geworfen . Felicitas näherte sich der Herrin des Hauses und legte ein bewunderungswürdig gesticktes Batisttaschentuch auf den Nähtisch derselben . Die Regierungsrätin griff hastig danach . » Soll das auch verkauft werden zum Besten der Missionskasse , Tante ? « fragte sie , während sie das Tuch entfaltete und die Stickerei prüfte . » Je nun , freilich , « versetzte Frau Hellwig ; » Karoline hat es ja zu diesem Zwecke arbeiten müssen - sie hat lange genug damit getrödelt . Ich denke , drei Thaler wird es doch wohl wert sein . « » Vielleicht , « meinte die Regierungsrätin achselzuckend . » Woher haben Sie denn die Zeichnung zu den Ecken , liebes Kind ? « Ein leises Rot stieg in Felicitas ' Gesicht . » Ich habe sie selbst entworfen , « antwortete sie mit leiser Stimme . Die junge Witwe sah rasch auf . Ihr blaues Auge veränderte sich für einen Moment - es schillerte fast ins Grünliche . » So , selbst entworfen ? « wiederholte sie langsam . » Nehmen Sie mir ' s nicht übel , Kindchen , aber das ist eine Kühnheit , die ich mit dem besten Willen nicht fasse . Wie kann man nur so etwas wagen ohne die erforderlichen Kenntnisse ! ... Das ist echter Batist , der Tante kostet dies Stück mindestens einen Thaler - es ist verdorben durch die stümperhafte Zeichnung . « Frau Hellwig fuhr heftig empor . » Ach , sei nicht böse auf Karoline , liebe Tante , sie hat es gewiß nur gut gemeint , « bat begütigend mit sanfter Stimme die junge Dame . » Vielleicht läßt es sich doch noch verwerten ... Sehen Sie , liebes Kind , ich habe mich grundsätzlich nie mit Zeichnen abgegeben , der Stift in der weiblichen Hand gefällt mir nicht , aber nichtsdestoweniger habe ich ein sehr , sehr scharfes Auge für eine fehlerhafte Zeichnung ... Gott im Himmel , was ist das für ein monströses Blatt hier ! « Sie zeigte auf ein längliches Blatt , dessen Spitze umgebogen war , und das sich in täuschenden Umrissen abhob von dem durchsichtigen Gewebe . Felicitas erwiderte kein Wort , doch sie preßte die zarten Lippen aufeinander und sah fest in das Gesicht der Tadlerin ... Die Regierungsrätin wandte sich hastig ab und legte die rechte Hand über die Augen . » Ach , liebes Kind , jetzt hatten Sie wieder einmal Ihren stechenden Blick ! « klagte sie . » Es schickt sich wirklich nicht für ein junges Mädchen in Ihren Verhältnissen , andere so herausfordernd anzusehen . Denken Sie nur an das , was Ihnen Ihr wahrer Freund , unser guter Sekretär Wellner , immer sagt : Hübsch demütig , liebe Karoline ! ... Sehen Sie , da haben Sie nun gleich wieder einen verächtlichen Zug um den Mund - das könnte einen beinahe ärgern ! ... Wollen Sie sich denn wirklich auf das Romantische spielen und das Anerbieten dieses Ehrenmannes hartnäckig zurückweisen , weil - Sie ihn nicht lieben ? ... Lächerlich ! Da wird schließlich mein Vetter Johannes doch einen Machtspruch thun müssen ! « Wie mußte sich das junge Mädchen in der Selbstbeherrschung geübt haben ! Bei den letzten Worten der Regierungsrätin fuhr sie empor ; man sah , wie ihr das rebellische Blut nach dem Kopfe stürmte ; das plötzlich hoch empor gerichtete Haupt erhielt einen Augenblick etwas Dämonisches durch den Ausdruck des Hasses und der Verachtung . Dennoch sagte sie gleich darauf ruhig und kalt : » Ich werde es darauf ankommen lassen . « » Wie oft soll ich denn noch bitten , Adele , diesen widerwärtigen Handel nicht mehr zu berühren ! « sagte Frau Hellwig erbittert . » Bildest du dir denn ein , in wenig Wochen diesen Starrkopf , dieses Stück Holz zu brechen , nachdem ich ' s neun Jahre umsonst versucht habe ? Sobald Johannes kommt , wird die Sache ein Ende nehmen , und ich mache meine drei Kreuze ... Jetzt geh und hole mir Hut und Mantille , « herrschte sie Felicitas zu . » Ich hoffe zu Gott , daß diese Stümperei , « sie warf das Taschentuch verächtlich beiseite , » die letzte ist , die du dir in meinem Dienste hast zu schulden kommen lassen ! « Felicitas ging schweigend hinaus . Bald darauf schritten Frau Hellwig und ihr Gast über den Marktplatz . Die schöne Frau führte ihr krankes Kind mütterlich zärtlich an der Hand . Verschiedene Köpfe fuhren aus den Fenstern und sahen der reizenden Erscheinung nach , die für alle ein sanftes , kinderfrohes Lächeln hatte . Rosa , ihr Dienstmädchen , und Friederike folgten mit Körben am Arme ; das Abendbrot sollte draußen im Garten gegessen werden , zugleich wollte man Kränze und Guirlanden binden . Morgen wurde der junge Professor nach neunjähriger Abwesenheit im Elternhause erwartet , und obgleich Frau Hellwig über die » Alfanzereien « brummte , ließ es sich die Regierungsrätin doch nicht nehmen , das Zimmer des Ankömmlings zum Willkommen zu schmücken . 11 Heinrich schloß die Hausthür , und Felicitas stieg die Treppe hinauf . Der schmale Gang mit seiner dumpfen , eingeschlossenen Luft , der sich da oben seitwärts abzweigte , wie lieb und traut umfing er das junge Mädchen , das eilig hindurch schlüpfte ! Dann kam ein stiller , abgelegener Vorplatz ; auf schiefe Wände , ein plumpes , wurmzerfressenes Treppengeländer , das unten aus unheimlicher Dämmerung emporstieg , und auf eine uralte , mit steifgemalten Tulpen und ziegelroten Rosen bedeckte Thür fiel hier ein falber Lichtschein , den bouteillengrüne Gläser hineinwarfen . Felicitas zog einen Schlüssel aus der Tasche und öffnete geräuschlos die Thür , hinter welcher eine schmale , dunkle Treppe nach der Mansarde führte . Das junge Mädchen hatte den halsbrechenden Weg über die Dächer nur ein einziges Mal machen müssen , von jenem Momente an war ihr der Eintritt in die abgeschiedene Klause der alten Mamsell unverwehrt . Während der ersten