der Furcht , daß auch andre sie ebensogut kennen als wir . Lieben heißt : Angst davor haben , daß andern die Fehler offenbar werden , die wir an dem geliebten Wesen entdeckt haben . Lieben heißt : in die Zukunft schauen können und diese Gabe verfluchen ... lieben heißt : jemanden so kennen , daß man daran zugrunde geht . « Else lehnte am Klavier , in ihrer damenhaft-kindlichen Art , neugierig gelassen , und hörte ihm zu . Wie gut gefiel er ihr in solchen Augenblicken . Sie hätte ihm wieder tröstend übers Haar streichen wollen wie damals auf dem See , als er von der Liebe zu jener andern wie zerrissen war . Aber wenn er sich dann plötzlich zurückzog , kühl , trocken und wie ausgelöscht erschien , da fühlte sie , daß sie mit ihm nie leben könnte , daß sie ihm nach ein paar Wochen davonlaufen müßte ... mit einem spanischen Offizier oder einem Violinvirtuosen . » Es ist gut « , sagte sie , etwas gönnerhaft , » daß Sie mit Georg Wergenthin verkehren . Er wird günstig auf Sie wirken . Er ist ruhiger als Sie . Ich glaube ja nicht , daß er so begabt und gewiß nicht , daß er so klug ist wie Sie ... « » Was wissen Sie von seiner Begabung « , unterbrach sie Heinrich beinahe grob . Georg trat hinzu und fragte Else , ob man heute nicht das Vergnügen haben werde , ein Lied von ihr zu hören . Sie hatte keine Lust . Übrigens studiere sie hauptsächlich Opernpartien in der letzten Zeit . Das interessiere sie mehr . Sie sei doch eigentlich keine lyrische Natur . Georg fragte sie zum Scherz , ob sie nicht vielleicht die geheime Absicht habe zur Bühne zu gehen . » Mit dem bissel Stimme ! « sagte Else . Nürnberger stand neben ihnen . » Das wäre doch kein Hindernis « , bemerkte er . » Ich bin sogar überzeugt , daß sich sehr bald ein moderner Kritiker fände , der Sie gerade deswegen als bedeutende Sängerin ausriefe , Fräulein Else , weil Sie keine Stimme besitzen , der aber dafür irgend eine andere Gabe , zum Beispiel die der Charakteristik bei Ihnen entdeckte . So wie es heutzutage namhafte Maler gibt , die keinen Farbensinn haben , aber Geist ; und Dichter von Ruf , denen zwar nicht das geringste einfällt , denen es aber gelingt zu jedem Hauptwort das falscheste Epitheton zu finden . « Else merkte , daß die Redeweise Nürnbergers Georg nervös machte und wandte sich an diesen . » Ich wollte Ihnen ja etwas zeigen « , sagte sie und machte ein paar Schritte zu der Notenetagere . Georg folgte ihr . » Hier die Sammlung alt-italienischer Volkslieder . Ich möchte , daß Sie mir die wertvollsten bezeichnen . Ich selber verstehe doch nicht genug davon . « » Ich begreife gar nicht « , sagte Georg leise , » daß Sie Menschen wie diesen Nürnberger in Ihrer Nähe ertragen . Er verbreitet einen wahren Dunstkreis von Mißtrauen und Übelwollen um sich . « » Das hab ich Ihnen schon öfters gesagt , Georg , ein Menschenkenner sind Sie nicht . Was wissen Sie denn überhaupt von ihm ? Er ist anders , als Sie glauben . Fragen Sie nur einmal Ihren Freund Heinrich Bermann . « » O ich weiß ja , daß der auch für ihn schwärmt « , erwiderte Georg . » Ihr sprecht von Nürnberger ? « fragte Frau Ehrenberg , die eben dazutrat . » Der Georg kann ihn nicht leiden « , sagte Else in ihrer beiläufigen Art. » Da tun Sie aber sehr Unrecht daran ; haben Sie überhaupt je was von ihm gelesen ? « Georg schüttelte den Kopf . » Nicht einmal seinen Roman , der vor fünfzehn oder sechzehn Jahren so großes Aufsehen gemacht hat ? Das ist ja beinah eine Schand ! Neulich haben wir ihn dem Hofrat Wilt geliehen . Ich sag Ihnen , der war paff , wie in dem Buch eigentlich schon das ganze heutige Österreich vorausgeahnt ist . « » So , so « , sagte Georg ohne Überzeugung . » Sie können sich gar nicht vorstellen « , fuhr Frau Ehrenberg fort , » mit welchem Jubel Nürnberger damals begrüßt worden ist . Man könnte sagen , alle Tore sind vor ihm aufgesprungen . « » Vielleicht war ihm das genug « , bemerkte Else nachdenklich altklug . Heinrich stand am Klavier im Gespräch mit Nürnberger und bemühte sich , wie er es oftmals tat , ihn zu einer neuen Arbeit oder zu einer Herausgabe älterer Schriften zu bestimmen . Nürnberger wehrte ab . Der Gedanke , seinen Namen wieder in die Öffentlichkeit gezerrt zu sehen , im literarischen Wirbel der Zeit mitzutreiben , der ihm widerlich und albern zugleich erschien , erfüllte ihn geradezu mit Schaudern . Er hatte keine Lust , da mit zu konkurrieren . Wozu ? Cliquenwirtschaft , die sich kein Mäntelchen mehr umnahm , war überall am Werke . Gab es noch ein tüchtig , ehrlich strebendes Talent , das nicht jeden Augenblick gefaßt sein mußte , in den Kot gezogen zu werden ; war noch ein Flachkopf zu finden , der sich nicht ausweisen konnte , in irgend einem Blättchen als Genie erklärt worden zu sein ? Hatte Ruhm in diesen Tagen noch das geringste mit Ehre zu tun ? Und übersehen , vergessen werden , war das auch nur ein Achselzucken des Bedauerns wert ? Und wer konnte am Ende wissen , welche Urteile sich in der Zukunft als die richtigen erweisen würden ? Waren nicht die Tröpfe wirklich die Genies und die Genies die Tröpfe ? Es war lächerlich , sich mit dem Einsatz seiner Ruhe ja seiner Selbstachtung in ein Spiel einzulassen , in dem auch der höchstmögliche Gewinn keine Befriedigung versprach . » Gar keine ? « fragte Heinrich . » Ich will Ihnen ja allerlei