Senator seine kaufmännischen und Regierungsgeschäfte erledigt hatte . Oft riefen ihn diese aber sogleich nach Tisch noch zu späten Kommissionssitzungen wieder fort . Als sie den Verkehr der Gatten miteinander einigemal beobachtet hatte , dachte Sophie : eine solche Sachlichkeit , wie zwischen den beiden herrschte , ordne doch das Leben in der geschmackvollsten und nützlichsten Weise . Marieluis saß meist schweigend , in unbefangener Haltung aufmerksam und freundlich mit am Tische und antwortete nur auf Anreden . Ab und zu fehlte sie . Dann hieß es : sie ist zum Kursus . Oder : heut ' ist Abendschule . Sophie erfuhr gelegentlich , daß Marieluis einen Kursus besuche , in dem zwei Professoren abwechselnd kulturgeschichtliche Vorträge hielten , mit besonderer Berücksichtigung der Volkshygiene in allen Zeiten und bei allen Völkern . Und die Abendschule war von einer Frauengruppe begründet und unterhalten , die sich die Erziehung unehelicher Kinder zur Pflicht gemacht hatte . Immer war die Senatorin voll des Lobes über die praktische Anstelligkeit , den raschen Verstand und die glückliche Hand ihrer Pflegetochter . Mit immer wachsendem Interesse beobachtete Sophie das Mädchen . Ohne einen verschlossenen oder auffallend stillen Eindruck zu machen , schien sie doch ihr Innenleben für sich zu haben und zu beschweigen . Einmal fragte Sophie : » Ist Marieluis Ihre Blutsverwandte ? « » Nein , « antwortete die Pflegemutter und setzte gleich auseinander : » Aber natürlich : kein schlechtes Blut ! Wie hätten wir ein Wesen von ungewisser Rasse mit unserem Namen decken wollen ! Denn das war ja von vornherein Absicht : wenn sie sich nach Wunsch entwickelt , adoptieren wir sie , sobald mein Mann fünfzig wird . Das ist denn auch vor vier Jahren geschehen . Der Vater von Marieluis war ein junger Arzt , der Letzte eines arm gewordenen , vornehmen hanseatischen Geschlechts - er fing gerade an , leidliche Praxis zu bekommen . Da zog er sich eine Blutvergiftung zu und starb . Die Frau stand dicht vor der Geburt des zweiten Kindes . Infolge der Aufregung ging die Sache nicht gut aus . Mutter und Kind starben . Die Frau war aus dem Hannöverschen , aus einer soliden , bescheidenen Gutsbesitzersfamilie . Wir haben uns genau nach allem erkundigt ! « » Wie traurig , « sagte Sophie , » wie unaussprechlich traurig . « » Gott , « meinte die Senatorin , » für Marieluis ist es schließlich ja ein Glück geworden . Vielleicht hätte sie mit entsetzlich vielen kleineren Geschwistern es knapp und unruhig gehabt . Nun kann sie ihre Individualität ausbilden . Und versorgt ist sie auch , wenn sie ledig bleibt . Natürlich beerbt sie uns nicht voll . Meine und meines Mannes Geschwisterkinder sind auch noch da . Aber immerhin : sie hat reichlich zu leben und kann wirken . « » Die bewegliche Natur und Intelligenz meiner Frau brauchte Aufgaben , « sagte der Senator , » da gab ich ihr die Pflegetochter . Und ein Budget für ihre sozialen Bestrebungen . Um die Details dieser kann ich mich nicht kümmern . Sie interessieren mich auch nicht . Ich habe andere Pflichten . Wenn meine Frau die Formen und das Budget innehält , kann sie machen , was sie will . « » Beides versteht sich ja wohl von selbst , « sprach seine Frau sehr stolz und entschieden . Als der zweite Sonntag herannahte , bat die Senatorin : » Sie machen uns das Vergnügen ? Wir essen Sonntags schon um vier . Wegen der Dienstboten , damit die Küche früher entlastet wird . Meines Mannes Bruder und Frau , Sie wissen , Thea Daisters Eltern , werden Sie dann kennen lernen . « » Sie verzeihen und verstehen , wenn ich ablehne . Sonntags widme ich mich meinem Sohn , er hat in der Woche keine Zeit . « Nun war aber die Senatorin erstaunt . Davon hatte Sophie von Hellbingsdorf noch nichts gesagt . » Lassen Sie ihn doch bei uns Besuch machen , « sagte sie , ganz einfach über Allert bestimmend . » Danke - wie liebenswürdig - mir schien aber - ja , er will , glaub ' ich , zunächst ganz ungesellig leben . « » Ach - wie verkehrt ! Das reden Sie ihm aus . Die gesellschaftlichen Beziehungen bringen oft genug Nutzen für den Beruf . Das ist allerwärts so . « Ja , Sophie wollte ihm die gütige Erlaubnis übermitteln . Sie ärgerte sich manchmal über sich selbst - Regentennaturen hatten es ihr gegenüber so leicht ; es schien gar nicht zu ihrer selbständigen Lebenslage zu passen : aber einem Herrscherton antwortete sie immer etwas zu bescheiden . Am Sonntag klagte sie es Allert vor . Aber sie bat ihn auch , bei Amsters Karten abzugeben . Erstens konnte es ihm wirklich nützlich werden , vielleicht traf er da Männer , deren Ansichten und Verbindungen ihm förderlich sein konnten . Und dann : Frau Amster war geradezu für sie ein Agent . Sie hatte es richtig schon erzielt , daß Sophie weitere Aufträge bekam : die beiden schönen Knaben einer Frau Haimbrugk sollte sie als Doppelporträt malen und eine sehr elegante , übermäßig schlanke Amerikanerin mit wunderbarem Haar , die sich kürzlich mit einem Vetter der Frau Amster verheiratet hatte , als Halbfigur . Diese Bilder sollten ebenfalls in dem Nordzimmer gemalt werden , das die Senatorin zum Atelier bestimmt hatte . Das mußte man doch auch bedenken . Und somit versprach Allert seufzend , was ihm doch nur Störung bedeutete . » Wer Geld verdienen will , ist schließlich abhängig , « sagte er . » Wer keins mehr zu verdienen braucht , weil er zu viel hat , ist es noch viel mehr . « » Es lebe der kleine Rentner , « rief Allert . » Von dem Rositz immer sagte , er sei der Feind der Entwicklung . « » Rositz - Gott ja - der arme Rositz . Hörst Du wohl mal was von seiner