neuen , in sich selbst wurzelnden Weiblichkeit . Aber sie ahnte wohl in guten Stunden , daß es ein Maß innerer Sicherheit gab , welches das Merkmal hoher und freier Menschlichkeit und das Ziel alles befreienden Strebens war . Mit dieser Sicherheit in sich , blieb man Herr in jeder Situation , besiegte man jede scheinbare Erniedrigung . Es konnte kein Mißbehagen geben , keine Angst vor dem Dunkel , keinen Ekel vor dem ewig Unzulänglichen , keine Verlassenheit im unendlichen All , - wenn diese innere Helle erst erstrahlte . Und glühte nicht der Funke , aus dem diese Flamme , - dieses organische Verstehen des Lebens , - herausschlagen konnte , zu Zeiten auch in ihr ? In Wien war sie einer Frau begegnet , die von diesem Licht , das sie , die Beladene , so sehnsüchtig suchte , erfüllt schien . Frei ging sie , die bewußt Geborene , - keine Situation , kein Milieu schien diese starke Sicherheit brechen , dieses innere Leuchten verschütten zu können . Und , wie das Erhabene gewöhnlich neben Lächerlichkeit und Unwürdigkeit gestellt ist , so war es auch hier . Diese Frau , die Olga als eine Ganze unter Zerrissenen , als eine naturhaft Starke unter Verbogenen und Beschädigten erschien , - war die Frau eines Menschen von unverkennbar geringer Art , des Vincenz Reisenleitner . Niemals war Olga bei Geneviève gewesen , ohne gekräftigt , gesammelt , stärker und sicherer von ihr zu gehen . Sie war eine von jenen , die die Beladenen erleichtern , die Bedrückten erheben , ohne ihnen bestimmte Tröstungen oder gar Satzungen auf den Weg zu geben , - einfach durch den Anblick , den sie selbst bieten . Ihre Ehe mit Reisenleitner war das Produkt einer für ihr Wesen sehr bedeutsamen Absichtslosigkeit , mit der sie sich , ihrem innersten Glauben gemäß , den Fügungen und Schiebungen des Schicksals überließ , ohne mit gefährlichem Willensaufwand dem rollenden Rad in die Speichen zu fallen . Sie hatte Vincenz Reisenleitner in ihrer Heimat , in Stuttgart , kennen gelernt , wo ihr Vater ein höheres juridisches Amt bekleidete . Die Mutter entstammte einer alten normannischen Adelsfamilie , die , emigriert , in der Schweiz lebte . In Genf lernte die junge , schöne Tochter dieser Familie den deutschen Regierungsrat Nestor kennen , der sie bald als seine Frau ins Schwäbische verpflanzte . Ihr Kind nannten die Eltern , in froher Erinnerung an den Ort ihres Sichfindens , Geneviève ; im täglichen Umgang blieb nur des stolzen Namens Endsilbe bestehen und ève wurde bald zur deutschen Eva . So wuchs sie auf , Eva Nestor , ein Schwabenmädel mit normannischem Blut in den Adern - » eine köstliche Legierung « , wie der Vater stolz zu sagen pflegte . Kurz nachdem er gestorben war und die Witwe und Eva mit einer für ihre bisherigen Lebensgewohnheiten geringen Pension zurückließ , geschah es , daß Eva die Bekanntschaft des Wiener Fabrikanten Reisenleitner machte , der hierher gekommen war , um sein bei einer Stuttgarter Fabrik bestelltes Automobil abzuholen . Reisenleitner verliebte sich stürmisch in das » riesig interessante Mädel « , und seine Werbung befreite sie von ungewissem Los . Es wäre ihr wie eine Vermessenheit erschienen , diese Werbung nicht anzunehmen . Erwartungsvoll stand sie vor jeder entscheidenden Veränderung ihres Schicksals , und darum nahm sie auch diese - aufhorchend - hin . Ihr Herz hatte noch nie seine strenge Gebundenheit erschüttert gefühlt , nichts hinderte sie , dem fremden Mann zu folgen , und darum erschien es ihr , als ob es sein sollte , sein dürfte . Was kommen mochte , - es ließ sich nicht ergrübeln , - sie würde es erfahren . Und erfahren hieß - leben . Zwischen Olga und Eva , die sich bei den gemeinsamen Verwandten , Professor Diamant und Frau Edda , bald begegneten , hatte sich ein Verhältnis angesponnen , das eine behütende Reserve nie verlor und doch an unausgesprochenem , aber deutlich empfindbarem Interesse stetig zunahm . Es war die Zuneigung zweier Naturen , die die Bestimmung , zu wachsen , aneinander ahnen und dabei von Freude erfüllt sind über diese Entdeckung . Das Verhältnis behielt alle Formen der Zurückhaltung , war seinem Wesen nach aber vertraut . Olga kam nicht oft hinaus in die Cottage-Villa , die sich Vincenz eingerichtet hatte , - aber immer wurde ihr froh zumute , wenn das eiserne Vorgartentürchen , auf ihren Klingeldruck , aufsprang und sie über den kiesbestreuten Gartenweg dem Hause zuging , während ihr Eva schon vom Fenster zuwinkte oder ihr entgegenkam , aufrecht und zierlich , mit ihrem leichten , sichern Gang eines Bachstelzchens . Evas Ehe bestand in äußerer Ordnung , aber Olga merkte bald , daß es hier so war , wie bei einer elektrischen Anlage , in der der Strom fehlt , - tot , ausgebrannt , durch irgendeinen schlimmen Kurzschluß vernichtet , - ein komplizierter Apparat ohne die treibende Kraft , um deretwillen er errichtet wurde . Was vorgegangen war , - ob eine wachsende Entfremdung oder eine plötzliche Katastrophe hier ein Ende gemacht hatte , - das wußte sie nicht und fragte nicht danach , weil ihr war , als müßte Eva eines Tages selbst ihr diesen Einblick geben , wenn sie sie wissen lassen wollte , wo ihr Lebensschiff fest lag , - oder wohin es steuerte . Ein kleines Mädchen , Evas Abbild , war das Licht in diesem Hause . Eva ging nur selten in die Stadt . Dafür war sie mit dem Kind viel im Freien draußen , in den Feldern , die sich als riesige Karos auf den Hügeln des Wiener Waldes , in einer weit übersehbaren , an Höhen und Mulden wechselvollen Landschaft ausstreckten . Seit längerer Zeit trieb Eva Sprachstudien , die sie durch Prüfungen abschließen wollte , - eine » Marott « wie Vincenz sagte , die seinen Kredit schädigen könne , denn am Ende würde man noch glauben , seine Frau »