, sie hat ihre Stimme verloren . « » So - du hast den Brief gefunden und ihn gelesen , Leonore ? « fragte sie in ihrem eisigsten Tone . Ich nickte stumm mit dem Kopfe . » Und du schämst dich nicht ? « schalt sie . » Mir machst du Vorwürfe , weil ich in den schweren Stunden meine Pflicht und Schuldigkeit thue , und in dem gleichen Moment guckst du in fremde Briefe , die dich auf der Gotteswelt nichts angehen ! - Das ist so gut wie Diebstahl - weißt du das ? ... Uebrigens glaube ich kein Wort von dem ganzen geschriebenen Zeug ; und damit gib dich zufrieden ! « » Nein , das kann ich nicht ! ... Sie dauert mich ! Wirst du ihr wirklich nichts schicken ? ... Ach , Ilse , ich bitte dich - « » Nicht einen Pfennig ! ... Die hat mehr als ihr Erbteil vorweg genommen in der Nacht , wo sie heimlich aus dem Hause gegangen ist - das hat auch in dem armen Kopf da drinnen gewühlt - « » Meine Großmutter hat ihr verziehen , Ilse - « » Ich müßte das erst lernen ! Das kann wohl eine Mutter , noch dazu , wenn sie schon fast nicht mehr auf der Erde ist ; aber unsereinem , der das Elend jahrelang mit angesehen und redlich mitgetragen hat , dem wird ' s schon saurer ... Gelt , nimmst alles für bare Münze , was in dem Briefe steht ? ... Ja , ja , auf den Knieen kömmt sie gerutscht , aber nicht etwa , weil sie Verzeihung will - Gott bewahre ! - ohne die hat sie lange Jahre draußen gelebt , und ist es recht gut gegangen - Geld will sie ! ... Das liebe Geld ! Darum ist ' s freilich der Mühe wert , auf die Kniee zu fallen ! « Wie tief mußte ihr dies alles gehen , daß sie so heftig und bitter und so anhaltend sprach , die schweigsame Ilse . » Kannst bei der Gelegenheit auch erfahren , weshalb deine Großmutter das Geldgeklapper nicht hören konnte , « fuhr sie , tief Atem schöpfend , fort . » Es kann dir nicht schaden , wenn du erfährst , wie viel Unglück oft an solchen leidigen Thalern hängt , wie du sie gestern zum erstenmal in deinem Leben gesehen hast ... Deine Großmutter ist die reichste Frau in Hannover gewesen - ihr erster Mann hat ihr volle Kisten und Kasten hinterlassen ... Nachher bei der zweiten Heirat - sie mochte den Mann eben zu gut leiden - da hat sie die größten Opfer gebracht , ihren Glauben hat sie hingegeben ; den durfte sie ja nicht mitbringen - mit dem jüdischen Geld nimmt man ' s nicht so genau . Es hat auch gar nicht lange gedauert , da ist ' s ihr klar geworden , daß es dem zweiten nicht im geringsten um ihre Liebe zu thun gewesen ist - ihre Kapitalien aber sind mit der Zeit nur so nach allen vier Winden verflogen - der hat ' s verstanden ! « » Das war mein Großvater , Ilse ? « Das prächtige Karminrot erschien plötzlich in seiner ganzen früheren Glut auf Ilses Backenknochen . » Siehst du , da lässest du einem keine Ruhe und fragst das Blaue vom Himmel herunter , und nachher kommen solche Dinge zum Vorschein ! « schalt sie ärgerlich und stand auf . » Aber das sage ich dir , mit der Christine kömmst du mir nicht wieder - die ist tot für mich , das merke dir , Kind ... Brauchst auch gar nicht mehr an die Verlogene zu denken - das sind Dinge , die nicht in deinen jungen Kopf passen ! « Sie schob Heinz , der sich demütig und schweigend auf einen Stuhl gesetzt hatte , eine Tasse hin und schenkte ihm Kaffee ein ; aber einen Blick erhielt er noch nicht . Dann ging sie wieder hinaus an den Brunnen . Ich sah , wie sie die Zähne zusammenbiß , als sie den Schwengel hob , aber das mußte ja sein ! Der Wasserstrom schoß unermüdlich nieder , bis der Eimer gefüllt war . Nein , und wenn Ilse auch immer das Richtige traf , darin konnte ich ihr doch nicht folgen . Denken mußte ich an die unglückliche Sängerin ! Sie war ja meine Tante ! Meine Tante ! Das klang süß und wohlthuend , aber doch viel zu gesetzt für das reizende Gebild , das mir vorschwebte ... Und doch - sie war älter als mein Vater , älter als zweiundvierzig Jahre - hu , wie entsetzlich alt ! ... Aber das half doch alles nichts , meine Phantasie blieb geschäftig , die interessante Gestalt auszuschmücken - sie war ja eine Sängerin ... Ich flüchtete mit meinem übervollen Herzen hinüber auf den einsamen Hügel und starrte mit schmerzenden Augen in den schönen blauen Himmel ... Ob sie mich wohl sah , meine liebe Großmutter , wie ich traurig dasaß ? Sie war ganz gewiß nicht böse , daß ich an Christine dachte - sie hatte ihr ja verziehen ! ... 8 Vier Wochen waren seit dem Tode meiner Großmutter verstrichen . Ich war dabei , als man sie auf dem Gottesacker des nächsten Dorfes in die Erde bettete . Der gute , alte Pfarrer betete so inbrünstig um Frieden für die Hingeschiedene , als läge sein liebstes Beichtkind zu seinen Füßen , und Heinz schien auch vergessen zu haben , daß die wenigen Bretter da unten eine getaufte , und dem Christentum dennoch wieder abgewendete Jüdin umschlossen - er weinte bitterlich ... Nun blühten schon die bunten Sommerblumen auf dem neuen Hügel ; sie stiegen leicht und zwanglos aus dem dunklen Erdreich , wie liebliche Traumgebilde der drunten Schlafenden , und nickten helläugig in die sonnige Welt hinein . Der einsame Dierkhof hatte just seine schönste Zeit ; er lag mitten