in der Kunst gemessen , die reine Fratzenhaftigkeit unseres idealen Reinmenschlichen , das wir so unübertrefflich verkörpern .... Und doch hat der Kritiker der Neuesten Nachrichten Recht und der Romanzier Zola hat Unrecht . Es kann nicht die Aufgabe der Dichtung sein , die gute Gesellschaft zu beleidigen , und Zola beleidigt sie durch seine Brutalitäten und Geschmacklosigkeiten . Wir ertragen im Leben vieles , was in der künstlerischen Darstellung einfach unerträglich wirkt . Es gibt im Häßlichen und Wahrhaftigen eine Grenze , die nicht überschritten werden darf . Auch in seinen Büchern darf der Schriftsteller den Vertreter der guten Gesellschaft nicht verleugnen .... Zolas fixe Idee ist die Sinnlichkeit . In jedem Menschen sieht er nur die lauernde schmutzige Bestie . Du lieber Himmel , wenn jedermann mit Zolaschem Wahrheits-Fanatismus den Roman seiner sinnlichen Gedanken , Worte und Werke niederschreiben wollte , das würde nicht bloß die gesamte Litteratur , sondern auch das gesamte Leben verpesten . Wäre das schön ? Wäre das zweckmäßig ? Litteratur und Kunst sind ja gerade dazu auf der Welt , die Sinnlichkeit zu veredeln und geläutertes Vergnügen zu bereiten . Und dann gar erst dieser grundsätzliche Pessimismus : überall nichts als Verworfenheit und Nichtswürdigkeit in der Menschheit ! Nein , nein , wir dürfen uns von diesen trübseligen Naturalisten nicht den letzten Rest behaglichen Lebensgenusses vergällen und jede heimliche Freude mit Schmutz anstreichen lassen . « Plötzlich zuckte wieder der bittere Zug über Drillingers Antlitz . Knarrend schlug die Thür zurück . Herr Bankier Weiler wälzte sich herein . » Bitte vielmals um Entschädigung , Herr Baron , wegen der Störung und des langen Wartens . Böse Abwickelungen gegen den Monatsschluß ! Und dieses Hundewetter ! Bitte Platz zu behalten . « Herr Weiler warf seinen Überzieher ab und wischte sich die Brillengläser mit den Fingern . Sein kleines , rundes , pfiffiges Gesicht glühte unter dem dichten schwarzen Kraushaar . Er ließ den kurzen wurstartigen Leib in den Armstuhl fallen und schlug die O-Beine übereinander . Die Nähe des dicken , schwitzenden , eine ganze Wolke von sehr gemischten Ausdünstungen um sich verbreitenden Bankiers , trieb dem Baron wahre Angstschweißtropfen auf die Stirn . Er zog sein weißes Reserve-Battisttaschentuch mit dem eleganten , von der Freiherrnkrone überschwebten Monogramm in blaugelber Stickerei aus der Tasche - das andere lag noch auf dem Sitze - und strich und fächerte in nervöser Erregung im Gesichte herum . » Kommen wir rasch zur Sache , Herr Weiler , bitte ! Was sollte eigentlich die Depesche ? Es ist doch keine Katastrophe in Sicht ? Oder habe ich ein großes Los gewonnen ? « » Hat sie Sie erschreckt , bester Herr Baron ? Keine Furcht , ich vermute , etwas Gutes für Sie zu haben . Wollte mir die Ehre eines kleinen Plauderstündchens ausbitten zur Erörterung einiger Fragen , die allerdings einer gewissen Dringlichkeit nicht entbehren . War gerade auf dem Telegraphenamt , als mir der Gedanke kam .... « » Ohne Umschweife , bitte ! « » Sind so pressiert , heute , bester Herr Baron ? Oder ein wenig nervös ? Dieses Hundewetter ! « » Ich befinde mich allerdings nicht ganz wohl . Ich habe einen schlechten Morgen gehabt . « » Sehr bedauerlich ; genehmigen Sie den Ausdruck meiner tiefsten Teilnahme . Wird doch nichts Ernstliches sein ? Am Ende nur kleine Nachwehen einer lustigen Nacht , eines feinen Soupers à deux im Götterwinkel bei Danner oder Arnold ? « In diesem Augenblick trat ein Kunde ins Kontor : ein böhmischer Musikant , der einige Ersparnisse in österreichische Guldenzettel umgewechselt haben wollte . Hinter ihm folgte eine Kundin : eine verschleierte Dame in einen langen Regenmantel geknüpft , der ihre schmächtige , fast elegante Gestalt in scharfen Umrissen herausstellte . Drillinger schaute auf und verschluckte seinen Unmut . Er fühlte sich abgespannt . Weiler war aufgesprungen und hatte die Dame vom Schalter weg sanft in eine Ecke gedrückt . » Pardon , meine Gnädige , das besorgen wir eigenhändig . Große Ehre , angenehme Kundschaft - « und dann im Flüsterton , kurz und pikiert , fast zornig : » Sie hätten auch eine anständigere Stunde wählen können - diese auffällige Zudringlichkeit - ich verbitte mir dergleichen für die Zukunft ! Also wieviel macht ' s ? « Die Verschleierte sprach kein Wort , nur ihre Augen blitzten auf den dicken , bebrillten Krauskopf herab . Sie zog mit einiger Umständlichkeit ein Papier aus der Tasche . Weiler schnitt ein böses Gesicht und wackelte ungeduldig mit dem Kopfe ; hastig griff er nach dem Papier . » Natürlich wieder aus Hirschbergs Modebazar , « knirschte der Bankier und überflog die Zifferreihe . » Gepfeffert ! Das hätte man auch um die Hälfte haben können . Vierhundert Mark ! Unverschämt .... « Der Bankier ließ die Dame in der Ecke stehen , wälzte sich , ohne seinen Ärger vollständig bemeistern zu können , an den Geldschrank - die Kontorjünglinge duckten sich ganz in die Bücher - nahm einige Noten heraus , wickelte sie in die Rechnung und drückte sie der Verschleierten in die Hand . » Heute Abend nach dem Theater ! « wollte er ihr ins Ohr zischen , kam aber mit seinem Mund kaum bis an ihre Achsel . Dabei wippte er auf den Zehen des rechten Fußes , während er mit dem linken einen anmutigen Halbkreis zu schleifen versuchte . Der Halbkreis kam wohl heraus , aber nicht die Anmut . Herr Weiler lebte auf einem ebenso großen wie täppischen Plattfuße , den der modische absatzlose Schnabelschuh nach Kräften karikierte . » Also auf Wiedersehen , Gnädige ! « sprach er laut , überlaut dann : » Sehr angenehm gewesen , verehrte Frau , ergebenster Diener . « Mit einem tiefen Bückling öffnete er die Thür . Lautlos wie sie gekommen , war die verschleierte Kundin hinausgeschritten . Die Kontorjünglinge erhoben vorsichtig spähend die Köpfe und tauschten über die Bücher hinweg pfiffig lächelnde Blicke . Kaum war der Chef im