchte . Ich sah ihr scharf ins Gesicht , als sie wieder aus der Bücherkammer heraustrat . Sie schob gerade ihr Taschentuch wieder in die Tasche , und eine Thräne glänzte in ihrem Auge und rann langsam über ihre hohle , bleiche Wange . Die Spielstunde am Abend galt mir als der angenehmste Teil des ganzen Tages in Lowood . Wenn das kleine Stück Brot , der Schluck Kaffee , den ich um fünf Uhr genossen , meinen Hunger auch nicht gestillt , so hatte er wenigstens meinen Lebensmut neu beseelt . Der lange Zwang des Tages fiel fort . Das Schulzimmer war wärmer als am Morgen , denn die Feuer in demselben durften heller brennen , weil sie in gewissem Maße die Lichter ersetzen sollten , die noch nicht eingeführt waren . Der rötliche Feuerschein , der gestattete Lärm , die Konfusion vieler Stimmen rief ein wohliges Gefühl von Freiheit hervor . Am Abend des Tages , an dem ich gesehen hatte , wie Miß Scatcherd ihre Schülerin Burns mit der Rute gezüchtigt hatte , ging ich wie gewöhnlich ohne Gefährtin zwischen Tischen und Bänken und lachenden Gruppen umher , ich fühlte mich indessen nicht einsam . Wenn ich an den Fenstern vorüberging , hob ich dann und wann einen Vorhang in die Höhe und blickte hinaus . Der Schnee fiel in dichten Flocken , vor den unteren Fensterscheiben lag bereits eine hohe Schicht ; wenn ich mein Ohr dicht an das Fenster legte , konnte ich durch den fröhlichen Tumult im Zimmer das traurige Sausen und Toben des Windes draußen unterscheiden . Wenn ich ein glückliches Heim und gütige Eltern verlassen hätte , so wäre dies wahrscheinlich die Stunde gewesen , in der ich die Trennung am bittersten und schmerzlichsten empfunden hätte . Dieser draußen tobende Sturm würde mir das Herz schwer gemacht haben , dieses düstere Chaos würde meinen Frieden gestört haben – wie die Dinge aber lagen , rief das Getöse eine seltsame Erregung in mir wach . Ich wurde unruhig und fieberhaft , ich wünschte , daß der Wind lauter heulen , die Dämmerung zur Dunkelheit werden und der Lärm in Toben ausarten möchte . Über Bänke fortspringend und unter Tischen weiterkriechend bahnte ich mir einen Weg zu einem der Kamine . Dort fand ich auf dem hohen Fender knieend Burns , welche