Leute glauben ' s zuerst nicht , aber dann fang ' ich an , es genau zu erzählen , als wär ' ich selber die Mutter , und zähl ' die Geburtstage und die Namen der Kinder auf und mach ' von jedem die Stimme nach . Da werden selbst die Schlauesten von diesen frommen Gaunern gläubig und nicken ernst und suchen meinen Schmule zu trösten . Der rückt unruhig hin und her , schweigt aber noch . Aber wie sie ihm gar sagen : Der Rabbi kann alles , er wird gewiß den Schoß deines Weibes für immer verschließen ! da fängt er laut zu weinen an . Gott behüt ' mich davor , schluchzt er , dann prügeln mich mein Vater und mein Schwiegervater , daß mir kein Knochen im Leibe ganz bleibt . Und dann heult er ihnen sein wirkliches Unglück vor . Anfangs schimpfen die Leute auf mich , aber dann wundern sie sich über meine Art , zu erzählen , und einer ruft : Auf Ehr ' , ich hätt ' geschworen , daß ich selbst die Kinder gesehen hab ' - Nun , sag ' ich , ich heiß ' nicht umsonst der Pojaz ! Du bist der Barnower Fuhrmann ? rufen sie , du bist Roseles Pojaz ? Wieviel haben wir schon von dir gehört , du mußt noch mehr erzählen ! Nun krame ich meine Geschichten aus , und alle lachen , daß ihnen die Tränen über die Backen laufen . Und an jenem Abend hab ' ich zum ersten Mal das Wort gehört , welches mir für mein Leben das Wichtigste , das Einzige geworden ist . Was das für ein Wort war ? Theater ! Da sagt nämlich einer von den Sadagórern , welchen sie immer den Meschumed ( Abtrünnigen ) genannt haben , weil er viele deutsche Bücher gelesen haben soll - Sinai Welt hat er geheißen : Gott , sagt er , ewig schad ' , daß dieser Mensch ein Fuhrmann bleibt ! Ich lach ' : Prinz oder Wunderrabbi wär ' ich auch lieber ! sag ' ich . Ich kenn ' etwas anderes , erwidert er , was dir vielleicht das Liebste wär ' - Komödiant ! Was heißt das ? frag ' ich . Das weißt du nicht ? ! So nennt man die Menschen , die im Theater die närrischen Leut ' spielen , über die man lachen muß . Was ist ein Theater ? frag ' ich weiter . Man sollt ' s nicht glauben , ruft er erstaunt , wie sehr die Polnischen zurück sind ! Also höre ! Da tut sich eine Gesellschaft zusammen , Männer und Weiber , und sie mieten einen Saal und beschmieren sich die Gesichter und ziehen sich komische Kleider an , und stellen zusammen eine Geschichte vor , wie du sie uns allein vorgemacht hast - alles erlogen , keine Silbe wahr , aber solang ' man ihnen zuhört , glaubt man , daß es wahr ist , und lacht oder weint . Die anderen Leut ' aber zahlen , damit sie in den Saal gehen können und zuhören und zuschauen . Und was tut der Komödiant bei Tag ? frag ' ich . Nichts , da raucht er Zigarren und ist ein großer Herr , weil er sich am Abend genug verdient ! Das glaub ' ich nicht ! sag ' ich . Ha ! ha ! ha ! lachen die Sadagórer , er glaubt ' s nicht ! So fahr doch nach Czernowitz - es ist ja kaum eine Meile - dort ist jetzt ein Theater . Das will ich , sag ' ich drauf . Es ist mir aber in jenem Augenblick nicht einmal so ernst damit gewesen . Erst als wir allein in unserer Schlafkammer sind , Schmule und ich , und ich kann nicht sogleich einschlafen - da fällt mir ' s wieder ein , und nun freilich hat mich der Gedanke gequält und zu rütteln begonnen . Denn das wär ' ja ein Leben , wie ich mir ' s schon selber geträumt habe ! Herumfahren , die Leut ' anschauen , ihnen ihre Narrheiten abgucken und sie dann den anderen vormachen . Und nun erst von einem solchen Vergnügen auch reichlich leben können - heiß und kalt ist es mir geworden , ruhelos hab ' ich mich herumgewälzt und erst gegen Morgen bin ich so eingedämmert ... Dann machen wir die Geschichte beim Rabbi ab , ohne viel Reden , kurz und gut : er bekommt dreißig Gulden und Schmule bekommt seinen Segen . Anfangs hat er freilich fünfzig verlangt , aber ich sag ' ihm : Dann fahren wir zum Nadwornaer Rabbi , der verlangt nur zwanzig Gulden , obwohl er auf Zwillinge segnet ! - und da hat er schnell nachgegeben . Als wir aus Sadagóra hinausfahren , lenke ich links ab , gegen Czernowitz . Schmule bemerkt es gar nicht , bis wir endlich über der Pruthbrücke sind und in der Vorstadt , der Wassergasse . Da fängt er freilich zu schreien an , daß er nichts zu suchen hat in der unheiligen Stadt , in welcher die Juden Hochdeutsch reden und Schweinefleisch essen . Dann steig ab , sag ' ich ruhig , und miete dir einen Anderen . Nun klammert er sich natürlich an mich , wir fahren den Berg hinauf , in die Stadt . An der Straße , auf einem freien Platz ist ein Zelt aufgeschlagen , davor steht ein Mann , nur in gelbliche Leinwand eingenäht , daß er von fern wie nackt aussieht und trompetet . Nur immer herein ! schreit er , und ein Haufe Gesindel steht vor ihm und lacht . Ist das ein Komödiant ? frag ' ich ganz bekümmert , denn der Mensch hat sehr verhungert ausgesehen . Ja , antwortet mir ein Knabe . Also ist hier das Theater ? Nein ! lacht er , das ist im Hôtel Moldavie . Hier tanzt man auf