diesem kummerbleichen Gesicht gesehen hatte . Sie hatte heut ' seit vielen Jahren die schönste Stunde erlebt . Nicht der so seltene Wein , die erlebte Ehre machte sie so froh und weckte tausend Hoffnungen auf eine schöne , glückliche Zukunft . Einmal über das andere drückte sie des Sohnes kräftige Hand , die sie führte , und wenn auch Dorotheens Anwesenheit sie zuerst etwas scheu machte , so konnte sie doch nicht unterlassen , ihre Freude über das Erlebte auszusprechen . Freilich kam sie auch auf die Worte , mit welchen Jos den Krämer neckte , und der Ton ihrer Stimme wurde dabei sehr ernsthaft , aber sie waren schon zu hart bei den Häusern von Argenau , um darüber noch lange reden zu können . Sie dachte wieder an den Abschied , der ihr jetzt weit weniger schwer fiel als zwei Stunden vorher . » Daheim sich wohl sein lassen « , meinte sie , » können arme Leute nun einmal nicht , und , das angenommen , haben es wenige besser als wir , da wir uns ja täglich einen guten Morgen wünschen können . « Sie sprang wie ein junges Mädchen , um dem Jos die eingepackten Kleider aus dem Häuschen zu holen , und als er ihr die Hand reichend » Behüt ' Gott ! « sagen wollte , meinte sie , es wäre doch lächerlich , soviel Wesens zu machen , wenn man nur in ein Nachbarhaus gehe . Dennoch zitterte ihre Stimme , als sie das sagte . Dann aber mußte ihr eine sehr dringende Arbeit eingefallen sein . Sie drehte sich rasch um und eilte ins stille , öde Häuschen zurück . Stighansens neuer Knecht bemerkte kaum , wie groß ihn die hungrigen Kühe ansahen , bevor sie sich an das ungestüm geforderte Futter machten , so sehr waren seine Gedanken mit dem wunderlich gestalteten Schatten beschäftigt , der sich so zwischen ihn und Dorothee gedrängt hatte . Je länger er ihn vor sich sah oder zu sehen glaubte , desto ähnlicher wurde er dem etwas stark gebauten , kurzhalsigen Stighans ... Jos ließ alles , was er heute sah und hörte , an sich vorüberziehen und war noch mit der Frage beschäftigt , ob Dorothee mit einer goldenen Kette zu fesseln sei vom nächstbesten Hans oder ob nicht vielmehr ein höherer Mut aus diesen lieben braunen Augen blicke . Da hörte er des Mädchens wundervolle Altstimme von dem einsam auf der Alp stehenden Hause und von der Sennerin singen . Oh , wie klang das gleichsam durch all seine Nerven hindurch ! Er setzte sich auf einen Melkstuhl und lauschte . Jetzt rechnete er nicht mehr und fragte nichts . Um sein Herz weitete sich ' s , und feuchten Auges dankte er Gott , daß er da war , es mochte nun kommen , wie es wollte . Sechstes Kapitel Der erste Tag im neuen Dienst Im ersten Traum unter fremdem Dache pflegt man Vorbedeutungen für Künftiges zu suchen , als ob man darin wie in einem freilich trüben Spiegel sähe , was man in diesem Hause noch erleben werde . Es tat dem noch etwas scheuen Jos ungemein wohl , als am anderen Morgen beim Kaffeetrinken sich Dorothee sogleich mit der Frage an ihn wendete , was er denn heut ' nacht im Traum erlebt und für seine Zukunft Bedeutungsvolles gesehen habe . » Ich kann mich an gar nichts mehr erinnern « , antwortete er , fast traurig darüber , daß sein Bericht nicht länger währen konnte , denn gestern beim Abendessen war ihm die Stille beinahe peinlich geworden . » Das « , meinte die Stigerin etwas bitter , » könnte leicht bedeuten , daß du in unserm Hause auch nicht viel oder doch nicht viel Unvergeßliches erlebst . « » Ich freilich hab ' mir es ganz anders ausgelegt « , wagte Jos zu erwidern . Und als sich ihre Lippen etwas strenge verzogen , fuhr er , wie immer , wenn er sich noch nicht recht sicher fühlte , geschwätzig fort : » Auch ich hätte recht gern eine gute Vorbedeutung gehabt . Nach dem Erwachen hab ' ich mich angestrengt wie früher als Schüler , wenn ich mich auf die gestern so mühevoll auswendig gelernte Katechismusaufgabe besann , um mich eines Traumes zu erinnern . Doch das ging nicht und ging nicht , wie müd ' ich mich auch sinnen mochte . Ja , ich ermüdete und wäre bald über dem Nachdenken wieder eingeschlafen , als mir , wie vom Schutzengel eingegeben , die Vorstellung kam , nicht ein Traum entscheide über meine Zukunft , sondern ich selbst . Darüber hab ' ich mir dann eine ganze Predigt gemacht , und so mutig , so froh bin ich dann zu den Kühen in den Stall gegangen , daß es wohl selbst der kaum glaubt , den mein Jauchzen und Singen weckte . « » So etwas « , meinte Dorothee , » kann man nicht jedem sagen , aber zeigen läßt es sich ; drum werden wir schon auch noch davon erfahren . « Solchen Mut wie aus diesen Worten hatte Jos von seiner selbstgemachten Predigt schwerlich gewonnen . Er wurde also doch von dem guten Mädchen liebevoll beachtet . Nun konnte seinetwegen die alte , fette Frau kichern und meinen , man werde eben nicht viel sehen ; ihm war das ganz gleichgültig , oder vielmehr es war ihm recht , daß er die beiden sogleich etwas auseinandergehen sah . Nun sagte Hans , der inzwischen seine Kaffeeschüssel geleert und das große Butterbrot verzehrt hatte : » Heut ' muß denn doch endlich das Heu abgewogen und heimgebracht werden , welches mir der Krämer vom Lipp gekauft hat . Es kostet wahrhaftig nur einen Spottpreis . « » Ja « , rief Jos , » das war auch so ein Handel , für den man den Krämer einige Wochen einstecken sollte . « » Ein Teufelskerl ist er , der Krämer « ,