wand . Nicht lange , und ein weißes Gewand schimmerte durch das Grün . Nun hob er den Fuß mit Vorsicht . Er wollte mit dem Uebermut seiner fünfundzwanzig Jahre die Schwägerin erschrecken . War er doch der einzige , mit dem Adrienne je lachte , denn seiner unverwüstlichen Frohnatur widerstand ihre Teilnahmlosigkeit nicht . Der Weg öffnete sich zu einer kleinen Rundung , in deren Mitte eine Riesenfichte himmelan strebte . Eine Bank stand unter dem Baum , doch an der andern Seite , so daß die darauf Sitzende Joachim den Rücken oder vielmehr in einer halben Wendung den Seitenumriß ihrer Gestalt zeigte . Das Gesicht und Haar , die man bei dieser Stellung auch in den Profilinien hätte sehen müssen , waren unter einem jener mächtigen Gartenhüte aus weißem Musselin verborgen , die man Helgoländer nennt und die mit ihrem niederfallenden Stoffteil selbst noch den Nacken decken . Die Dame hatte ihre Ellenbogen auf den Rand des vor ihr stehenden Kinderwagens gestemmt und drehte in den zusammen emporgehaltenen Händen mechanisch eine Rose . Es war ein hübsches Bild ; durch die Baumverzweigungen fielen einzelne Lichtflecke auf das im Schatten stehende weiße Gewand . Joachim stand einige Sekunden und freute sich daran . Seine Gedanken flogen nach dem fernen Weltteil zum geliebten Bruder . Was der für eine Freude hätte , wenn er jetzt hier so lauschen könnte ! Und wie voll und rund Adrienne geworden war bei aller Schlankheit ! Daß sie eine so wunderbare Figur , so entzückende Händchen habe , war Joachim nie aufgefallen . Er schlich näher , und über die Schultern der vor ihm Sitzenden hinweg plötzlich ihre Hände fassend , küßte er sie mit kühner Wendung über das Hutungeheuer hinweg auf den Mund . In der Sekunde oder vielmehr in dem Bruchteil der Sekunde , welcher verstrich von da an , daß Joachims Augen das Gesicht unter der weißen Umrahmung erfaßten , bis er auch schon seine Lippen auf den Frauenmund preßte , war es blitzgleich ihm gewesen , als sei ' s ein fremdes Gesicht . Aber Geberde und Lust zum Kusse waren in der winzigen Zeitspanne eines Herzschlags nicht mehr aufzuhalten . Auch war Joachim nicht der Mann , seine Lippen zu schließen , wenn ein Frauenmund nicht weiter von ihnen war als kaum eines Fingers Breite . So , halb im Irrtum , es sei Adrienne , halb im jähen Schreck , sie sei es nicht , küßte Joachim einen heißen , blühenden Mund und starrte dann in zwei dunkle , entsetzte Augen . In der Stummheit einer halben Minute , die zwischen den beiden sich verdutzt Anschauenden brütete , war Joachim von dem angenehmen Bewußtsein erfüllt , daß er für die Verwechslung nicht verantwortlich und gar nicht strafbar sei . Ja , er schaute mit begreiflichem Interesse auf das Gesicht , das - er mußte es sich zugeben - nicht schön , aber unglaublich interessant war . » Meine Gnädigste , « begann er endlich mit aller Mühe , sehr ernst auszusehen , » ich bitte um Vergebung . Aber Frau Förster sagte mir , Adrienne sei mit meinem Neffen im Park , und da ich Gründe hatte , mir Adrienne in Weiß gekleidet vorzustellen , so war die Ueberrumpelung gewiß verzeihlich . « » Also Herr von Herebrecht ? « fragte sie , ihn immer noch groß ansehend . » Allerdings ! Und soll ich auf die Gegenwart der Hausherrin warten , um in feierlicher Vorstellung auch Ihren Namen , meine Gnädigste , zu erfahren ? « fragte Joachim in seinem flottesten Ton entgegen . » Ich heiße Severina , « sagte sie und errötete tief . » Merkwürdig - hat sie keinen weitern Namen ? Ums Himmels willen , sollte es am Ende eine Bonne oder so was sein ? Dann könnte ich gleich noch einmal ... aber nein , dazu ist sie zu ... ja ... wie denn ? - zu apart , « dachte Joachim . » Ich gehöre ins Pfarrhaus und habe Frau von Herebrecht Gesellschaft geleistet , die eben gegangen ist , sich zum Essen anzukleiden , « fuhr Severina fort . » Also das Pastorentöchterlein ! « rief Joachim lachend ; » da muß ich mit erhöhter Eindringlichkeit um meines Ueberfalls willen Vergebung erflehen ; denn meine Begrüßung als fromme Gewohnheit werkeifriger Nächstenliebe aufzufassen , dürfte ... « » Dürfte selbst einem Landpastor die Herzenseinfalt fehlen , « fiel Severina ihm in die Rede , ebenfalls lachend , aber wie ihn däuchte , in etwas erregtem Tonfall . Er sah ihr in die sprühenden Augen und hielt ihr die Hand hin . » Schlagen Sie ein , darauf , daß dieser kleine Vorfall unter uns bleibe und unserem Verkehr - auf den wir doch wohl angewiesen sind - nichts von seiner Harmlosigkeit nimmt . « Sie legte ihre Hand in die seine . Er sah auf die kühlen Finger nieder und unterdrückte mühsam die Bemerkung , daß es die schönste Hand sei , die er je gesehen . Severina sah aber den Blick der Bewunderung , erglühend zog sie ihre Hand zurück . In diesem Augenblick schrie das Kind im Wagen kurz auf . » O , ich Rabenonkel ! « rief Joachim ; » ich vergesse über schönen Augen und heißen Lippen unsern Herebrechtschen Stammhalter . « Das entfuhr ihm so , er schien überhaupt Severina ganz vergessen zu haben , stand über dem Wägelchen gebückt und plauderte dem Kleinen das unglaublichste dumme Zeug vor . Das Kind sah mit großen , wundernden Augen zu dem fremden Mann empor . Die liebevolle , wohllautende Stimme war ihm ein unterhaltendes Geräusch , es blieb ganz stumm . Severina sah dem drolligen Bild zu . Joachim war entzückt , mehr als das , er war stolz , in dem Kleinen ein so klugäugiges , rundbackiges Wesen zu finden , und erging sich in Ausdrücken der unbegrenzten Bewunderung . Schließlich war es ja natürlich - Arnolds Sohn konnte kein Alltagskind sein . Und wie