Sichhineinpressen oder Sichhinaufschrauben ekelte ihn an , weil es ihn unnatürlich dünkte . Ja ! Er fühlte unheimlich deutlich , daß er krank , unglücklich war ... wie so Mancher , mit dem ihn das Leben in seinen Studienjahren zusammengeführt hatte . Verschiedene Mitglieder des Kreises , in welchem er damals eine Zeit lang verkehrte , hatten sich abgewandt , wie er nachher gehört , waren ein Stück zurückgegangen , waren zu Kreuze gekrochen , arbeiteten in enger Umgrenzung , mit müden Herzen . Die Schlechtesten waren sie gewiß nicht , aber den Zwang , ihren Naturen bis ins Kleinste hinein treu sein zu müssen , hatten sie in einem geringerem Grade besitzen dürfen . Immerhin nach so viel Drang , so viel Bethätigungsbegehren lebte in ihnen , daß sie sich wenigstens einigermaßen mit dem begnügen konnten , was ihnen zu eigen geworden , wenn es ihnen nur gestattet war , ein klein Wenig ihrem Geiste und Wesen gemäß zu bilden und zu formen . In stillen Stunden der Sammlung ... in Augenblicken , wo Stimmung und Neigung vorhanden waren : zurückzuschauen , der gewesenen großen geistigen Tapferkeit , der stolzen Kampfgewärtigkeit und bewußten Wehrhaftigkeit zu gedenken , befiel wohl auch sie das Bewußtsein , wie vergeblich , wie formlos ihr jetziges Thun , wie schmachvoll ihre Capitulation sei ... Nun ! Sie nutzten ihre Kraft ab ... und das war genug . Die Masse regiert , sagte sich Adam , und die große Schlacht wird geschlagen werden . Wir sind auf neuen Wegen zu neuen Zielen . Und doch ! Wird Etwas bleiben , wenn das ... also das » Volk « losbricht ? Die herrschende Generation der Zukunft entwächst dem vierten Stande . Das werden Alles sehr bornirte Leute sein , aber sie werden dafür oder darum sehr gesund , sie werden sehr nüchtern sein . Ueberreizung , unnatürliche Ueberheizung werden ihnen im Ganzen fremd sein . Blut von unserem Blut - ? Geist von unserem Geist - ? Dieses Blut ist faul und schwer und dick , und dieser Geist ist morsch und krank und brüchig . Verzichten wir ! Leben wir uns aus ! Auch so wirken wir , wenn es denn einmal » gewirkt « sein muß - wirken nach natürlichen Gesetzen ... und wenn wir bloß unsere Kleider abtragen und unsere Sohlen ablaufen ... Der Schlag bedingt den Gegenschlag . Aber das soll uns kein Trost sein , soll unser etwa mahnendes » Gewissen « nicht beruhigen . Vielleicht müssen wir uns für das große Zukunftsereigniß aufsparen , unter dem die Erde in Krämpfen erbeben , in fanatischen Zuckungen sich schütteln wird . Wir sind so gut wie ausgehöhlt . Durch Leidenschaften gebrochen , denen wir uns ergeben haben , weil wir nicht wußten , wie wir besser unsere Zeit todtschlagen sollten . Wir waren rathlos geworden , weil wir erkannt , daß unsere Ideale Illusionen gewesen . Eine jede Brust hatte den Kampf gegen die Convenienz , gegen die Tradition gekämpft ... wir hatten nicht gesiegt , aber haben auch nicht verloren . Nun unterliegen wir , weil wir uns haben zu alt werden lassen , um den physiologischen Einflüssen des Alten noch entrinnen zu können . Wir prunken wohl auch ein Wenig mit unseren Schmerzen und noch mehr mit unserer Kraft : brechen , stürzen zu können , energisch sein zu können . Auch jetzt spielen wir noch Komödie . Aber wir wissen doch jetzt zugleich sehr gut , daß wir darauf verzichten mußten , unsere besten Kräfte intakt erhalten zu können , unsere intensivsten Ausstrahlungen wirken zu lassen . Wir trugen den Himmel , das ganze All in der Brust , aber wir bedürfen einer Generation , der sich die Sterne verhüllen , damit sie auf Erden nicht stolpere . Wir werden von der abkühlenden Zeit früher oder später gezwungen , unseren Frieden mit der Welt zu schließen . Aber wir sind doch unterlegen . Wir haben wirken müssen , und Pflichten haben wir erfüllt , obwohl es einmal eine Zeit gegeben hat , wo wir keine Pflicht anerkennen zu dürfen geglaubt . Wir haben scheinbar gehandelt und doch immer nur gelitten . Wir waren Genies im Denken , Fühlen , Entwerfen , Träumen , Dulden . Nun werden die Talente der That kommen , weil sie kommen müssen . Eigentlich bedauern wir sie . Denn wir verstehen sie auch , sie , die für uns kein Verständniß mehr besitzen werden . Vielleicht beneiden wir sie doch ein Wenig . Denn sie athmen in einer reineren Luft , und ein gesünderes Blut rollt durch ihren Leib . Diese Gedanken und Betrachtungen , diese mehr oder weniger gültigen und richtigen Bruchstücksresultate waren zu dieser Frist auf- und niedergestiegen in Adam . Ungeläufig konnten sie ihm allerdings kaum sein . Er hatte sie , zumeist schon in seiner kleinen Schrift » Das Proletariat des Geistes , « an der er ab und zu einige Seiten schrieb , ausgesprochen . Merkwürdig , wie wenig er sich eigentlich mit Lydia und Hedwig beschäftigte . Er warf sich diese Gleichgültigkeit , diese Kälte selbst vor . Aber es gelang ihm doch nicht , über sie hinauszukommen . Oefter fiel ihm wohl dieses oder jenes Moment ein , das sich neulich bei dem Souper zwischen Lydia und ihm abgespielt , das sich bei seinem letzten Zusammentreffen mit Hedwig ereignet - aber er mußte im Grunde mehr souverän darüber lächeln , als daß ihm diese Erinnerung ein gewisses Behagen bereitete . Unmittelbar mit den Weibern in Berührung gebracht ; durch eine zugespitzte , überdies vielleicht noch etwas außergewöhnliche Situation angeregt , konnte er leicht aufflammen , leicht aus sich herausgehen , seine Natur in ihrer eigenwilligen Art sich äußern lassen . Aber für sich haften , für sich garantiren konnte er nicht . Sobald er aus dem Zwange der besonderen Stunde wieder herausgetretreten , und sobald die nächsten Nachwirkungen vorüber , kehrte er unwillkürlich wieder sehr intim zu sich zurück , lebte er sich sehr nachdrücklich wieder in