Seinem armen Kinde nicht ! ... O Menschenherz ! « Der nächste Brief , den Mansuet von Bozena erhielt , brachte keinen Einschluß mehr von Rosa . Die junge Frau war krank . Sie hatte vor der Zeit ein Knäblein geboren , das nur wenige Stunden lebte , und konnte sich seitdem nicht recht erholen . Bozena ließ sich zu keinem Worte der Klage herbei , sie zeigte dem alten Gönner das letzte Ereignis in der kleinen Familie an und bat ihn , ihr auch den Rest ihrer Ersparnisse zuzusenden . 9 Der Sommer des Jahres 1847 kam heran . Im Hause Heißensteins wurde ein schönes Fest , der sechzehnte Geburtstag Regulas , feierlich begangen . » Die ganze Stadt « nahm daran teil mit alleiniger Ausnahme des Kommis Weberlein , der , von heftigen Kopfschmerzen ergriffen , sich im Augenblicke , wo er zur Tafel gerufen wurde , zu Bette legte . So mancher schöne Toast ward ausgebracht auf das edle Elternpaar der Gefeierten und auf die Gefeierte selbst . Den schönsten jedoch sprach Advokat Wenzel , der Regula als » die junge Hoffnung des alten Hauses « und ihre Eltern als » den Stolz der Stadt « so hoch und lange , als es auf Erden nur denkbar möglich , leben ließ . Man ging spät und äußerst erhoben und gerührt , in später Nachtstunde , nämlich um zehn Uhr , auseinander . Am folgenden Tage trat Heißenstein eine Reise nach Wien an und kehrte von dort nach dem Verlaufe einer Woche in ganz ungewöhnlich munterer Stimmung und in Begleitung Joseph Frohburgs zurück . Frau Nannette empfing den jungen Mann , als er nach sorgfältig gemachter Toilette im Gesellschaftszimmer erschien , wo die Familie ihn erwartete , mit jener aus Haß und Liebe , Neid und Wohlwollen gemischten Empfindung , die überzärtliche Mütter dem zukünftigen Schwiegersohn entgegenbringen . Der also wird in den Besitz ihres teuersten Gutes treten , für den hat sie das vorzüglichste der Geschöpfe geboren und erzogen ! Die gescheite Frau war zum erstenmal in ihrem Leben um eine Ansprache verlegen , als Joseph Frohburg sich tief und ehrfurchtsvoll vor ihr verbeugte , und Heißenstein gewann Zeit , die Vorstellung und Bewillkommnung auf das schlichteste zu besorgen , indem er sprach : » Das hier ist meine Frau , und das dort ist meine Tochter . Laß dir ' s bei uns gefallen , mein Junge . « Gefallen ! Joseph hatte den Blick zu Regula erhoben und sogleich wieder gesenkt . Der erste Eindruck , den sie auf ihn hervorbrachte , war ein ungünstiger , Nannette konnte sich das nicht verhehlen ; aber sie tröstete sich mit der Hoffnung , ihr Geist werde ihn bezwingen . » Zum Abendessen ! « rief Heißenstein ; » ich habe wahrhaftig Appetit ! « Man begab sich in das Speisezimmer , und Joseph erhielt seinen Platz neben Regula . Nannette selbst , die ihrer Tochter doch alles mögliche Gute zutraute , war erstaunt über die feine Weise , mit der sie auf den Ideengang des Gastes einzugehen und dabei ihr Licht auf den Scheffel zu stellen verstand . Er sprach von Nestroys letzter Posse . Sie wußte in seinen Bemerkungen darüber Anknüpfungspunkte zu finden , die sachte hinüberführten auf die Orestie des Äschylus , ihre philosophische Bedeutung und ihren politischen Zweck . Er sprach von der Lieblichkeit der Donauauen - sie schwebte von diesen nach den Sozietätsinseln und nannte den Namen jeder einzelnen . Er sprach von dem Tode seiner Mutter , sie - von der Nadowessischen Totenklage . Er erzählte von dem » Putsch « der Schweizer Radikalen , sie ließ ein Wort über Huitzilopochtli , den Kriegsgott der Azteken , fallen . Zuletzt wurde das Verständnis zwischen dem jungen Pärchen ein so vollständiges , daß Rede und Gegenrede überflüssig schien . Dem Gaste zum mindesten , der von nun an schwieg . Beim Beginne des Abendessens hatte sein Blick noch manchmal scheu und prüfend auf der eckigen Gestalt Regulas geruht , auf ihrem gelben Gesichte und den gleichfarbigen , an die Schläfe angeklebten Scheiteln , von denen auch nicht ein Haar abstand ; jetzt blieb er hartnäckig auf das Tischtuch geheftet . Joseph wurde bleicher und bleicher und mußte endlich gestehen , daß er sich unwohl fühle . Heißenstein hob sofort die Tafel auf und geleitete seinen Gast , der aufzuatmen schien , als er das Speisezimmer im Rücken hatte , auf die für ihn bereit gehaltene Stube . Am frühen Morgen schon stand ein Postwagen vor dem Hause und Joseph in Reisekleidern vor Heißenstein . » Verzeihen Sie mir , mein väterlicher Freund « , sprach der junge Mann treuherzig , » aber - ich habe mir ' s überlegt , ich fühle noch keinen Beruf , mich zu verheiraten . Ich glaube am ehrlichsten zu handeln , wenn ich es Ihnen gleich eingestehe . « » Wozu die Eile ? « fragte Heißenstein betroffen , » lerne meine Regel besser kennen . Sie gehört zu der Sorte von Weibern , denen jeder Mann ohne Sorge sein Lebensglück anvertrauen kann . « » Ich bin davon überzeugt « , erwiderte Joseph , » allein ob das ihre in meinen Händen gesichert wäre , daran zweifle ich . « Heißenstein sah ihn an und schüttelte den Kopf : » Sei aufrichtig - sie gefällt dir nicht « , sagte er mit einem Ausdruck von so hoffnungsloser Trauer in Stimme und Gebärde , daß Joseph , davon ergriffen , die Hand des alten Mannes faßte und drückte . Dieser klopfte ihm auf die Schulter : » Nun ja , ich habe Besseres für dich im Sinne gehabt . - Es hat aber nicht sein sollen . « So endete Heißensteins letzter Versuch , den Traum seines Lebens zu verwirklichen . Mansuet suchte vergebens ihn darüber zu trösten , indem er ihn versicherte , er fände zehn für einen Freier für das Fräulein Tochter und zwanzig für einen , die bereit wären , seinen Namen anzunehmen .