. Sie fühlte das Blut in ihren Schläfen sausen . Sie dachte an die Bemerkung über das » Proletarierfett im Präpariersaal . Sie dachte : Es ist wieder ein Deutscher ! Sie nennen das schneidig ! « Und sie sagte ein Wort . Der sicherheitstrunkene deutsche Professor sah sie an . Er sah das Wort auf Josefines Lippen . Er sah in vielen Gesichtern Mißbilligung , besonders in denen der weiblichen Studierenden . Er haßte diese weiblichen Studierenden . Ihre Mißbilligung war eine Kritik seiner Sicherheitstrunkenheit , darum waren sie ihm zuwider . Und er blinzelte tückisch gegen Josefine hin : warte nur . Ein kranker Mann lag vor dem Auditorium . Der Sicherheitstrunkene hieß den Wärter den Kranken entblößen . Noch weiter ! noch mehr ! ganz ! Er hieß den entblößten Kranken auf einen Stuhl stellen , überall frei sichtbar . Und dann blickte er sich suchend um und rief Josefine zur peinlichsten , verletzenden Untersuchung . Peinlich und verletzend war die Untersuchung für den Kranken . Peinlich und verletzend war die Untersuchung für die Untersuchende . Peinlich und verletzend war die Untersuchung für die diensttuende Schwester . Peinlich und verletzend war der ganze Auftritt für die Studierenden . Und diese peinlichste , verletzendste Untersuchung war völlig nutzlos , war nur eine Strafe , war nur eine Rache , war nur eine Roheit des frauenfeindlichen deutschen Professors . Hier wird das Herz zerfleischt ! Mit brennenden Wangen und brennenden Augen kam Josefine nach Hause . Sie war den Weg gelaufen , als sei jener sicherheitstrunkene Mann mit dem rohen , kalten Gesicht hinter ihr . Planlos lief sie jetzt durch die Zimmer , die Hände ineinandergepreßt , die Lippen zusammengebissen . Ach , so ohnmächtig sein ! so ohnmächtig ! Sie betrachtete ihre Hände , schauderte und fühlte irgend eine geheime Schuld . Sie stand auf dem Balkon , in den sachte die Schneeflocken hereintrieben . Sie stand im Schnee und sah auf die im Schnee schlummernden Wiesen , auf den im Nebel schlummernden See . Sie stand und sah und sah doch nichts . Ich kann das nicht ertragen . Ich kann nicht . Hier wird das Herz zerfleischt ! Rösli kam gelaufen , breitete die Arme aus und drängte sich an Josefine . » Einmal hab ich dich , Mama ! « Josefine schrak vor dem Kinde zurück . Sie versteckte ihre Hände . » Nein , nein , nicht jetzt ! Geh , Rösli , spiele - ich habe keine Zeit . « Mit gesenkten Locken schlich die Kleine weg . Josefine betrachtete immer ihre Hände , schüttelte sie in unerträglichen Schmerzen ; dann nahm sie den weißen , flockigen Schnee vom Balkongitter und begann damit ihre Finger zu reiben . Sie bebte in Todesangst , ihre Knie knickten ein , sie sann und sann . So zwecklos alles ! So grausam alles ! So hoffnungslos alles ! Sie sah über den Schnee hinunter . Sie hielt sich am Gitter fest . Dort - das Spital - die Kliniken , ein gelber , langgestreckter Bau in Gärten . Das Dach beschneit , die Bäume der Gärten schwarz gegen den nebelgrauen Himmel . Daneben das Frauenspital , das Absonderungshaus , die Anatomie . Weiter daneben der kahle Kirchhof mit den wenigen hängenden Weiden , alles eine weißliche Fläche mit eingesunkenen Steinen und schwarzen Kreuzchen . Aus den kahlen Bäumen erhob sich krächzend eine Krähenschar ; aus den hohen Fenstern gellten die zerreißenden Schreie der Gebärenden . Tolle Posse ! Tolle Posse des Lebens ! Überall Leiden ! Überall Kranke ! Es schwillt wie von Leichen . Sie kommen wie eine Flut herauf gegen den Balkon . Nein , nein , nicht Leichen ! Leichen sind gut , Leichen sind still , Kranke sind es . Von Kranken schwillt es , von entsetzlichen Kranken ! Sie blickte weiter hinaus , über die Stadt . Sie begriff nichts mehr . Häuser bauen sie ? Gärten , Brücken , wozu ? Wozu das alles ? Es ist lächerlich . Fabriken , Museen , Bilder , Statuen - lächerlich ! lächerlich ! Es ist nicht wert , den kleinen Finger zu rühren . Hier wird das Herz zerfleischt . Es gibt nur Kranke . Wir sind alle vermodert . Wozu das alles ! Wahnwitz ! Wahnwitz ! Wieder ertönte das wilde Schreien , die Luft trug weit heute . Josefine sah sich da drinnen , unter den übrigen Studierenden . Und so hämische Gesichter bei diesen Männern ! Sie sind hämisch , weil der Professor roh ist ! Roh und hämisch im Angesicht des Todes . Er lehrt sie roh und hämisch sein . Man erkennt ihre Gesichter nicht wieder , wenn er da ist . Einer entstellt Hunderte . Das ist auch Schule ! O , wie ich ihn hasse ! Ich gewöhne mich nie . Roh und hämisch ist nur dieser eine , die anderen sind nicht roh und nicht hämisch . Aber wir alle sind wie die Götter in den Wolken , und drunten ist der schwärenbedeckte Lazarus . Wir haben für ihn im besten Fall ein freundliches , überlegenes Wort , wir haben oft ein kleines Lachen , einen kleinen Witz . Ein Mensch ist kein Mensch für uns , ein Mensch ist Material . Ein Mensch ist eine Spitalnummer und » ein Fall « . Er windet sich vor uns in Schmerzenskrämpfen , und wir beobachten nicht ihn , nur den Fall . Wir interessieren uns wissenschaftlich für den » Fall « . O , wie ich uns alle hasse ! In den Kliniken ging es so her . Die Studierenden versammelten sich in einem Hörsaal des Krankenhauses ; das medizinische , das chirurgische , das Kinderspital , das Frauenspital , das Irrenhaus - jedes hatte einen besonderen Hörsaal . Der Professor betrat das Katheder , gab eine kurze Einleitung , und sodann wurden zwei oder drei Fälle , das heißt Kranke , herbeigeholt und dem Auditorium vorgestellt . Einer der Studierenden , ein Praktikant