Lene für die meisten eine schöne , aber faule Gredel , und jetzt ... « » Das verstehst du nicht ; eine Frau , die so schön ist , verdient eine schönere Behandlung , alle Leut sagen das , die nobelsten Leut , und das G ' richt gibt ihr recht , nicht ihm . « Der Wisperton , in dem die beiden sprachen , erregte die zürnende Frau immer mehr , sie keifte ihrem Kinde beinahe in die Ohren , verzog spöttisch den Mund , rieb die Handballen ineinander , daß es knarrte , und freute sich fast , als sie das graubleiche Gesicht der Hanne so verstört und furchtsam sah . » Aber Frau Mutter « , flüsterte sie besänftigend . » Gered ' t ist gered ' t. Schau , daß du bald heimkommst , sonst hol ich dich , aber anders ! « Frau Walter streifte die Ärmel so weit hinauf , als sie sich schieben ließen , und ging breitspurig durch die Küchentüre hinaus in den Hof . Draußen lauerten schon die Nachbarinnen , neugierig , ob die resolute Mutter das dumme Mädel mitbrachte oder ob die Wirtschaft so weitergehen würde . Sie zuckten nur mitleidig die Achseln , als die Alte allein kam , und steckten die Köpfe zusammen , als sie , ohne ihnen lange Rede zu stehen , davonging . Sechs Wochen hatten wirklich genügt , um die Menschen in der Blauen Gans zu ändern , ihre Stimmung zu festigen und ihre Meinungen abzuklären . Die Weiber redeten ja Tag und Nacht über die Geschichte mit der Lene , und so hatten sie gerade genug Zeit gehabt , um die meisten Männer windelweich zu schwatzen . Daß die Weiber recht hatten , bestätigte das Gericht , weil es die junge Frau nicht dazu verhielt , zu ihrem Manne zurückzukehren . Die Weisen der Blauen Gans und vor allem der Laternanzünder hatten vorhergesagt , daß die Ausreißerin mit Schande und Spott heimgebracht werde , und nun nahm sie das Gericht in Schutz . Sie mußte nicht in die große Stube der seligen Frau Weis , das wollte etwas sagen in jenem Winkel , wo sich die armen kleinen Leute von der Gewalt des Gerichtes auch den Begriff der Unfehlbarkeit machten und davor eine gruselnde Scheu wie die Kinder vor Gespenstern hatten . Darum war und blieb der Leopold jetzt für sie im Unrecht , und die Lene hatte den Weg eingeschlagen , den ein junges schönes Weib geht , wenn sie ihr Mann schlecht behandelt . Die junge schöne Frau hatte auch wirklich schnell Freunde gefunden , die ihr bald ihr Recht begreiflich machten . Da war zuerst die Schwester des » Herrn « , des großen » Handschuhmachers « , wie sie den Fabrikanten bezeichneten , für den die Hälfte der Leute in der Blauen Gans arbeitete . Die zierliche kleine Frau , eine unternehmende Französin , hatte sich von ihrem Bruder getrennt und auf eigene Faust einen » Salon für Damenbekleidung « eröffnet ; das wollte sagen , daß sie von den ungewöhnlichsten Hütchen angefangen bis zu den geschmackvollsten Stiefeletten herab alles feil hatte , was zu dem Putz einer eleganten Frau gehört . Sie hatte diese neue und vornehme Idee von ihrer Vaterstadt , von Paris , hergebracht und sie klug zu verwerten begonnen . Alle älteren Geschäftsleute sperrten Maul und Augen auf , denn mit einigen wandhohen Spiegeln , Samtsofas und einer Menge künstlicher Blumen , kurz , mit allerhand solchem Firlefanz , an den ein aufrechter Kaufmann gar nicht denkt , schnappte sie ihnen doch die allerschönsten Kunden vor der Nase weg . In dem Salon der » Madame Margot « gab es auch keine bedienenden jungen Herren , die regelrecht frisiert in den elegantesten Modezeitungstellungen herumlehnten oder mit krebsroten , aber zierlich gebogenen Fingern die Stoffe in genial hingehauchte Wogen zu bauschen wissen . Einfache , schwarzgekleidete Frauen sprachen sachkundig mit der Modedamenwelt , sie prüften Gesichtszüge , Haarfarbe und Gestalt genau , unterzogen die Abstufungen der Farben einem ernsten Studium und wählten dann erst Form und Stoffe . Diesen sorgfältig zu Werke gehenden Frauen waren zwei schöne junge Mädchen beigegeben , eine üppige Brünette und eine schlanke Blondine ; die beiden mußten die gewählten Gegenstände versuchsweise in Gebrauch nehmen und in diesem meist kostbaren Putz auf und nieder gehen , sitzen , sich drehen und wenden , so daß die Käuferinnen die Wirkung an einer lebendigen Gestalt erproben konnten . Seit fünf Wochen war anstelle der allzu schlanken Blondine ein Rotkopf getreten , der die Damen durch seine Schönheit entzückte , es war die Lene , die » Mademoiselle Madeleine « hieß . Als sie ihrem Manne davonlief , ging sie geradenwegs zu Madame Margot und erzählte ihr den ganzen Jammer . Die kleine Frau hörte aus der Geschichte mehr und anderes , als darin lag , dafür aber sah sie die schöne Gestalt des jungen Weibes ganz genau . Madame Margot war seit Jahren von ihrem Gatten getrennt , und das traurige Ereignis , das sie da hörte , war nach ihrer Auffassung nur ein neuer Beweis für die Niederträchtigkeit » von die Mann « . Es gab demnach mehr als einen Grund , daß sie diesen empörenden Fall in die winzigen Hände nahm , nachdem er von ihr zurechtgelegt war , einem geschickten Advokaten übergab und das mißhandelte schöne Weib frischweg in ihr Geschäft nahm . Ehe die Lene sich noch ganz mit sich zurechtgefunden hatte , waren schon ein Bündel Federn zerschrieben an einer langen Anklageschrift . Darin stand , daß der Leopold ein Wüstling sei , ein Säufer , daß er sein Weib fast erschlagen und daß die Lene einen solchen Widerwillen gegen ihn habe , daß sie in ehelicher Gemeinschaft nicht mehr mit ihm weiterleben könne . Der Leopold lag aber schon drei Wochen todkrank da , als ihm die Schrift in sein Haus flog , er konnte sie nur mühsam lesen und verstand sie kaum , er wußte auch nicht