- - - - - - - - - - - Schon schlich die Dämmerung die Häuserreihen entlang , da trat ich auf den einsamen Platz , aus dessen Mitte der Dom aufragt zum Thron der Engel . Fußtapfen - die Ränder mit Krusten aus Eis - führten hin zum Nebentor . Von irgendwo aus einer fernen Wohnung klangen leise , verlorene Töne eines Harmoniums in die Abendstille hinaus . Wie Tränentropfen der Schwermut fielen sie in die Verlassenheit . Ich hörte hinter mir das Seufzen des Schlagpolsters , wie die Kirchentüre mich aufnahm , dann stand ich im Dunkel , und der goldene Altar blinkte in starrer Ruhe herüber zu mir durch den grünen und blauen Schimmer sterbenden Lichtes , das durch die farbigen Fenster auf die Betstühle niedersank . Funken sprühten aus roten , gläsernen Ampeln . Welker Duft von Wachs und Weihrauch . Ich lehnte mich in eine Bank . Mein Blut ward seltsam still in diesem Reich der Regungslosigkeit . Ein Leben ohne Herzschlag erfüllte den Raum - ein heimliches , geduldiges Warten . Die silbernen Reliquienschreine lagen im ewigen Schlaf . Da ! - Aus weiter , weiter Ferne drang das Geräusch von Pferdehufen gedämpft , kaum merklich an mein Ohr , wollte näherkommen und verstummte . Ein matter Schall , wie wenn ein Wagenschlag zufällt . - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - Das Rauschen eines seidenen Kleides war auf mich zugekommen , und eine zarte , schmale Damenhand hatte leicht meinen Arm berührt . » Bitte , bitte , gehen wir doch dort neben den Pfeiler ; es widerstrebt mir , hier in den Betstühlen von den Dingen zu sprechen , die ich Ihnen sagen muß . « Die weihevollen Bilder ringsum zerrannen zu nüchterner Klarheit . Der Tag hatte mich plötzlich angefaßt . » Ich weiß gar nicht , wie ich Ihnen danken soll , Meister Pernath , daß Sie mir zuliebe bei dem schlechten Wetter den langen Weg hier herauf gemacht haben . « Ich stotterte ein paar banale Worte . » - - Aber ich wußte keinen andern Ort , wo ich sicherer vor Nachforschung und Gefahr bin , als diesen . Hierher , in den Dom , ist uns gewiß niemand nachgegangen . « Ich zog den Brief hervor und reichte ihn der Dame . Sie war fast ganz vermummt in einen kostbaren Pelz , aber schon am Klang ihrer Stimme hatte ich sie wiedererkannt als dieselbe , die damals voll Entsetzen vor Wassertrum in mein Zimmer in der Hahnpaßgasse flüchtete . Ich war auch nicht erstaunt darüber , denn ich hatte niemand anderen erwartet . Meine Augen hingen an ihrem Gesicht , das in der Dämmerung der Mauernische wohl noch blasser schien , als es in Wirklichkeit sein mochte . Ihre Schönheit benahm mir fast den Atem , und ich stand wie gebannt . Am liebsten wäre ich vor ihr niedergefallen und hätte ihre Füße geküßt , daß sie es war , der ich helfen sollte , daß sie mich dazu erwählt hatte . - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - » Vergessen Sie , ich bitte Sie von Herzen darum , - wenigstens solange wir hier sind - die Situation , in der Sie mich damals gesehen haben « , sprach sie gepreßt weiter , » ich weiß auch gar nicht , wie Sie über solche Dinge denken - - « » Ich bin ein alter Mann geworden , aber kein einziges Mal in meinem Leben war ich so vermessen , daß ich mich Richter gedünkt hätte über meine Mitmenschen « , war das einzige , was ich hervorbrachte . » Ich danke Ihnen , Meister Pernath « , sagte sie warm und schlicht . » Und jetzt hören Sie mich geduldig an , ob Sie mir in meiner Verzweiflung nicht helfen oder wenigstens einen Rat geben können . « - Ich fühlte , wie eine wilde Angst sie packte , und hörte ihre Stimme zittern . - » Damals - - im Atelier - - - damals brach die schreckliche Gewißheit über mich herein , daß jener grauenhafte Oger mir mit Vorbedacht nachgespürt hat . - Schon durch Monate war mir aufgefallen , daß , wohin ich auch immer ging , - ob allein , oder mit meinem Gatten , oder mit - - - mit - mit Dr. Savioli , - stets das entsetzliche Verbrechergesicht dieses Trödlers irgendwo in der Nähe auftauchte . Im Schlaf und im Wachen verfolgten mich seine schielenden Augen . Noch macht sich ja kein Zeichen bemerkbar , was er vorhat , aber um so qualvoller drosselt mich nachts die Angst : wann wirft er mir die Schlinge um den Hals ! Anfangs wollte mich Dr. Savioli damit beruhigen , was denn so ein armseliger Trödler wie dieser Aaron Wassertrum überhaupt vermöchte - schlimmsten Falles könnte es sich nur um eine geringfügige Erpressung oder dergleichen handeln , aber jedesmal wurden seine Lippen weiß , wenn der Name Wassertrum fiel . Ich ahne : Dr. Savioli hält mir etwas geheim , um mich zu beruhigen , - irgend etwas Furchtbares , was ihn oder mich das Leben kosten kann . Und dann erfuhr ich , was er mir sorgsam verheimlichen wollte : daß ihn der Trödler mehrere Male des Nachts in seiner Wohnung besucht hat ! - Ich weiß es , ich spüre es in jeder Faser meines Körpers : es geht etwas vor , das sich langsam um uns zusammenzieht wie die Ringe einer Schlange . - Was hat dieser Mörder dort zu suchen ? Warum kann Dr. Savioli ihn nicht abschütteln ? Nein