verachtete . Und gerade deshalb wollte ich ihm von der » Hand « erzählen . Ich bildete mir ein , ich würde in seiner Meinung gewinnen ( und das wünschte ich dringend aus irgendeinem Grunde ) , wenn ich ihm begreiflich machen könnte , daß ich das wirklich erlebt hatte . Erik aber war so geschickt im Ausweichen , daß es nicht dazu kam . Und dann reisten wir ja auch gleich . So ist es , wunderlich genug , das erstemal , daß ich ( und schließlich auch nur mir selber ) eine Begebenheit erzähle , die nun weit zurückliegt in meiner Kindheit . Wie klein ich damals noch gewesen sein muß , sehe ich daran , daß ich auf dem Sessel kniete , um bequem auf den Tisch hinaufzureichen , auf dem ich zeichnete . Es war am Abend , im Winter , wenn ich nicht irre , in der Stadtwohnung . Der Tisch stand in meinem Zimmer , zwischen den Fenstern , und es war keine Lampe im Zimmer , als die , die auf meine Blätter schien und auf Mademoiselles Buch ; denn Mademoiselle saß neben mir , etwas zurückgerückt , und las . Sie war weit weg , wenn sie las , ich weiß nicht , ob sie im Buche war ; sie konnte lesen , stundenlang , sie blätterte selten um , und ich hatte den Eindruck , als würden die Seiten immer voller unter ihr , als schaute sie Worte hinzu , bestimmte Worte , die sie nötig hatte und die nicht da waren . Das kam mir so vor , während ich zeichnete . Ich zeichnete langsam , ohne sehr entschiedene Absicht , und sah alles , wenn ich nicht weiter wußte , mit ein wenig nach rechts geneigtem Kopfe an ; so fiel mir immer am raschesten ein , was noch fehlte . Es waren Offiziere zu Pferd , die in die Schlacht ritten , oder sie waren mitten drin , und das war viel einfacher , weil dann fast nur der Rauch zu machen war , der alles einhüllte . Maman freilich behauptet nun immer , daß es Inseln gewesen waren , was ich malte ; Inseln mit großen Bäumen und einem Schloß und einer Treppe und Blumen am Rand , die sich spiegeln sollten im Wasser . Aber ich glaube , das erfindet sie , oder es muß später gewesen sein . Es ist ausgemacht , daß ich an jenem Abend einen Ritter zeichnete , einen einzelnen , sehr deutlichen Ritter auf einem merkwürdig bekleideten Pferd . Er wurde so bunt , daß ich oft die Stifte wechseln mußte , aber vor allem kam doch der rote in Betracht , nach dem ich immer wieder griff . Nun hatte ich ihn noch einmal nötig ; da rollte er ( ich sehe ihn noch ) quer über das beschienene Blatt an den Rand und fiel , ehe ichs verhindern konnte , an mir vorbei hinunter und war fort . Ich brauchte ihn wirklich dringend , und es war recht ärgerlich , ihm nun nachzuklettern . Ungeschickt , wie ich war , kostete es mich allerhand Veranstaltungen , hinunterzukommen ; meine Beine schienen mir viel zu lang , ich konnte sie nicht unter mir hervorziehen ; die zu lange eingehaltene knieende Stellung hatte meine Glieder dumpf gemacht ; ich wußte nicht , was zu mir und was zum Sessel gehörte . Endlich kam ich doch , etwas konfus , unten an und befand mich auf einem Fell , das sich unter dem Tisch bis gegen die Wand hinzog . Aber da ergab sich eine neue Schwierigkeit . Eingestellt auf die Helligkeit da oben und noch ganz begeistert für die Farben auf dem weißen Papier , vermochten meine Augen nicht das geringste unter dem Tisch zu erkennen , wo mir das Schwarze so zugeschlossen schien , daß ich bange war , daran zu stoßen . Ich verließ mich also auf mein Gefühl und kämmte , knieend und auf die linke gestützt , mit der andern Hand in dem kühlen , langhaarigen Teppich herum , der sich recht vertraulich anfühlte ; nur daß kein Bleistift zu spüren war . Ich bildete mir ein , eine Menge Zeit zu verlieren , und wollte eben schon Mademoiselle anrufen und sie bitten , mir die Lampe zu halten , als ich merkte , daß für meine unwillkürlich angestrengten Augen das Dunkel nach und nach durchsichtiger wurde . Ich konnte schon hinten die Wand unterscheiden , die mit einer hellen Leiste abschloß ; ich orientierte mich über die Beine des Tisches ; ich erkannte vor allem meine eigene , ausgespreizte Hand , die sich ganz allein , ein bißchen wie ein Wassertier , da unten bewegte und den Grund untersuchte . Ich sah ihr , weiß ich noch , fast neugierig zu ; es kam mir vor , als könnte sie Dinge , die ich sie nicht gelehrt hatte , wie sie da unten so eigenmächtig herumtastete mit Bewegungen , die ich nie an ihr beobachtet hatte . Ich verfolgte sie , wie sie vordrang , es interessierte mich , ich war auf allerhand vorbereitet . Aber wie hätte ich darauf gefaßt sein sollen , daß ihr mit einem Male aus der Wand eine andere Hand entgegenkam , eine größere , ungewöhnlich magere Hand , wie ich noch nie eine gesehen hatte . Sie suchte in ähnlicher Weise von der anderen Seite her , und die beiden gespreizten Hände bewegten sich blind aufeinander zu . Meine Neugierde war noch nicht aufgebraucht , aber plötzlich war sie zu Ende , und es war nur Grauen da . Ich fühlte , daß die eine von den Händen mir gehörte und daß sie sich da in etwas einließ , was nicht wieder gutzumachen war . Mit allem Recht , das ich auf sie hatte , hielt ich sie an und zog sie flach und langsam zurück , indem ich die andere nicht aus den Augen ließ , die weitersuchte .