Die Röte am westlichen Himmel glich einer schmalen Schleife und wurde zusehends trüber und einige Wolken lagerten dort , die sensenschwingenden Männern glichen . Am Kirchhof landeten die beiden , schritten die kotige Straße des Dorfes hinauf und traten in ein kleines , grüngestrichenes Haus , das dem Verfall keinen Widerstand mehr bot und in jeder Stunde zusammenzubrechen schien . Das Dach drückte schwer auf Giebel und Mauern , und die unregelmäßigen Fenster glichen schielenden Augen . Elkan Geyer schritt durch einen finstern Gang mit brüchigen Ziegelsteinfließen , an vielen Türen vorbei in die Kammer , wo Obstvorräte und Spezereien für den Kramladen aufgestapelt lagen . Eine sonderbare Mischung von Gerüchen herrschte : es roch nach frischen Äpfeln und alten Stoffen , nach schlechter Schokolade , nach eingemachten Früchten , nach Essig und Konserven , nach geräuchertem Fleisch und Kaffee . Dazu lag feiner Mehlstaub in der Luft , und dunkelgrünes Tuch war über große Kasten gebreitet . Agathon war seinem Vater gefolgt , der den Kerzenstumpf anzündete und bekümmert in das dürftige Flämmchen schaute . Mit seiner müden Stimme begann er zu reden : daß ihm wohl sein Ältester das Leben leichter machen könne , als er es täte , und wie er , Agathon , sich eigentlich die Zukunft vorstelle ? Daran läge jetzt alles , mehr als alles ; es sei bitter ernst und er , Elkan , werde jetzt alt und es werde ihm schon schwer , das viele Schulgeld aufzubringen . Auch dürfe er sich nicht schlecht benehmen gegen Sürich Sperling , denn er , Elkan , sei tief verschuldet bei diesem Mann , so daß er sich keinen Rat mehr wisse . Niemand wolle helfen , auch nicht Enoch Pohl , der es doch wahrscheinlich vermöchte . Elkan Geyer sagte mehr , als er beabsichtigte ; er sah endlich , wie Agathons Glieder zitterten , vielleicht nicht nur der nassen Kleider wegen . Schnell gebot er ihm , sich umzukleiden , aber er solle es so anstellen , daß die Mutter nichts merke . Gedankenvoll ging Elkan hinaus in den kleinen Hof , der zwischen Haus und Gemüsegarten lag , und trotzdem es schon ziemlich dunkel war , traf er seinen Schwiegervater noch bei der Arbeit . Enoch Pohl war zweiundachtzig Jahre alt , aber er übte noch immer sein Handwerk als Seiler aus . Er wanderte noch täglich den langen Weg nach Fürth , doch zu keiner Zeit hatte er eine Nacht unter fremdem Dach geschlafen , niemals hatte er für länger als zehn Stunden das Dorf verlassen . Er kannte keine Sehnsucht als die nach dem Gold , und Gefühlen anderer Art war er verschlossen . Die Welt , in der er lebte , veraltete ihm nicht , und er dachte auch nicht an den Tod . Er war fromm , d.h. er ging allmorgendlich und allabendlich zum Gottesdienst , um das Gebetstuch , das er seit neunundsechzig Jahren um die Schultern legte , von neuem zu küssen und das halbzerfetzte Buch mit den braungewordenen Blättern von neuem aufzuschlagen . Einige Sterne zuckten unter schnellen Wolken auf . Die Luft war satt von Feuchtigkeit und hatte etwas Durchdringendes . Das Laub des wilden Weins war blutrot und leuchtete durch die Dunkelheit . Von der » gläsernen Burg « herüber schallte das Geschrei der Zecher , und einer sang mit simpler Geduld und in flennenden Tönen immerfort dieselbe Melodie : spinn ' spinne Töchterlein . Die Abendglocken begannen zu läuten ; bald klang es fern , bald klang es nah . Enoch Pohl hatte eine kleine , verrostete und verbogene Laterne angezündet , holte eine Wanne herbei , die mit Schafsdärmen angefüllt war und bedeckte sie mit einem tellerartigen Holzsturz , den er zur Beendigung seines Tagewerks mit Fugen für die Henkel des Bottichs versehen hatte . » Nun , Vater , « flüsterte Elkan Geyer und sah ängstlich auf die Hände des Alten , die mit braunen Flecken und langen Haaren bedeckt waren . Enoch schwieg . » Und wenns Jette erfährt ? « murmelte Elkan . » Schließlich ist sie doch dein Kind . « » Sie waaß ja nix , « erwiderte Enoch mürrisch . » Sie wirds bald wissen . Sürich Sperling ist ein Halsabschneider . « » Wärst nit leichtsinnig gewesen . Mer hätten keine Scheuer zu bauen gebraucht . Ich kann der nit helfen . Ich ha ka Geld . « Elkan rang stumm die Hände . Dann sagte er : » Du hast so vielen das Messer an die Gurgel gesetzt , Vater . Und jetzt bist du erbarmungslos gegen die eigenen Kinder . « Enoch richtete sich langsam auf und machte eine abwehrende Armbewegung . Gleich darauf ging er ins Haus . Die Laterne zitterte in seiner Hand und sein Schatten schwankte hinter ihm auf dem schwarzen Erdreich . Im Wohnzimmer rauchten die Kartoffeln auf dem Tisch , und zwei Heringe lagen in gelber Brühe auf einer Schüssel . Die Kinder hatten blecherne Teller vor sich , die alt waren und unappetitlich aussahen . In der Ofennische brodelte der Kaffee und sein Geruch vermischte sich mit dem übergelaufener und verbrannter Milch . Der Raum war niedrig und schwül , und eine von Tagen aufgehäufte Unordnung herrschte . Die Möbel standen krumm und schief , die Dielen waren rissig , und durch die gardinenlosen Fenster schaute unbehindert die schwarze Nacht und wer sonst noch wollte herein . Dennoch zeugte alles von der Hand einer bemühten Hausfrau , die nur zu schwach war , ihren Bereich zu regieren . Sie beherrschte auch ihre Kinder nicht , das sah man schon an den Gesichtern der Kinder , die so unbekümmert dasaßen , als ob sie niemals zu gehorchen brauchten . Sie griffen gierig in die Schüsseln und wenn eines ein größeres Stück Hering erwischte , erhob das andere ein neidisches Zetergeschrei . Eine Katze schlich unter dem Tisch herum , rieb sich an den Stuhlbeinen und stieß bisweilen ein begehrliches Miauen aus , woraus die dicke Bauernmagd schadenfroh