wenn ihr die Laune danach stand , oder es in ihre Absichten paßte ? In solchen verzweifelten Momenten hätte er das schöne Weib , das so zum Zeitvertreib ihre Circekünste an ihm übte , an dem weißen Hals packen und erwürgen , dieser vornehmen Gesellschaft , die in ihm nur ihren Tanzmeister sah , sein Regiebuch vor die Füße schleudern mögen . Und hatte er sich dann aus dieser Gesellschaft verabschiedet , verbindlich lächelnd die ihm von allen Seiten entgegengebrachten Danksagungen für seine Nachsicht und Geduld bescheiden ablehnend , stürmte er durch die nächtlichen Straßen nach Hause , in sich hinein wütend , mit allen heiligsten Eiden sich gelobend , diesen Tanz um das goldene Kalb der Eitelkeit zum letztenmale getanzt zu haben . Ein Trost blieb ihm , und er wiederholte ihn sich beständig : in all dem Sturm und Drang seiner Leidenschaft , in diesem Chaos durcheinander wirbelnder , sich wild befehdender Empfindungen - von seinen Berufs- und häuslichen Pflichten hatte er keine einzige verletzt . Mochten seine Schüler den gütigen Lehrer ungern vermissen , der strengere war ihnen vielleicht der bessere ; und seine Gattin , seine Kinder , so verstört ihm auch oft der Kopf , und wie weh es ihm ums Herz war , sie sollten noch das erste unfreundliche Wort aus seinem Munde hören . Ja , es dünkte ihm seltsam und ein psychologisches Rätsel , daß er sich , mit der wahnsinnigen Liebe für die andere im Herzen , von Klara nicht entfremdet fühlte , ja , mehr noch denn sonst zu ihr hingezogen als zu einer befreundeten Seele , von der er Rat in seiner Ratlosigkeit , Hilfe in seiner Hilflosigkeit mit Sicherheit erwarten durfte . Sollte er vor ihr hinknieen , den Kopf in ihren Schoß drücken und der Treuen , Guten , Verständigen alles , alles sagen ? Mehr als einmal stand er vor dem Entschlusse so nah , daß nur noch eines Haares Breite fehlte . Dann fädelte sie gerade eine Nadel ein , oder aus ihrem Munde kam ein Alltagswort : über Karlchen , der wieder sein Höschen zerrissen hatte , über Frau Doktor Müller , bei der morgen das sechste Dienstmädchen binnen Jahresfrist anzog - und der mutige Entschluß kroch feig zum Herzen zurück . Nein ! sie würde ihn nicht verstehen ! Und wie konnte sie ihm verzeihen , wenn sie ihn nicht verstand ! Ihn , der sonst , als ein gesunder Mann , sich eines soliden Schlafes alle Zeit erfreut hatte , plagte jetzt eine hartnäckige Schlaflosigkeit . Klara über den wahren Grund seines Leidens wegzutäuschen und sich selbst die qualvollen Stunden zu verkürzen , studierte und schrieb er die halben Nächte hindurch an einer großen gelehrten Arbeit , die ihn schon seit längerer Zeit beschäftigt hatte und auf deren Fertigstellung der Verleger jetzt dringe . Klara , die ihr Leben dafür gelassen haben würde , daß kein unwahres Wort aus seinem Munde gehen könne , hatte dessen kein Arg . Wie aber ein verständiger Mensch , wenn ihm das Feuer auf die Nägel brenne , es über sich gewinne , vier , fünf Abende in der Woche mit diesem albernen Komödienspiel zu vertrödeln , gehe über ihren Horizont . Und wenn er glaube , sich , weil er sich für sie opfere , den Dank dieser vornehmen Herrschaften zu verdienen , irre er gewaltig . Die Sorte habe es an sich , den Leuten Komplimente zu machen , solange sie sie brauchten , und sie dann wegzuwerfen , wie ausgequetschte Citronen . Worauf denn Albrecht etwas murmelte von der Notwendigkeit , B zu sagen , nachdem man die Thorheit begangen , sich auf das A einzulassen ; und daß ja , Gott sei Dank , der leidige Spaß nun bald ein Ende haben werde . Versprich mir wenigstens , Albrecht , sagte Klara , daß er dann auch wirklich ein Ende hat ! Aber wie sollte er denn nicht ? entgegnete Albrecht . Ich weiß nicht , sagte Klara . Ich habe nur immer gefunden : wenn man erst mal Unordnung in seine Wirtschaft kommen läßt , hernach ist es schwer , sie wieder hinauszubringen . Du bist doch sonst ein so ordentlicher Mann . Und Du eine verständige Frau , die nicht gleich in jedem Schatten an der Wand ein Gespenst sieht . Geh zu Bett , Kind ! Ich werde heute nicht so lange aufbleiben ! Elftes Kapitel Wenn Albrecht nicht wußte , ob Klotilde ihn liebe , Klotilde selbst hätte es ihm nicht sagen können . Es war da etwas Sonderbares , für das sie keine Erklärung fand . Fern von ihm konnte sie an ihn denken , sich seine Erscheinung in allen Einzelheiten ausmalen , ohne die geringste Wallung in ihrem Herzen zu verspüren . Mehr noch ! sie sah dann mit unheimlicher Klarheit seine Schwächen : seine Eitelkeit und Selbstgefälligkeit ; seine pompöse Weise , zu gehen und zu stehen , durch die doch immer der pedantische Schulmeister blickte ; sein krampfhaftes Bemühen , durch nichts an seine plebejische Abkunft zu erinnern , um gerade das Gegenteil von dem hervorzubringen , was er erzielte . War es nicht beschämend , geschmacklos und grenzenlos lächerlich , sich für einen solchen Mann zu interessieren ? zu enthusiasmieren sogar ? Würde nicht die seine Stephanie , würden nicht , wenn sie es wüßten , ihre sämtlichen Bekanntinnen sie auslachen ? Mit Fug und Recht sie eine sentimentale Närrin nennen , die schleunigst in ihre Pension zurückkehren möge , für den Litteraturlehrer so weiter zu schwärmen ? Sie hätte sich die Ohren zuhalten mögen , so deutlich hörte sie das höhnische Gelächter . Und dann brauchte sie nur wieder in seine Nähe zu kommen , um von neuem zu spüren , wie ein Zittern durch ihre Nerven rieselte ; das Blut sich ihr zum Herzen drängte , atemraubend ; zum Kopf , ihr das Gehirn umnebelnd ; wie ihr der Mund trocken wurde und ihr die Lippen brannten nach einem Kuß von