zu einer Art Kirchenschande gereichte . Viele Kinder schöpfen zwar gerade aus dieser Sitte die Kunst , mit Salbung und Zungengeläufigkeit , wohl gar mit ihrer Frechheit zu prunken , und der Tag geriet ihnen immer zu einem Triumph- und Freudentag . Gerade bei diesen erwies es sich aber jederzeit , daß alles eitel Schall und Rauch gewesen . Es gibt geborene Protestanten , und ich möchte mich zu diesen zählen , weil nicht ein Mangel an religiösem Sinne , sondern , freilich mir unbewußt , ein letztes feines Räuchlein verschollener Scheiterhaufen , durch die hallende Kirche schwebend , mir den Aufenthalt widerlich machte , wenn die eintönigen Gewaltsätze hin-und hergeworfen wurden . Nicht als ob ich mir einbilden wollte , ein scharfsinnig polemisches Wunderkind gewesen zu sein ; sondern es war einzig Sache des angeborenen Gefühles . So wurde ich gewaltsam auf meinen Privatverkehr mit Gott zurückgedrängt , und ich beharrte auf meiner Sitte , meine Gebete und Verhandlungen selbst zu bestreiten nach meinem Bedürfnisse und sie auch in Ansehung der Zeit nur dann anzuwenden , wenn ich ihrer bedurfte . Einzig das Vaterunser wurde morgens und abends regelmäßig , aber lautlos , gebetet . Aber auch aus meinem innern und äußern Spiel-und Lustleben wurde der liebe Gott verdrängt und konnte weder durch die Frau Margret noch durch meine Mutter darin erhalten werden . Für lange Jahre wurde mir der Gedanke Gottes zu einer prosaischen Vorstellung , in dem Sinne , wie die schlechten Poeten das wirkliche Leben für prosaisch halten im Gegensatze zu dem erfundenen und fabelhaften . Das Leben , die sinnliche Natur waren merkwürdigerweise mein Märchen , in dem ich meine Freude suchte , während Gott für mich zu der notwendigen , aber nüchternen und schulmeisterlichen Wirklichkeit wurde , zu welcher ich nur zurückkehrte wie ein müdgetummelter , hungriger Knabe zur alltäglichen Haussuppe und mit der ich so schnell fertig zu werden suchte als möglich . Solches bewirkte die Art und Weise , wie die Religion und meine Kinderzeit zusammengekuppelt wurden . Wenigstens kann ich mich , trotzdem daß jene ganze Zeit wie ein heller Spiegel vor mir liegt , nicht entsinnen , daß ich vor dem Erwachen der Vernunft je einen Andachtschauer , wenn auch noch so kindlich , empfunden hätte . Ich betrachte diese halb gottlose Zeit gerade der weichsten und bildsamsten Jahre , welche deren wohl sieben bis achte andauerte , als eine kalte öde Strecke und weise die Schuld einzig auf den Katechismus und seine Handhaber . Denn wenn ich recht scharf in jenen vergangenen dämmerhaften Seelenzustand zurückzudringen versuchte , so entdecke ich noch wohl , daß ich den Gott meiner Kindheit nicht liebte , sondern nur brauchte . Jetzt erst wird mir der trübe kalte Schleier ganz deutlich , welcher über jener Zeit liegt und mir dazumal die Hälfte des Lebens verhüllte , mich blöde und scheu machte , daß ich die Leute nicht verstand und mich selbst nicht zu erkennen geben konnte , so daß die Erzieher vor mir standen als vor einem Rätsel und sagten : Dieses ist ein seltsames Gewächs , man weiß nicht viel damit anzufangen ! Zehntes Kapitel Das spielende Kind Desto eifriger verkehrte ich im stillen mit mir selbst , in der Welt , die ich mir allein zu bauen gezwungen war . Meine Mutter kaufte mir nur äußerst wenig Spielzeug , immer und einzig darauf bedacht , jeden Heller für meine Zukunft zu sparen , und erachtete in ihrem Sinne jede Ausgabe für überflüssig , welche nicht unmittelbar für das Notwendigste geopfert wurde . Sie suchte mich dafür durch fortwährende mündliche Unterhaltungen zu beschäftigen und erzählte mir tausend Dinge aus ihrem vergangenen Leben sowohl wie aus dem Leben anderer Leute , indem sie in unserer Einsamkeit selbst eine süße Gewohnheit darin fand . Aber diese Unterhaltung sowie das Treiben im wunderlichen Nachbarhause konnte doch zu letzt meine Stunden nicht ausfüllen , und ich bedurfte eines sinnlichen Stoffes , welcher meiner Gestaltungslust anheimgegeben war . So war ich bald darauf angewiesen , mir mein Spielzeug selbst zu schaffen . Das Papier , das Holz , die gewöhnlichen Aushelfer in diesem Falle , waren schnell abgebraucht , besonders da ich keinen Mentor hatte , welcher mich mit Handgriffen und Künsten bekannt machte . Was ich so bei den Menschen nicht fand , das gab mir die stumme Natur . Ich sah aus der Ferne bei andern Knaben , daß sie artige kleine Naturaliensammlungen besaßen , besonders Steine und Schmetterlinge , und von ihren Lehrern und Vätern angeleitet wurden , dergleichen selbst auf ihren Ausflügen zu suchen . Ich ahmte dieses nun auf eigene Faust nach und begann gewagte Reisen längs der Bach- und Flußbette zu unternehmen , wo ein buntes Geschiebe an der Sonne lag . Bald hatte ich eine gewichtige Sammlung glänzender und farbiger Mineralien beisammen , Glimmer , Quarze und solche Steine , welche mir durch ihre abweichende Form auffielen . Glänzende Schlacken , aus Hüttenwerken in den Strom geworfen , hielt ich ebenfalls für wertvolle Stücke , Glasflüsse für Edelsteine , und der Trödelkram der Frau Margret lieferte mir einigen Abfall an polierten Marmorscherben und halb durchsichtigen Alabasterschnörkeln , welche überdies noch eine antiquarische Glorie durchdrang . Für diese Dinge verfertigte ich Fächer und Behälter und legte ihnen wunderlich beschriebene Zettel bei . Wenn die Sonne in unser Höfchen schien , so schleppte ich den ganzen Schatz hinunter , wusch Stück für Stück in dem kleinen Brünnlein und breitete sie nachher an der Sonne aus , um sie zu trocknen , mich an ihrem Glanze erfreuend . Dann ordnete ich sie wieder in die Schachteln und hüllte die glänzendsten Dinge sorglich in Baumwolle , welche ich aus den grollen Ballen am Hafenplatze und beim Kaufhause gezupft hatte . So trieb ich es lange Zeit ; allein es war nur der äußere Schein , der mich erbaute , und als ich sah , daß jene Knaben für jeden Stein einen bestimmten Namen besaßen und zugleich viel Merkwürdiges , was mir unzugänglich war , wie