Anfluge von Überlegenheit das Wort . » Blind . Bin ich es denn ? Du verkennst mich beständig , Judith , indem du meine Fehler entweder übertreibst oder sie vielleicht auch in aller Aufrichtigkeit größer siehst , als sie sind . Sieh , ich habe lange den Eitelkeiten dieser Welt gelebt und dabei vieles nicht gesehen , was ich nicht sehen wollte . Wer aber sein Auge schließt , ist noch nicht blind . Ich weiß genau , was siebenzig Jahre bedeuten und daß sie der Zypresse näher stehen als der Rosenlaube . Der Sprosser im Fliederbusch hat für mich ausgeschlagen . Ich weiß das . Glaube mir , Judith . Und weil ich es weiß , so bitt ich dich aufrichtig , erspar es mir , mich in meinen alten Tagen noch auf irgendwelchem Liebesweg oder wohl gar in Erwartung ausstehender Zärtlichkeiten ertappen zu wollen . Laß dir sagen , wie ' s liegt . Ich habe das Einsamkeitsleben satt und habe vor allem auch die Mittel satt , die sonst dazu dienen mußten , dieser Einsamkeit Herr zu werden . Es ist mir klargeworden , daß man die Leere nicht mit Leerheiten ausfüllen oder gar heilen kann , und so steh ich denn vor einem neuen und nach einer sehr entgegengesetzten Seite hin liegenden Ausfüllversuche . Du hast es gut gehabt und hast unter Feßlers Assistenz dein Lebensmanna in der Kirche gefunden , und etwas von wirklicher Himmelsfreude hat dein irdisch Dasein durchleuchtet . Ich weiß wohl und weiß es alles Ernstes , daß dergleichen ein Glück ist ; aber ich habe nicht das Talent dafür und muß mich mit etwas Irdischerem und Alltäglicherem behelfen . Jeder sucht das Glück auf seine Weise ... « » Und findet es doch nur da , wo es wirklich liegt ... « » Ich bitte dich , Judith , nicht das ; nichts aus diesem Tone ... Begreiflicherweise liegt es mir sehr fern , dich gerad in diesem Augenblicke herausfordern zu wollen , denn ich bedarf deiner Unterstützung , aber was du da für mich hast und mir hinwirfst , das sind Münzen , die der Bettler aufsucht , nicht ich . Es gibt nichts , das mich so nervös machte wie Gemeinplätze , darüber , um ihre Dürftigkeit zu verbergen , irgendein Segen mit irgendeinem Aplomb ausgesprochen wurde . Viel , viel mehr als derartig abständige Christlichkeiten bedeuten mir in diesem Augenblick ein paar heidnische Gottheiten dritten Ranges , kleine Göttinnen , in betreff deren ich nicht einmal weiß , ob sie mythologisch verbürgt und nicht vielleicht bloß Geschöpfe meiner eigenen Erfindung und Ernennung sind . « » Und die wären ? « » Erst die Göttin der Zerstreuung , dann die der Beschwichtigung und Einlullung und endlich die der Plauderei . Das wären so drei , die meiner Not am meisten entsprechen und mir vielleicht aufhelfen würden . Glaube mir , Judith , ich sehne mich nach Rast und Ruhe seit Jahren schon , aber jedesmal , wenn ich sie zu haben vermeinte , summte mir eine Fliege durchs Zimmer und störte mich . Und sieh , diesen Störenfried meiner Ruhe , der in beständiger Metamorphose heute diese und morgen jene Gestalt annimmt , diese böse Fee möcht ich mir durch eine gute Fee verscheuchen , am liebsten aber wegplaudern lassen . Und das kann niemand besser als sie . Sie hat den guten Verstand der Norddeutschen und übt die Kunst der Erzählung und Causerie wie keine zweite . War es nicht gestern erst , als gingen wir mit ihr an dem Bollwerk entlang und sähen die Giebel und Mastspitzen und die hereinbrechende Flut ! Und dazu welche Stimme ! Mein Ohr horcht auf jedes Wort , das sie spricht , und du mußt dir ' s vorstellen , als hätt ich eine beständige Sehnsucht nach einer Melodie . « Die Gräfin lächelte . » Weißt du , wie du sprichst , Adam ? Ganz nach Art eines Prinzen , der einen Vorleser oder , wenn ' s hoch kommt , einen Cellospieler sucht . « » Und doch such ich weder den einen noch den andern , und der Fehler in deinem Vergleiche , Judith , ist einfach der , daß du den tiefen und geheimnisvollen Unterschied übersiehst , der in dem Gegensatz der Geschlechter liegt . Auch für den noch , der mit Hülfe seiner Jahre mit dem kleinen , pausbackigen Gott und seinem Gefolge längst abgeschlossen hat . Ein klug schwatzender Vorleser , den ich herbeiklingle , wäre mir rundheraus ein Greuel , eine Gräfin Petöfy aber , die mir ein Romankapitel vorliest oder ein Chopinsches Notturno vorspielt , der küß ich die Hand . « » Und wie glaubst du nun , daß sich Franziska zu solchem Antrage stellen wird ? « » Das sollst du von ihr erfahren . Eben deshalb mache ich dich zu meiner Vertrauten . « » Und wenn sie nun ja sagt , was glaubst du , daß daraus wird ? « » Mein Glück . « » Erkauft durch das ihre . Denn junges Blut will junges Blut , und was sie dir bringt , ist ein Opfer . « » Ein Opfer ? Wer verlangt das ? Ich nicht . Du verkennst mich beständig , auch hier wieder , auch wieder in diesem Punkte ; denn alles , was dir bloß egoistische Laune dünkt , ist ein Kalkül , der auch das Recht des andern scharf mit in Berechnung zieht . Opfer ! Es soll umgekehrt ein Verhältnis werden , das sich auf vollkommener Freiheit aufbaut , ein Ehepakt , der statt der Verklausulierungsparagraphen ein einziges weißes Blatt hat . Carte blanche . Ja , Judith , laß mich das Wort wiederholen . Wir sind unter uns und dürfen uns vielleicht um unserer Stellung und unserer Jahre willen gestehen , daß wir über Alltagsbegriffe , die schließlich doch immer nur Lüge verdecken , einigermaßen hinaus sind . « Judith lächelte . Der alte Graf aber übersah es oder