Faber senior überließ ihm denn auch willig Lanzette und Zange , sich selber mit dem Schermesser und der Aufsicht über seine Wiesen und Äcker begnügend . In der freien Zeit , welche dem unermüdlichen Knaben neben Büchern und Praxis noch hinreichend blieb , saß er im Laboratorium des Apothekers , machte Studien im Schlachthause oder in dem des Abdeckers , der nebenbei , wie viele seines Zeichens , für einen Geheimkünstler galt . Bei keiner Leichenschau , keiner Obduktion fehlte Siegmund Faber . Als er aber endlich auch dem Namen nach der Schulbank entlassen war , da blieb er häufig tage- , ja wochenlang aus dem Hause verschwunden , und hätte Vater Faber nach den Wegen eines Menschen , der seinen eigenen geht , geforscht , in den klinischen Instituten und anatomischen Kabinetten unserer beiden Nachbaruniversitäten , ja selber in denen des ferneren Jena würde er ihn aufgefunden haben . Professoren und Sektoren , von dem seltsamen Eifer des jungen Autodidakten angezogen , nahmen ihn willig in ihr Gefolge auf und gaben mancherlei Anleitung , die zu weiteren Forschungen führte . Im Gymnasiastenalter war Siegmund Faber bereits eine bekannte Persönlichkeit und hatte eine Art von Ruf meilenweit in der Runde . Es wurde daher kein Bedenken getragen , ihn als Gehilfen unseres Regimentsfeldschers eintreten zu lassen . Man fragte jener Zeit im ärztlichen Militärdienst wenig , was einer wußte oder nicht wußte , sondern begnügte sich mit dem , was er konnte , oder auch ebenfalls nicht konnte . Da aber Siegmund Faber ohne Zweifel etwas konnte , so galt es für ausgemacht , daß ihm der Posten des alten Feldschers zugesprochen werden würde , als dieser endlich zu der Überzeugung gelangt war , daß er , wenn er überhaupt jemals etwas gekonnt , zurzeit jedenfalls nichts mehr konnte . Während dieses Interims starb Vater Faber ; sein Sohn war volljährig , das heißt einundzwanzig Jahr , ein vermögender , unabhängiger Mann . Und das war der Zeitpunkt , in welchem meine Eltern die Rettung der kleinen Dorl von ihm erwarteten . Denn in solchen Widersprüchen - oder Ausgleichungen ? - gefällt sich die Natur : dieser Mensch , der keinen Sinn zu haben schien , als für die leiblichen Abirrungen der Kreatur , kein Bedürfnis , als deren Herstellung , keine Leidenschaft , als den Ehrgeiz des Meisterwerdens in seiner Kunst , derselbe Mensch fühlte sich , als ob seine Organe der Erholung bedürften , mit einem ebenso frühen ausschließlichen Verlangen einem Wesen zugetrieben , dem heilsten und schönsten , das sich in seinem Gesichtskreise erspähen ließ . Dieses Wesen war seine kleine Nachbarin Dorothee . Schon als Wiegenkind soll er sie mit Entzücken betrachtet , er , der Ruhelose , oft stundenlang in ihrem Anblick verweilt haben ; späterhin wurde sie nicht seine Gespielin , aber das einzige Spielwerk , das er jemals gehegt . Er brachte ihr Näschereien , Blumen , allerlei Putz und Tand ; er nannte sie sein Dörtchen , sein Kind , seine Braut , sprach von ihr als von seiner einstigen Frau mit derselben Zuversicht wie von dem großen Doktor , zu dem er es bringen werde . Und seltsam ! Keiner lachte über den kleinen ernsthaften Mann . Wieder später sahen wir ihn sich zu einem Schutzherrn über die reifende Jungfrau erheben . Er hütete sie mit einer Art von Eigentumsrecht : wie ein Blitz rachsüchtigen Grimms zuckte es in seinen forschenden Augen bei jedem Beifallszeichen eines Fremden , die Fäuste ballten sich bei einer unziemlichen Neckerei über die hübsche Kellnerin ; gewiß , er hätte den Beleidiger morden können , der ihm seine Blume entweihte . Daß dieser Mensch eine Seele habe neben dem stolzen , spekulativen Geist , eine zärtliche , bedürftige Seele , das offenbarte sich ausschließlich in seinem Verhalten gegen das Kind , von welchem er , wie von seiner Kunst , aus eigener Machtvollkommenheit Besitz ergriffen hatte . Mit Genugtuung sah demnach Mosjö Per-sé sein » kleines Anwesen « ( zwischen den Gänsefüßchen allemal Papa Reckenburgscher Humor ! ) unserem Familienkreise eingereiht . Hier war sie geborgen , hier schulte sie sich für eine gesellschaftliche Stellung , die er a priori für sich selbst in Anspruch nahm . Er , der so selten lächelte , strahlte vor Entzücken , wenn er an den geschilderten Tanzabenden den zierlichen Schmetterling auf und nieder schweben sah , oder das silberne Stimmchen fix und fertig in einer Mundart plappern hörte , die er selber nicht verstand . Das Verlangen nach seinem Augentrost führte ihn daher auch öfter , als es wohl sonst geschehen sein würde , in das Reckenburgsche Familienzimmer , und wurde er auf diese Weise Dörtchens Kameradin eine Art von Kamerad . » Sie begreifen das , Fräulein Hardine , « pflegte er zu sagen , wenn er mich - und mich allein - zur Vertrauten neuer Wahrnehmungen und Folgerungen in seiner jugendlichen Praxis oder des Zweckes und Zieles seiner Ausflüge machte . Die Gedanken der Jungfer Grundtext wurden durch diese Aphorismen in Bahnen gelenkt , welche der ehrliche Christlieb Taube nicht zu eröffnen verstand . Und so war es der Sohn und Gehilfe eines Barbiers , der mir in meinem gefährlichen Alter die Langeweile der Intelligenz verscheuchte , dem jugendlichen Verlangen Salz und Würze bot . Nicht ihm zu gefallen , aber ihn zu verstehen , strengte ich mich an . Mosjö Per-sé war der Mensch , der mich im fünfzehnten Jahre mehr als ein späterer im Leben , wie man es nennt , interessiert hat . Die leiseste Andeutung seines Berufs stockte hingegen , sobald sein Dörtchen in unsere Nähe trat , und zwar nicht darum , weil er sie vielleicht einmal bei der bloßen Erwähnung von Blut und Wunden hatte erbleichen oder sich die Ohren verstopfen sehen , sondern einfach , weil er seinen Beruf in ihrer Nähe vergaß , weil sein Pulsschlag einen anderen Takt annahm , und die Strebenslast von ihm wich unter dem Behagen einer Herzensweide . Und Dorothee ? werdet Ihr fragen